Sp√§testens seit 1968 sind „Kriminalromane“ in Frankreich Teil der literarischen und der politischen Kultur. Der „Polar“, „N√©o-Polar“ oder „Roman noir“ – Bezeichnungen f√ľr ein erweitertes Konzept von Literatur, die sich den Genrekorsetts nicht unterwirft, das kommunikative Potential von „Krimi“ oder „Thriller“ aber ausnutzen m√∂chte, griff im Kontext der ’68er Bewegung vehement in die politischen Debatte ein. In Westdeutschland etwa herrschte die reduktionistische Vorstellung, man m√ľsse nur ideologisch „richtige“ Inhalte in schon bereitstehende, popul√§re Formen packen, um emanzipatorische Literatur unters Lesevolk zu bringen. Das Ergebnis war bekanntlich der √§sthetisch irrelevante, ideologisch spie√üige Soziokrimi des einfachen Weltbilds: Kapitalisten b√∂se, Polizei repressiv, Prosa schlecht. Frankreich hatte das Gl√ľck, da√ü Innovatoren wie Jean-Patrick Manchette mit Intelligenz und K√∂nnen dem Kriminalroman neue formale M√∂glichkeiten gaben, die neue Inhalte auf literarischem Wege kommunizieren konnten.

Der 1949 in Saint-Denis, im Norden von Paris geborene Didier Daeninckx stammt aus der zweiten Generation des „N√©o-Polar“, die von diesem intellektuellen Klima profitieren konnte. Seit den fr√ľhen achtziger Jahren stiften seine B√ľcher in der franz√∂sischen √Ėffentlichkeit Unruhe und Verwirrung. Das liegt daran, da√ü Daeninckx mit sch√∂ner Regelm√§√üigkeit nationale Heiligt√ľmer bzw. Konsense attackiert und der Grande Nation sorgf√§ltig unter den Teppich gekehrten Dreck um die Ohren bl√§st. Kollaboration, Deportation j√ľdischer Franzosen und Algerienkrieg, OAS und franz√∂sische Biographien, Mythen und Legenden, hinter denen sich Karrieren der unappetitlichen Art verbergen, zur√ľck bis zu den Schl√§chtereien des Ersten Weltkriegs. Didier Daeninckx‘ Gesamtwerk f√ľgt sich zu einer Chronique scandaleuse seines Landes, ohne deswegen nur in Fiktion umgegossener Enth√ľllungsjournalismus zu sein. Im Journalismus liegen zwar Daeninckx‘ schriftstellerische Anf√§nge (nach einer Lehre als Drucker arbeitete er einige Jahre als Lokalreporter), seine Methode ist jedoch deutlich literarisch, und deswegen haben seine mittlerweile mehr als zwanzig Romane und Erz√§hlungen √ľber die Grenzen Frankreichs hinaus Relevanz und Schlagkraft.

„Krimis“ versuchen oft, Realit√§ten anscheinend fiktional zu verdoppeln. Verbrechen, wie wir sie in den einschl√§gigen Medien Tag f√ľr Tag zur Kenntnis nehmen, werden sozusagen noch einmal nachgestellt. Deswegen gefallen sich „Krimis“ gerne in der Rolle „realistischer“ Literatur und sind tats√§chlich doch oft nur √∂de Kolportage ohne √§sthetische Komponente.

Daeninckx hingegen l√§√üt seinen Helden, seinen Privatdetektiven, Journalisten oder Polizisten, ob sie nun Fran√ßois Novacek hei√üen oder Marc Blingel oder Inspektor Cadin, gern ihren Status als artifizielle Figuren. Sie wollen und sollen Kunstfiguren sein. Sie sind, im Sinne des russischen Formalismus, literarische „Verfahren“, und sie bekommen es meistens mit literarischen Sedimenten der Vergangenheit zu tun. Mit vergessenen oder verdr√§ngten Manuskripten, mit vergrabenen Schriften, mit in Archiven verstaubten und abgelagerten Akten, mit nicht mehr lieferbaren B√ľchern und verstreuten Zeitungsmeldungen. In der Welt der Schriften jedoch lauern die Sprengfallen, die in der Realit√§t explodieren. Und die Realit√§t f√ľhlt sich getroffen: Ein Roman von Daeninckx wurde verboten, er wurde als Psychopath und Irrer beschimpft, ein gr√∂√üerer Teil seiner Honorare flie√üt in Prozesse, und gerade war in „Le Monde“ zu lesen, da√ü ein neuer Kl√§ger der gruseligen Sorte aufgetaucht ist: Ein gewisser Wladimir Schirinowski. Der f√ľhlt sich von einem Gemeinschaftswerk von Daeninckx und Pierre Drachline ungeb√ľhrlich dargestellt.

F√ľr deutsche Leser ist Daeninckx erst noch zu entdecken. Zwar hatte „Rotbuch“ 1987 einen einzelnen Titel aus der Serie um den mittlerweile durch Selbstmord ausgeschiedenen Inspector Cadin herausgebracht. Aber „Karteileichen“ war ebenso schlecht √ľbersetzt wie lektoriert und blieb singul√§r. Es war das Buch, das Daeninckx 1984 in Frankreich schlagartig bekannt gemacht hatte, weil es in unpr√§tenti√∂ser, raffinierter Sprache an ein sorgf√§ltig kollektivverdr√§ngtes Massaker des franz√∂sischen Staates 1961 an algerischen Demonstranten in Paris erinnerte und personelle Kontinuit√§ten zum Konzentrationslager Drancy zog, wo eifrige Beamte j√ľdische Franzosen zum Abtransport nach Deutschland „gesammelt“ hatten. In Frankreich hat „Meurtres pour m√©moires“ einen Eklat ausgel√∂st, hierzulande wurde es kaum beachtet. Jetzt hat sich der kleine Berliner :transit-Verlag todesmutig der Werke von Daeninckx angenommen – mit feinen √úbersetzungen und kenntnisreichen Nachworten von Ronald Voulli√©. Zwei Titel sind bis jetzt erschienen: „Das Schlo√ü bei Prag“ und „Nazis in der Metro“. Wieder zwei B√ľcher, mit denen sich Daeninckx unbeliebt gemacht hat: Das Prag-Buch handelt vom seltsamen Nachleben der alten Strukturen in Tschechien heute und der Kooperationsbereitschaft westlicher Intellektueller mit einem totalit√§ren System; das „Nazi“-Buch von den Schnittmengen extrem linker und extrem rechter Positionen im heutigen Frankreich. Die Anspielung auf Queneaus „Zazi dans le M√©tro“ ist keineswegs zuf√§llig, und das Buch ist auch eine Hommage von Daeninckx an seinen gro√üen Kollegen Jean Meckert alias Jean Amila. Das hat Methode: Literatur entsteht unter anderem aus und gegen Literatur, und wenn sie das konsequent und ernsthaft tut, wirkt sie in die Realit√§t – denn Literatur ist Teil der Realit√§t.

© Thomas Wörtche, 1996 (Frankfurter Rundschau)

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