Mordopfer können Ermittler zu höchsten Leistungen antreiben. Immer wieder ist in Kriminalromanen und –filmen zu lesen und zu sehen, wie ein (männlicher) Ermittler in einem Fall bis zur Besessenheit und darüber hinaus nachforscht, weil das (weibliche) Opfer in ihm etwas bewegt hat. Eine solche Geschichte erzählt auch James Ellroy in „Die schwarze Dahlie“, seinem Auftakt zum L.A. Quartett: Nachdem die verstümmelte Leiche von Elizabeth Short aufgefunden wurde, verbeißen sich die Cops Bucky Bleichert und Lee Blanchard immer mehr in den Fall. Elizabeth Short wird zum Fixpunkt, an dem sie all ihr Handeln ausrichten und für Bleichert sogar zu einer sexuellen Obsession. Ihr Einfluss ist so groß, dass die reale, familienähnliche ménage-à-trois zwischen Blanchard, Bleichert und Ex-Gangsterfreundin Kay Lake scheitern muss.

In seinem Buch greift Ellroy auf den wahren Mord an Elizabeth Short zurück, die auf eine Karriere als Schauspielerin hoffte und nach ihrem Tod aufgrund der medialen Etikettierungsgelüste in Anlehnung an den Film noir „Blue Dahlia“ den Beinamen „Black Dahlia“ erhielt. Diese von Anfang an enge Verbindung zwischen Film, Wirklichkeit und Literatur macht diese Geschichte bis heute faszinierend – zumal der Täter nur in der Fiktion überführt wurde – und daher dauerte es nicht lange, bis Ellroys Buch 2006 von Brian De Palma verfilmt wurde. Nun ist zudem eine Graphic Novel von Matz, David Fincher und Miles Hyman erschienen, die Ellroys Buch abermals in eine visuelle Narration überführt.

Kampf mit dem Stoff
Die Adaption als Film und als Graphic Novel visualisiert die Geschichte, sie setzt Bilder und bildhaftes Erzählen an die Stelle des reinen Textes. Beide Adaptionen beginnen mit der Partnerschaft von Dwight „Bucky“ Bleichert (im Film gespielt von Josh Hartnett) und Lee Blanchard (Aaron Eckhart): Nachdem Bleichert und Blanchard in einem Benefiz-Boxkampf für das LAPD gegeneinander angetreten sind, werden Mr. Ice und Mr. Fire – so wurden sie von der Presse getauft – als Partner zunächst in der Fahndung, dann in den Ermittlungen zum Mordfall Elizabeth Short eingesetzt. Sie sind ein gutes Team, in dem Blanchard den Ton angibt. Er lebt mit Kay (Scarlett Johansson) zusammen, die auch ein Auge auf Bleichert geworfen hat, und zu dritt haben sie „die beste Zeit“ in Bleicherts bisherigem Leben. In der 90-minütigen Kinoversion nimmt sich der Film über 20 Minuten Zeit, diese Partnerschaft zu etablieren, indem er von ihrem gemeinsamen Einsatz bei den Zoot-Unruhen als auch dem Boxkampf (bei dem Bleichert zudem die charakteristischen leicht vorstehenden Vorderzähne ausgeschlagen werden) und ihrer Arbeit berichtet. Auch die Graphic Novel wählt diesen Anfang, erst im dritten Kapitel – ungefähr nach einem Viertel des Buches – wird die Leiche von Elizabeth Short gefunden. Dadurch verweisen beide Adaptionen auf die Bedeutung dieser Partnerschaft.

Die Bahnen um Elizabeth Short
Danach weicht der Film zusehends von Ellroys Geschichte ab. Zunächst fehlt in De Palmas Film die gesamte Mexiko-Episode, die eine entscheidende Rolle in der Entwicklung der Partnerschaft und des Plots spielt. Dadurch musste im Film ein anderes Ende für Blanchard gefunden werden, der nun in einer opernhaften Szene sein Leben verliert. Der Ton des gesamten Films wird damit konventioneller, plötzlich geht es weniger um Elizabeth Short und ihren (fatalen) Einfluss auf das Leben von Bleichert und Blanchard als um die Frage, wer Blanchard getötet hat. Zudem mündet diese Entwicklung in eine Szene, in der Bleichert den kümmerlichen Rest seiner ritterlichen Unschuld verliert – und in der eine Befreiung aus seiner Fixierung auf Elizabeth gesehen werden könnte, die längst auf die reiche Madeline Sprague (Hillary Swank) übergangen ist. Allerdings hätte hierfür diese Fixierung stärker akzentuiert werden müssen.

Zudem erhält im Film Elizabeth Short mehr Aufmerksamkeit: Gespielt von Mia Kirshner ist sie nicht nur in einem Porno, sondern auch in Casting-Filmen zu sehen, in denen ihre Traurigkeit, Verzweiflung und das Wissen zu spüren ist, dass ihr Aussehen ihr größtes und vergänglichstes Kapital ist. In diesen Bildern ist sie so verwundbar, dass es schmerzt, sie zu sehen. Sie wird dadurch lebendiger und weniger abstrakt, ist nicht mehr nur eine fixe Idee, eine Projektionsfläche. Deshalb legt der Film den Fokus stärker auf Hollywood, auf die Verbindungen des Falls zum Film, in denen die schmutzige Seite der Filmindustrie offenbart wird. Schon zu einem früheren Zeitpunkt wurde hierfür eine weitere Parallele eingeführt: In ihren glücklichen Zeiten sehen sich Kay, Bucky und Lee im Kino den Horror-Stummfilm „The Man Who Laughs“ (1928) an. In diesem Film geht es um einen Mann mit entstelltem Gesicht, dessen Grinsen zu einer Clownsfratze wurde – so wie es der Mörder von Elizabeth Short ihr in das Gesicht geschnitten hat. Immer wieder wird auf dieses Clowngesicht verwiesen, so wird in einer herrlich grotesken Szene in der Villa der Spragues auf ein entsprechendes Bild geschnitten.

Leider widersprechen diese Veränderungen der ersten Hälfte des Films zu sehr. Hier gibt es – kurz bevor Elizabeth Shorts Leiche gefunden wird – eine starke Sequenz, die deutlich macht, was dem Film in vielen anderen Teilen fehlt. Blanchard und Bleichert observieren ein Haus, sie sind nachts angekommen, nun ist Tag; es folgt eine großartigen Kamerafahrt: Anfangs ist die Kamera auf Höhe des Hauses, das die Cops beobachten, dann fährt sie hoch über ein Dach, an zwei schwarzen Vögeln vorbei und lenkt den Blick auf ein Feld hinter diesem Haus. Eine Mutter schiebt ihren Kinderwagen, hält kurz an, schaut ins Feld und läuft gestikulierend und hilfeschreiend los. Noch ehe wir ihre Rufe hören, wissen wir, dass etwas nicht in Ordnung ist (sogar ohne zu wissen, dass eine Mutter mit Kinderwagen die Leiche tatsächlich fand). Die Kamera folgt dieser Frau, verliert sie dann aber aus dem Blick und fasst ein schwarzes Auto ein, danach einen Radfahrer und schließlich einen älteren Mann, der sich mit seiner Freundin über einen korrupten Cop unterhält. Erst als dieses Paar die Straßenseite wechselt, endet die Kamerafahrt. Es folgt eine Schießerei und Minuten später ist zu erfahren, was bzw. wen die Frau mit dem Kinderwagen gefunden hat.
In dieser Kamerafahrt haben sich alle Aspekte der Geschichte verbunden. Hier trifft der Alltag in Los Angeles auf den Mord, die Vergangenheit auf die Gegenwart und Zukunft, Bleichert auf Elizabeth, Blanchard auf Elizabeth, hier trifft der Noir auf den Film der 2000er Jahre. Genau dieser Zynismus fehlt den meisten Bildern dieses Films. Die Gewalt steckt in der Geschichte, doch die sepiagetränkten Bilder zeichnet vor allem perfekte Nostalgie aus. Man wünscht sich, dass die 1940er Jahre genau so ausgesehen haben, aber es sind Filmbilder, die hier zum Vorbild genommen wurden. Deshalb sehen die Schauspieler aus wie andere Ikonen der Zeit, erinnert Scarlett Johansson als in ihrer Komplexität schmerzlich reduzierte Kay gelegentlich an eine unschuldige Veronica Lake, aber eben nicht an eine Ex-Gangsterfreundin mit brutaler Vergangenheit. Dadurch ist De Palmas „Black Dahlia“ fraglos stilvoll, aber der Schmutz, der in der Geschichte enthalten ist, fehlt in zu vielen Bildern.

Visuelle Struktur als möglicher Weg

Bevor Brian De Palma Regisseur der Verfilmung von „Black Dahlia“ wurde, sollte unter anderem David Fincher diese Aufgabe übernehmen. Er plante eine dreistündige Version mit Tom Cruise in der Hauptrolle, jedoch wurde dieses Vorhaben letztlich vermutlich überwiegend wegen finanzieller Bedenken nicht realisiert. Doch Fincher und Ellroy blieben in Kontakt (daraus könnte nun eine neue Serie entstehen), außerdem hat Fincher nach eigener Aussage der Gedanke an diesen Film nicht los gelassen. Als er nun mit Matz aufgrund der Verfilmung von dessen Comic-Reihe „Le Tueur“ in Kontakt trat, kam es zu einer Zusammenarbeit bei der Graphic Novel „Black Dahlia“.

Matz hat in mehreren Interviews betont, dass die augenfällige Struktur der Graphic Novel auf David Fincher zurückgeht: Fast jede Seite besteht aus drei Teilen, die überwiegend horizontal angeordnet sind und damit an Filmstreifen erinnern. Dadurch können Tempo und Dramatik schon durch die Struktur bestimmt werden: Die erste Seite stellt den Erzähler – Bucky Bleichert – vor, dahinter ist ein Bild von Los Angeles zu sehen. Damit ist klar, wo die Handlung stattfinden und wer sie erzählen wird. Danach wird Bleichert im Fahndungsteam willkommen geheißen. Auf der nächsten Seite ist dann schon die charakteristische Dreiteilung zu sehen. Zwei Bilder spielen in der Gegenwart, danach erfolgt eine Rückblende – in deutlich dunkleren Farben gehalten, da sie Erinnerungen an die Zoot-Unruhen enthält, an die Bleichert nicht gerne zurückdenkt. Erst als diese Episode abgeschlossen ist, kehren die Bilder wieder zu der retro-naturalistischen Farbgebung mit vielen Brauntönen zurück, ehe abermals eine „düstere Erinnerung“ an den von Bleichert manipulierten Kampf erfolgt. Dieses Prinzip in der Farbgebung wird beibehalten, dabei haben die Bilder in der Erzählgegenwart wie De Palmas Film einen leichten Sepia-Touch, da sie sich aber nicht an bereits bekannte Bilder anlehnen, erscheinen sie weitaus natürlicher.

Die horizontalen drei Streifen besteht aus drei bis zu acht Bildern, so dass beispielsweise die Schießerei, in die Blanchard und Bleichert scheinbar zufällig geraten, erst in sechs Bildern aufgeteilt ist, die die eskalierende Situation zeigen, und dann folgen vier Bilder, die die tödlichen Schüsse sowie Blanchards Reaktion enthält. Auch die Bilder von Elizabeth Shorts Leiche sind – wie der tote Körper – zerteilt: Eine horizontale Reihe besteht aus jeweils zwei Bildern, die die Verletzungen zeigen, die ihr zugefügt worden. Da alle zwölf Bilder zudem auf einer Doppelseite sind, wird auch visualisiert, wie groß der Schock des Entdeckens dieser Leiche insbesondere für Blanchard ist. Ebenfalls schockiert ist Bleichert als er das Hotelzimmer entdeckt, in dem Blanchard sein Beweismaterial aufbewahrt hat, jedoch empfindet er hier nicht die blanke Wut, die Blanchard angesichts der Leiche erfasste, sondern stilles Entsetzen. Daher ist das Bild fast zwei Drittel groß – und darunter folgt lediglich eine weitere Reihe, die ebenfalls etwas größer ist als sonst. Als dann der „Ermittlungszirkus“ ausbricht, überlagern sich die Bildern und Fotos, hier ist entsprechend der fiebrig-eifrigen Atmosphäre nichts mehr geordnet.

Durch die klare Struktur fallen Abweichungen von der horizontalen Dreiteilung besonders auf. Es sind überwiegend Einzelbilder, die gleichsam Großaufnahmen besonders wichtige Ereignisse zeigen: Blanchard rastet aus, die Verhaftung am Ende – und natürlich das Schlussbild. Außerdem wird auch Kay in drei vertikalen Bildern gezeigt, in denen Bleichert die Narben auf ihrem Rücken sieht. Zum einen korrespondiert diese Ausrichtung natürlich mit Kays Körper und unterstreicht ihre Verführungskraft, zum anderen aber lenkt sie die Aufmerksamkeit auf die Narben und somit Kays Vergangenheit.

Die Bedeutung der Frauen
Obwohl die Graphic Novel die größten Kürzungen vornimmt – beispielsweise gibt es im Buch 85 wichtige Charaktere, in der Graphic Novel ungefähr die Hälfte – spiegelt sie den Kern von Ellroys Roman wider, indem sie das zentrale „cherchez la femme“ ebenfalls in den Mittelpunkt stellt. Es ist ein Satz, der für diesen Roman – und Ellroys Werk – insgesamt von großer Bedeutung ist, er verweist auf die Rolle der Frauen in „Die schwarze Dahlie“: Elizabeth Short als Fetisch, ihre Wiedergängerin Madeline die femme fatale mitsamt Doppelgänger-Motiv und Objekt der sexuellen Fixierung Bleicherts sowie schließlich Kay, die geläuterte, gerissene Gangsterfreundin. Sie sind wichtig für diese Erzählung von der Partnerschaft zweier Männer im Los Angeles der 1940er Jahre. Dabei werden auch die schmutzigen Seiten nicht ausgespart – die Graphic Novel ist weitaus expliziter in den Begierden und im Mord, ohne es pornographisch auszustellen. Vielmehr werden hier die fiebrige Atmosphäre und der Wahn durch den zunehmenden Rotanteil im Braun deutlich.

Im Vergleich zum Film ist die Graphic Novel daher eine unbedingt eigenständige Adaption von Ellroys Roman. Trotz der Kürzungen und Verknappungen zeigt sie, dass die „Dahlie“ nicht nur Bleichert und Blanchard in den Abgrund riss – und verweist damit auf eine Facette, die dem Film fehlt. Außerdem wird hier die Mexiko-Episode sinnvoll gekürzt, ohne sie zu streichen. Vor allem aber lässt die Graphic Novel erkennen, wie wichtig es für die Adaption dieses Romans – und Ellroys Werk insgesamt – ist, sich von den Filmbildern dieser Zeit zu lösen. Sicher ist es verführerisch, sich an ihnen zu orientieren, gerade weil dieser Roman voller Hinweise und Spielereien mit den zeitgenössischen Filmen ist und in Los Angeles spielt. Doch eine gute Adaption interpretiert und bebildert nicht einfach.

Sonja Hartl (c) 11/2015

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