Ohne Cora gĂ€be es kein „The Postman always rings twice“, ohne Lauren Bacall wĂ€re Humphrey Bogart in „The Big Sleep“ nur ein Detektiv. Die femmes fatales gehören zum Noir. Sie sind prĂ€gende Figuren, Anker zwischen VorlĂ€ufern und Nachfolgern, Traditionen und Entwicklungen. Erdacht wurden sie zumeist von MĂ€nnern. So auch AimĂ©e Joubert. Diesen Namen gibt sich die Frau in Jean-Patrick Manchettes „Fatale“ (1977). Sie ist eine starke Frauenfigur, fast feministisch zu nennen, und wurde nicht nur von einem Mann erfunden, sondern noch von einem zweiten Mann interpretiert: Im Jahr 2014 erschien die Graphic Novel „Fatale“ von Max Cabanes unter Mitarbeit von Manchettes Sohn Doug Headline. Eine Figur, zwei Ausgestaltungen in verschiedenen Medien und Zeiten.

Erste Bekanntschaft – Auf dem Weg nach BlĂ©ville
Manchette charakterisiert seine Figuren durch ihre Taten und weniger durch Inneneinsichten, deshalb kann sich Cabanes‘ Graphic Novel in der Handlung eng an den Roman halten. Am Anfang steht die Jagd einer Gruppe von MĂ€nnern. Als sich der feiste Roucart von ihnen trennt und in einer Schlucht Halt macht, nĂ€hert sich ihm eine Gestalt. Bei genauerem Hinsehen erkennt er, dass es eine Frau ist: „Sie war zierlich, trug einen langen hellbraunen Wachsmantel, Pataugas-Schuhe und einen runden Regenhut auf dem langen braunen Haar. Über ihre Schulter hing eine 16er-Flinte.“ Diese Beschreibung ist bei Manchette zu lesen, bei Cabanes zu sehen – und damit erweitert sich der erste Eindruck. Sie steht breitbeinig und entschlossen vor Roucart, unterlĂ€uft offensichtlich dessen EinschĂ€tzung, sie sei zufĂ€llig vorbei gekommen. Im Roman wird ihre Absicht durch ein andeutungsweises LĂ€cheln markiert, in der Graphic Novel umspielt ihre ZĂŒge hingegen ein leicht trauriger Zug, in ihrem Gesicht ist sowohl Ekel als auch Entschlossenheit zu erkennen. Dann folgen nach drei Bildern, die Roucarts Überraschung zeigen, ein einfaches „Blam“ und Blutspritzer.

Diese erste Tat der Frau – erst spĂ€ter wird sie sich AimĂ©e Joubert nennen – ist ĂŒberraschend, 1977 vermutlich noch mehr als 2014. Über die HintergrĂŒnde ist zunĂ€chst nichts zu erfahren, vielmehr fĂ€hrt AimĂ©e nach der Tat zum Bahnhof, holt ihr GepĂ€ck aus dem Schließfach und besteigt einen luxuriösen Nachtzug. Sie wirkt nicht nervös oder auffĂ€llig, sondern als Reisende, die sich ihrer Wirkung ebenso wie ihrer Ziele bewusst ist. Also ĂŒberredet sie den Zugbegleiter, die Vorschriften zu missachten. Bei Manchette fragt sie den Mann „lĂ€chelnd“, ob er ihr Essen ins Abteil bringen wĂŒrde, er lehnt zunĂ€chst ab, kann dann aber dem 50-Franc-Schein und „ihrem bezaubernden LĂ€cheln“ nicht widerstehen. In der Graphic Novel ĂŒberzeugen ihr undurchdringlicher Blick (und der Geldschein); ein LĂ€cheln ist lediglich andeutungsweise zu erkennen. Bei Cabanes ist AimĂ©e kĂŒhler, stĂ€rker, wĂ€hrend bei Manchette die Schwere der Tat durch ihr charmantes, fast flirtendes Auftreten in den Hintergrund rĂŒckt.

Sex und Macht – Die grĂŒne Tasche
Nach dem Mord an Roucart wird in Manchettes Text mehrfach auf eine grĂŒne Tasche hingewiesen, die AimĂ©e nicht aus den Augen lĂ€sst. Auch bei Cabanes ist sie im Bild zu sehen, jedoch erscheint sie – wie von AimĂ©e intendiert – als gewöhnliche Handtasche. Erst in dem Bild, in dem AimĂ©e im Abteil am Waschbecken steht und die Tasche am Beckenrand liegt, wird ihre Bedeutung ersichtlich, indem sie fast strahlt. Es stellt sich heraus, dass sie das Geld enthĂ€lt, das AimĂ©e fĂŒr ihre Tat bekommen hat.
Dieses Geld ist bedeutsam. Nachdem sie sich geduscht, ihre Haare gefĂ€rbt und von dem Schaffner das Essen hat bringen lassen, setzt sie sich nach einem Blick aus dem Fenster auf ihr Bett. Bei Manchette liegt die Tasche auf ihren Knien, bei Cabanes expliziter zwischen ihren Beinen. AimĂ©e erregt das Geld, die Macht, die mit ihm verbunden ist. Gierig verschlingt sie im Folgenden das bestellte Sauerkraut mit WĂŒrstchen, stĂŒrzt zwei Flaschen Champagner herunter, interessiert sich nicht fĂŒr EssenssĂ€fte, die an ihr heruntertropfen, und reibt sich immer wieder an dem Geld. Bei Manchette „gerĂ€t sie immer mehr außer sich“, bei Cabanes ist sie „wie von Sinnen“ (das ist ein kleiner Unterschied, der aber wie weitere Abweichungen auch auf die unterschiedlichen Übersetzungen – im Roman von Christina Mansfeld; in der Graphic Novel von Resel Rebiersch – zurĂŒckgefĂŒhrt werden kann). Sie ist betrunken und erregt, dabei erscheint sie in der Graphic Novel durch die in den Bildern vorherrschenden GrĂŒntöne, die leuchtend-hellen Augen und ihre strahlend-weißen ZĂ€hne fast außerirdisch. Doch es sind auch ihre TrĂ€nen zu sehen, denn AimĂ©e ist nicht einfach ein mĂ€nnermordender Vamp.

Infiltration und Planung
Mit ihrer Ankunft in BlĂ©ville hat sich AimĂ©e wieder unter Kontrolle, außerdem ist sie nun blond und kraushaarig. Wie viele femmes fatales vor und nach ihr verĂ€ndert sie ihr Aussehen und ihr Erscheinungsbild beliebig. Mit ihren ersten Schritten in der neuen Stadt zeigt sich, wie genau sie ihr Vorgehen plant. Sie prĂŒft mit einem Blick die SchließfĂ€cher, dann fĂ€hrt sie zu der Pension, in der sie ein Zimmer reserviert hat, und packt ihre Utensilien (ein GerĂ€t zum Kopieren von SchlĂŒsseln sowie TrainingsgerĂ€te) aus. Einen ReisefĂŒhrer hat sie bereits erworben und gelesen, also muss sie ihre Ortskenntnisse lediglich ĂŒberprĂŒfen, auch einen Termin beim Notar hat sie im Vorfeld gemacht. Sie kennt alles – außer ihr nĂ€chstes Opfer.

Die Kraft der Bilder und des ErzÀhlers
Bereits auf den ersten Seiten deutet sich in der Adaption durch Cabanes an, dass AimĂ©e berechnender und ernsthafter ist. Wenn sie sich dann spĂ€ter selbst ermahnt, dass sie in BlĂ©ville Geduld haben mĂŒsse, zeigt ihr Gesicht bereits leichte Resignation, hinzu kommen die grĂŒnen, dĂŒsteren Farben, ihr Blick aus dem Fenster, durch den die Trostlosigkeit noch untermauert wird. Diese Tendenz zum DĂŒsteren hĂ€ngt damit zusammen, dass in der Graphic Novel der oftmals bissige Humor Manchettes in den Hintergrund rĂŒckt. Allein der vom ErzĂ€hler stets bemerkte, ĂŒberall anzutreffende Hinweis HALTET EURE STADT SAUBER steht im deutlichen Kontrast zu den Mauscheleien der Kleinstadt. Sicher finden sich diese Schilder auch in der Graphic Novel, sie sind jedoch im Hintergrund und somit leichter zu ĂŒbersehen. An dieser Stelle bemerkt man die geringere PrĂ€senz des ErzĂ€hlers sehr deutlich, daher fehlt im Showdown auch die bittere Ironie, mit der angemerkt wird „Im Dunkeln war die Frau nicht zu erkennen. Wenn sie zu sehen gewesen wĂ€re, hĂ€tte sie keinen erfreulichen Anblick geboten; oder vielleicht hĂ€tte sie doch einen erfreulichen Anblick geboten; das ist eine Frage des Geschmacks.“

Die Graphic Novel setzt dagegen VisualitĂ€t. Immer wieder sorgen Farbtöne fĂŒr Dynamik. Bei dem ersten gesellschaftlichen Zusammensein in BlĂ©ville nach der Einweihung einer Fischhalle dominieren Rottöne, immerhin befinden sich AimĂ©es potentielle Opfer und Auftraggeber in einem Raum; sie weisen auf die Gefahr und den blutigen Ausgang. Die Bilder in AimĂ©es Zimmer sind in blĂ€ulich-grĂŒne Farben getaucht, hier wartet sie ab, wie sich die Dinge entwickeln. Ihr Körper erscheint durch die schmale Taille und das im VerhĂ€ltnis breite Becken kraftvoll, ihre Nacktheit natĂŒrlich, die meist aus ihrem Mundwinkel hĂ€ngende Zigarette lĂ€sst sie mĂ€chtig und unabhĂ€ngig erscheinen – ein Eindruck, der durch ihre wilde blonde MĂ€hne noch verstĂ€rkt wird. Im Gegensatz zu der Wahrnehmung des Notars, der sie fĂŒr ein „bezauberndes Persönchen, so zerbrechlich, so fraulich“ hĂ€lt, wirkt sie selbstbewusst und kontrolliert. Die Bilder erinnern oft an Film-Noir-Einstellungen: Bei dem Besuch des Notars sitzt die verfĂŒhrerische AimĂ©e mit ĂŒbereinander geschlagenen Beinen vor einem Schreibtisch, ihre Knie sind entblĂ¶ĂŸt – einmal deutlich aus Perspektive des Notars eingefasst –, sie lĂ€sst sich Feuer fĂŒr eine Zigarette geben und greift sich ins Haar. In einer solchen Situation nahm schon so manches Unheil seinen Anfang, AimĂ©e verschafft sich auf diese Weise Zugang zur feinen Gesellschaft von BlĂ©ville.

Aimée und die MÀnner
Die MĂ€nner sind irritiert und fasziniert von AimĂ©e, viele sind ĂŒbergriffig. Der Notar versucht zu flirten, andere machen anzĂŒgliche Bemerkungen, bei einem Ausflug in ihre Heimat und Vergangenheit wird sie erst von ihrem Anwalt dann von einem Passanten fĂŒr eine Prostituierte gehalten. Geht sie bei dem Passanten bei Manchette anfangs scheinbar kokett auf seinen AnnĂ€herungsversuch ein, indem sie lĂ€chelt und den Kopf nach hinten wirft, ist sie bei Cabanes resoluter. Ihr vermeintliches Lachen („Ha Ha“) ist von keinem LĂ€cheln begleitet, dadurch erscheint es höhnisch, und prompt erfolgen eine Ohrfeige sowie ein Tritt. AimĂ©e hĂ€lt Frauen, die bedingungslos zu ihren MĂ€nner halten, fĂŒr dumme GĂ€nse, auch sagt sie niemals, dass sie selbst die Killerin ist – die MĂ€nner wĂŒrden sie nicht fĂŒr voll nehmen.
Doch AimĂ©e hasst nicht einfach MĂ€nner. Ihr erstes Opfer war ihr Ehemann, der sie geschlagen hat. „FĂŒr mich war es eine Erleuchtung. Man kann sie töten, die Arschlöcher. Dann wollte ich nur noch Geld, aber ohne zu arbeiten.“ (Cabanes) Dennoch zeigt sich bei dem Auftrag, den sie in BlĂ©ville erhĂ€lt, dass sie Baron Julues nicht erschießen will (es aber dennoch tut), weil er die Gesellschaft noch mehr hasst als sie. Deshalb bekommt sie, nachdem sie eine Bridgerunde vorfreudig – in der Graphic Novel sind erstmals ihre ZĂ€hne bei einem LĂ€cheln zu sehen – auf die Tat verlassen hat und zu Baron Jules gefahren ist, „einen leeren Blick“ (Manchette). In diesem Moment erkennt sie, dass Jules ihr nĂ€chstes Opfer sein wird, in der Graphic Novel zeigt sich dieses Erkennen, indem ihre Augen wieder grĂŒnlich, fast außerirdisch leuchten. Jedoch ist der Blick anders als bei ihrem Exzess im Zug, fast schwingt ein wenig Bedauern mit, dann wechselt der Ausdruck zu der Resignation, die sie schon bei der ersten Tat gezeigt hat. Als sie Jules schließlich alles beichtet, ist durch die ‚Naheinstellung‘ ihres Gesichts die Leere in ihr zu sehen.

Blutiges Ende
Es gibt vor der Tat einen Moment, in dem AimĂ©e hĂ€tte das Geld nehmen und verschwinden können, ohne Jules zu töten. Es ist der Moment, in dem AimĂ©e einen Fehler macht – und an dem in der Trostlosigkeit von BlĂ©ville der große Showdown beginnt. Seine Einleitung unterscheidet sich bei Manchette und Cabanes: Bei Manchette beschließt AimĂ©e, die MĂ€nner von BlĂ©ville zu Fall zu bringen, indem sie auf die Polizei vertraut, die sich in Gestalt von Kommissar Fellouque als korrupt erweist. Bei Cabanes hĂ€lt der Kommissar sie aktiv auf und bringt sie schließlich mit vorgehaltener Waffe zu den wartenden MĂ€nnern. Cabanes‘ AimĂ©e ist weniger naiv, sie ahnt, was geschieht, erweist sich aber ebenso tödlich wie Manchettes: AimĂ©e handelt entschlossen und tötet einen Mann nach dem anderen, so dass es letztlich zu einer GegenĂŒberstellung von ihr und einer anderen Frau kommt. Jedoch ist AimĂ©e von einem weitaus stĂ€rkeren Willen beseelt, der fast schon an verzweifelte Raserei grenzt. Abermals entscheidet sie sich dagegen, zum Bahnhof zu gehen und das Geld zu holen. Vielmehr fĂ€hrt sie mit dem Auto einem ungewissen Ausgang entgegen.

Durch den durchweg kĂ€lteren Ton ist das finale Blutbad bei Cabernas weniger eruptiv, wenngleich es die DĂŒsterheit noch verstĂ€rkt. Doch hier erscheint es als möglich, dass AimĂ©e wiederkehrt und sich abermals in eine Gesellschaft einschleicht. Dagegen tritt bei Manchette ihr Ekel deutlicher zutage: AimĂ©e mordet nicht aus Rache, sondern Abscheu vor der korrupten Gesellschaft und ihren AuswĂŒchsen. Sicher wurde auch sie – wie viele ihre Nachfolgerinnen – von einem Mann misshandelt, aber ihre Taten richten sich nicht gegen MĂ€nner, die Frauen hassen, sondern gegen die Profiteure, die kein Gewissen oder Skrupel kennen. Deshalb erregt sie das Geld, das sie fĂŒr ihre Taten bekommt. Sie weiß, dass ihre Opfer es ebenso begehrt haben. Sowohl bei Cabanes als auch Manchette ist sie aber eine unabhĂ€ngige, starke Frauenfigur.


 

Jean Patrick Manchette: Fatale. Übersetzt von Christina Mansfeld. Distel Literaturverlag 2001.

Max Cabanes: Fatale. Übersetzt von Resel Rebiersch. Nach dem Roman von Jean-Patrick Manchette. Bearbeitet von Doug Headline. Schreiber & Leser 2014.

Sonja Hartl (c) 08/2015

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