Der gesellschaftliche Wandel durch das Wirtschaftswachstum war eine wichtige Voraussetzung fĂŒr den Boom der irischen Kriminalliteratur. Vorher – das betonen sowohl Gene Kerrigan als auch Declan Burke im GesprĂ€ch – schien Kriminalliteratur, die in Irland spielte, unglaubwĂŒrdig, ja, eine Parodie zu sein. Doch der Aufschwung vermehrte Wohlstand und Selbstvertrauen, modernisierte und urbanisierte das Land. Zugleich nahmen aber insbesondere in großen StĂ€dten GesetzesbrĂŒche, Gewalt und Korruption zu und lieferten neue Themen fĂŒr die Literatur. Außerdem zeigte Ken Bruen, das Kriminalliteratur mit Irland als Handlungsort möglich ist – und mit dem Noir die neue Wirklichkeit erfasst werden kann.

Die dĂŒstere Seite der neuen Gesellschaft
Gene Kerrigan und Cormac Miller beschĂ€ftigen sich in ihren BĂŒchern mit den Auswirkungen des Celtic Tiger und zeichnen in ihrem Roman Bilder einer Gesellschaft, die von Gier und Korruption bestimmt ist. In Kerrigans erstem Roman „Little Criminals“ (2005) plant der Gauner Frankie Crowe eine EntfĂŒhrung, weil er seinen Anteil am Wohlstand einfordern will. Er ist ĂŒberzeugt, ihm stehe zu, was der potentielle Lösegeldzahler Justin Kennedy habe: Ehefrau und Geliebte, eine Karriere, ein dickes Bankkonto und gesellschaftliches Ansehen. Jedoch muss Frankie erkennen, dass die Blase des vermeintlichen Wohlstandes aus Schein besteht und erbarmungslos leicht platzt. Auch in Kerrigans weiteren BĂŒchern „The Midnight Choir“ (2006) und „The Rage“ (2011, dt. „Die Wut“) streben die Figuren ein neues Leben an – und den meisten sind die Mittel hierfĂŒr gleichgĂŒltig. Das alte Irland ist nur noch in den Tugenden weniger zu finden, stattdessen bestimmen Gier und aufkeimende Wut der ZurĂŒckgelassenen die irische Gesellschaft, die nun fĂŒr die Folgen aufkommen mĂŒssen.

Dass Gier und Korruption nicht nur das Handeln der Gauner anstrebt, klingt bereits bei Gene Kerrigan an, bei Cormac Millar ist die Bestechlichkeit und Skrupellosigkeit der oberen Mittelschicht Kernthema seiner BĂŒcher „An Irish Solution“ (2004) und „The Grounds“ (2006). Seine Hauptfigur ist Seamus Joyce, zunĂ€chst Leiter der Irish Drug Enforcement Agency, spĂ€ter Berater einer Investitionsfirma. Joyce scheitert an den Verbindungen zwischen Regierung und Polizei sowie an der Gier der Bildungselite, die mit GrundstĂŒckspekulationen reich werden will. Damit markiert Millar sehr deutlich – und desillusionierend – den Ausverkauf von IntegritĂ€t und Bildungsidealen.

Der Irish Noir beschreibt laut Gerry McCarthy „a violent clash of world-views“, „where the old primbal brutality takes on the heartless modernity of the new order“ (The Dark Side of the Boom). Bei Kerrigan und Millar finden sich die Eigenschaften des ‚alten‘ Irlands nur noch in den wenigen positiven Figuren wieder, in Sergeant Bob Tidey („Die Wut“) zum Beispiel. FĂŒr das neue Irland sieht es hingegen nicht gut aus, es wird herzlos diejenigen zurĂŒcklassen, die sich dem Ausverkauf widersetzen.

Heimliche Hauptstadt des Noir
Noch stĂ€rker ist der Zusammenprall vergangener BrutalitĂ€ten und moderner Gesellschaften in den BĂŒchern der nordirischen Autoren Eoin McNamee, Adrian McKinty und Stuart Neville zu finden. Jahrzehnte voller gewaltsamer Proteste und Übergriffe, Bombenexplosionen und Schusswechsel, patrouillierender Soldaten und kontrollierenden Gruppierungen in Nordirland hinterlassen deutliche Spuren in der kriminalliterarischen Arbeit der Autoren. Lange Zeit gab es so gut wie keine Kriminalliteratur, die in Nordirland spielte – angesichts der AllgegenwĂ€rtigkeit von Gewalt schien sie das letzte Genre zu sein, das Leser lesen wollten, außerdem wurde vermutet, Leser könnten es als ‚geschmacklos‘ empfinden (vgl. Ian Campbell Ross, Introduction. In: Down These Green Streets, 2013). Dennoch kamen in den 1980er Jahren erste Kriminalromane auf, die die Troubles thematisierten, darunter Bernard MacLavertys „Cal“ (1983), Brian Moores „Lies of Silence“ (1990) und Eoin McNamees „Resurrection Man“ (1994, „Belfaster Auferstehung“) ĂŒber einen protestantischen Serienkiller, der im Auftrag paramilitĂ€rischer Gruppierungen katholische Opfer ermordet – und vom britischen Geheimdienst gedeckt wird. Die Troubles verschleiern, dass er ein Psychopath ist, bis seine Taten zu bizarr werden. Dieser Roman ist ebenso von wahren Ereignissen inspiriert wie McNamees folgende Romane „The Blue Tango“ (2001, dt. „Blue Tango“), „Orchid Blue“ (2010, dt: „Requiem“) und „Blue is the night“ (2014). Ausgangspunkt dieser Romantrilogie ist die Ermordung der 19-jĂ€hrigen Tochter des Generalstaatsanwalts Lancelot Ernest Curran im Jahr 1952. Ihre Leiche wurde auf der Auffahrt ihres Elternhauses gefunden, 37mal wurde auf sie eingestochen. Als TĂ€ter wurde ein homosexueller Soldat verurteilt, obwohl seine Schuld nicht zweifelsfrei bewiesen werden konnte und Curran die Ermittlungen behindert hat („The Blue Tango“). Er war enttĂ€uscht, dass der TĂ€ter aufgrund einer Geistesstörung nicht hingerichtet wurde. Ungeachtet dieser Ereignisse wurde er neun Jahre spĂ€ter vorsitzender Richter in einem Prozess zu der Ermordung einer anderen 19-jĂ€hrigen Frau, der mit dem letzten vollstreckten Todesurteil Nordirlands endete („Orchid Blue“). In allen drei Teilen geht es McNamee nicht um die Wahrheit, sondern er will die gesellschaftlichen Strukturen und Seilschaften aufdecken, das LĂŒgengewebe untersuchen, das solche Fehlurteile erst möglich macht. Dabei erzĂ€hlt er von der Spaltung und den tiefen GrĂ€ben in der nordirischen Gesellschaft, die bereits vor den Troubles bestanden und seither erhalten bleiben.

Die GrĂ€ben zwischen Katholiken und Protestanten sind auch ein Thema von Adrian McKintys Sean-Duffy-Reihe, die in den 1980er Jahren im Großraum Belfast spielt. Schon in seiner Dead-Trilogie hat McKinty gezeigt, wie weit der Nordirlandkonflikt das Handeln und Schicksal der Figuren beeinflusst, indem er u.a. seinen Protagonisten Michael Forsythe in eine Konfrontation mit den „Sons of the Cuchulain“ geraten lĂ€sst, einer IRA-Splittergruppe in den USA, die im Zuge des Friedenprozesses sowohl der IRA als auch den Briten ein Dorn im Auge ist („The Dead Yard“, 2006; dt. „Der schnelle Tod“). Alte BĂŒnde lassen sich eben nicht einfach auflösen.

Sean Duffy begegnet diesen Seilschaften jeden Tag. Er ist im Belfast des Jahres 1981 einer der wenigen Katholiken in der RUC (Rocal Ulster Constabulary), die als ErfĂŒllungsgehilfe der britischen Regierung gilt („The Cold Cold Ground“, 2012, dt. „Der katholische Bulle“). Die meisten seiner protestantischen Kollegen begegnen ihm mit Misstrauen, sogar seine Nachbarn sind argwöhnisch ihm gegenĂŒber. Duffy bewegt sich durch ein Belfast, das von der alltĂ€glichen Gegenwart des Todes geprĂ€gt ist, bevor er in ein Auto steigt, kontrolliert er es auf Bomben, stĂ€ndig kreist ein Helikopter ĂŒber der Stadt. Dabei stĂ¶ĂŸt Duffy bei seinen Ermittlungen auf AktivitĂ€ten der Armee, des Geheimdienstes und der paramilitĂ€rischen Organisationen auf beiden Seiten. BestĂ€ndig sieht er sich einem Gewirr aus AbhĂ€ngigkeiten und Verpflichtungen gegenĂŒber, in das er unweigerlich hineingerĂ€t.

In McKintys BĂŒchern wird deutlich, wie eng die Verbindung aus Freiheitskampf und Politik – kurz gesagt: aus Macht – und Verbrechen war. Die Troubles waren auch ein Deckmantel fĂŒr das organisierte Verbrechen, der mit dem Good Friday Agreement von 1998 wegzubrechen begann. In diesem neuen, vermeintlich befriedeten Belfast spielt Stuart Nevilles Jack-Lennon-Reihe, die im Jahr 2007 einsetzt. Gerry Fegan, ein ehemaliger Mörder auf Seiten der IRA, kommt aus dem GefĂ€ngnis und wird mit den Schatten seiner Taten („The Twelve“ oder „The ghosts of Belfast“, 2009; dt: „Die Schatten von Belfast“) konfrontiert. Es fĂ€llt ihm schwer, sich mit den neuen RealitĂ€ten zu arrangieren und zu akzeptieren, dass die TĂ€ter von damals nun Posten in Politik und Wirtschaft haben. Damit beschĂ€ftigt sich Neville in seinen harten Kriminalromanen mit einer der wichtigsten Fragen des neuen Belfast: Wohin sind die Seilschaften und Mörder verschwunden, als der Frieden kam? Nevilles Antwort fĂ€llt eindeutig aus: Sie haben sich arrangiert und Posten verschafft, aber noch lange nicht sind alle Fehden beigelegt und Wiedergutmachungen geleistet, vielmehr bestehen die alten GrĂ€ben zwischen Katholiken und Protestanten weiterhin.

Vergangenheit und Gegenwart sind in den nordirischen Noirs untrennbar miteinander verbunden, dabei liefert der Handlungsort nicht nur einen dĂŒsteren Hintergrund, sondern ist gleichsam ein Motiv in diesen Romanen. Lee Child bezeichnete Belfast einst als „the most noir place on earth“ – und insbesondere die BĂŒcher von Adrian McKinty sind ein eindrucksvolles Zeugnis dieser Aussage. Und auch das tatsĂ€chliche Belfast hat zumindest nach EinschĂ€tzung von Adrian McKinty und Stuart Neville ein sehr eigenes VerhĂ€ltnis zur Vergangenheit: „This is the city that gave the world its worst ever maritime disaster, and turned it into a tourist attraction; similarly, we are perversely proud of our thousands of murders, our wounds constantly on display.“ (Introduction. In: Belfast Noir)

Ein vorlÀufiges Fazit
Insbesondere im englischsprachigen Raum wird der Begriff Irish Noir – oder auch Emerald Noir – ebenso wie bspw. Nordic Noir nicht nur auf Noir-Romane angewendet, sondern oftmals synonym mit irischer Kriminalliteratur verwendet. Jedoch nimmt innerhalb der gegenwĂ€rtigen irischen Kriminalliteratur mit Autoren wie Gene Kerrigan der Noir einen wichtigen Strang ein. Er steht eindeutig in der Tradition des amerikanischen hardboiled und noir. Sie verbindet ErzĂ€hlmuster, eine grundsĂ€tzliche Skepsis gegenĂŒber Machtinhabern und eine pessimistische Weltsicht, mit der irische Autoren auf die Vergangenheit und Gegenwart ihres Landes blicken.

Sonja Hartl (c) 01/2015

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