Walter Mosleys Easy-Rawlins-Reihe wird immer wieder als Beispiel herangezogen – für die Entwicklung der hardboiled-Erzählstrategien, für die Verortung nicht-weißer Viertel von Los Angeles auf der Krimilandkarte und natürlich für die Behandlung afro-amerikanischer Maskulinität sowie Identitätsfindung afro-amerikanischer Männer. Dabei wird oft übersehen, dass die Bücher auch eine bemerkenswerte Bandbreite an Frauenfiguren aufweisen, die über den üblichen Opfer/Partnerin-Typ hinausweist. Abgesehen von Daphne Monet, die femme fatale des ersten Teils „Teufel in blau“, wird über die Frauen jedoch kaum etwas geschrieben.

Ganz in hardboiled-Tradition sind sie zunächst Easys schwacher Punkt. Er verfällt Daphne Monet, gerät durch sie in Gefahr, immer wieder versucht er, Frauen zu retten oder ihnen beizustehen. Aber allein dass schwarze Frauen als damsel in distress erscheinen, ist bemerkenswert. Diese Rolle der „Unschuldigen in Not“ wird in der Literatur vornehmlich von weißen Frau eingenommen. Bei Mosley wird sie zum einen auf schwarze Frauen ausgeweitet. zum anderen widerspricht er damit dem in der Literatur lange Jahre dominanten Topos der starken schwarzen Frau. Für Easy Rawlins sind schwarze Frauen ein wichtiger Teil seines Lebens und der afro-amerikanischen Gesellschaft, daher weigert er sich, sie zu marginalisieren oder zu ignorieren. Vielmehr wehrt er sich durch seine Entrüstung, dass die Polizei erst in den Serienmorden an Frauen zu ermitteln beginnt, nachdem ein weißes Opfer gefunden wurde (vgl. „Weißer Schmetterling“), gegen die Nicht-Beachtung der schwarzen Frau. Zudem interessiert ihn nicht, welche Vergangenheit die Frauen haben. Braucht jemand seine Hilfe, bekommt er sie. Diese Haltungen gegenüber schwarzen Frauen sind insofern bemerkenswert, als „American society rarely considers black women valuable enough to defend or avenge.“ (zit. nach Lisa B. Thompson, „Easy Women. Black Beauty in Walter Mosley’s Easy Rawlins Mystery Series“). Deshalb werden bspw. Gewalttaten gegen afroamerikanische Frauen medial weitaus weniger wahrgenommen als gegen weiße Frauen. Gleiches lässt sich auch für die Kriminalliteratur konstatieren: Die vielfach gequälten und ermordeten weiblichen Opfer sind (wie die Kriminalliteratur insgesamt) überwiegend weiß.

Mosley verbindet außerdem mit den Frauen, denen geholfen werden muss, zumeist eine komplexe Geschichte. In „Black Betty“ (1994) sucht er die schwarze Hausangestellte Betty, mit deren konkreten Fall Mosley auf die Verbrechen verweist, die über Jahrhunderte an schwarzen Frauen begangen wurden: Betty wurde von ihrem weißen Chef über Jahre vergewaltigt, der sie erst mit ihrem Bruder und dann mit dem durch seine Übergriffe gezeugten Kinder unter Druck setzte. Als er schließlich stirbt und ihr einen erheblichen Anteil von seinem Vermögen vererbt, gilt sie als berechnend und habgierig. Bettys Stellung erinnert damit an das Schicksal zahlloser Sklavinnen, die dem weißen Herren ausgeliefert und von dessen Frau verachtet wurde. Damit verweist „Black Betty“ auf die Unterdrückung und sexuelle Ausbeutung, auf die „Unsichtbarkeit“ der schwarzen Frau, ruft die Geschichte von Ausbeutung und Entrechtung, die Mosley vor dem Hintergrund der Bürgerrechtsbewegung der beginnenden 1960er Jahre erzählt.

Aber Mosleys Frauen sind nicht nur Opfer oder müssen gerettet werden. Eine wichtige Rolle nimmt EttaMae ein, die in der Forschungsliteratur kaum beachtet wird, obwohl sie in fast allen Büchern der Easy-Rawlins-Reihe erscheint: Sie ist die Frau von Mosleys bestem Freund Mouse, die er aber auch ein wenig begehrt. Sie ist ein Buch lang seine Liebhaberin, vor allem aber seine Vertraute, Ratgeberin, Assistentin. Sie hilft und rettet ihn, sie braucht gelegentlich seine Hilfe. Als er in „Cinnamon Kiss“ in Gefahr gerät und seine Kinder in Sicherheit bringt, sollen sie über EttaMae mit ihm Kontakt aufnehmen. Wenn er verhaftet wird, wendet er sich an sie. Mit EttaMae verbindet Easy ein Gefühl von Heimat und Zuhause, sie stammt wie er aus dem Fifth Ward in Houston. „Alternately soft and powerful, EttaMae persists as Easy’s icon of black womanhood’s beauty and domesticating power.“ Sie hat starke Arme, weil sie als junge Frau sechs Tage in der Woche neun Stunden am Tag Wäsche per Hand gewaschen hat. Neben dieser körperlichen Stärke strahlt sie die Ruhe aus, die für ein friedliches Zuhause wichtig ist. Dieses Zuhause, ein „home“ zu finden, ist für Easy Antrieb bei allen Bestrebungen. Er nimmt seinen ersten Auftrag als privater Ermittler nur an, weil er die Hypothek für sein Haus abbezahlen muss. Dabei geht es für Easy nicht nur darum, mit dem eigenen Haus in die Mittelklasse aufzusteigen, sondern er sucht eine Zufluchtsstätte, die ihm inmitten der alltäglichen Gefahren, Anfeindungen und Sicherheiten Stabilität und Ruhe bietet. Erst im Verlauf der Reihe geht Easy dazu über, „home“ nicht mehr als einen konkreten Ort zu verstehen, sondern es in den Beziehungen zu den Menschen zu sehen. Und in dieser Hinsicht ist EttaMae sehr lange „home“ für ihn. Die zweite Frau, mit der Easy versucht, ein Zuhause zu schaffen, ist Bonnie Shay, eine Stewardess aus der Karibik, die für Air France arbeitet. Mit ihr führt er eine Beziehung, sie wird die Ersatzmutter seiner angenommenen Kinder.

Schon bei EttaMae und Daphne zeigen sich verschiedene Frauentypen, hinzu kommen die Frauen, die Easy bei seinen Ermittlungen begegnet. Sie widersprechen dem dominanten Schönheitsmuster, sie sind nicht weiß, blond, schlank und entstammen der Mittelklasse, sondern sind schwarz, haben verschiedenste Körperformen und arbeiten hart, um ein Leben zu führen. Dabei proträtiert Mosley liebevoll gerade die älteren Frauen, die oftmals von der Gesellschaft vergessen wurden, als komplexe Persönlichkeiten mit bestechendem Charakter. Beispielsweise sucht er in „Cinnamon Kiss“ die ehemalige Restaurantbesitzerin Lena Macalister auf, bringt ihr Einkäufe mit und erfährt von ihr wichtige Einzelheiten für seinen Fall. Daneben gibt es treue Ehefrauen und heimliche Geliebte, knallharte Geschäftsfrauen und Barmädchen. Seine Bücher zeigen sehr deutlich, dass es nicht „die“ schwarze Frau gibt, nicht ein vorherrschendes Ideal, ja, noch nicht einmal die eine Frau oder den einen Mann für das ganze Leben. Damit weist Walter Mosley bei seinen Frauenfiguren eine Vielfalt auf, die weiterhin bemerkenswert ist.

Sonja Hartl (c) 10/2016

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