Liebe Leserinnen und Leser,

inmitten der vielen (Kriminal-)romane aus dem angloamerikanischen Sprachraum gerät Frankreich allzu leicht aus dem Blickwinkel. In dieser Ausgabe von Polar Noir dreht sich aber fast alles um französische Noir-Autor_innen.

In ihrem Beitrag zu der Reihe „Was ist Noir?“ kommt Dominique Manotti zu der Aussage, dass sich beim „noir“ „das Augenmerk auf ein Geflecht sozialer Beziehungen in einem Viertel oder einer Stadt (der Autor wählt sein Feld) (richtet), dessen Komplexität und Stabilität durch das Verbrechen offenbar wird. Das Verbrechen ist nicht mehr das Werk eines einzelnen Übeltäters, der ausfindig gemacht und isoliert werden kann – das Verbrechen ist ein Rädchen in der gesellschaftlichen Maschinerie und der Verbrecher einer der Akteure, die sie in Gang halten.“

Auch in Christian Roux’ „Der Mann mit der Bombe“ ist das Verbrechen nur vordergründig die Tat des titelgebenden Mannes mit der Bombe: Er agiert vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise in Frankreich, durch die er seit zwei Jahren arbeitslos ist. Dadurch gerät er immer mehr an den Rand der Gesellschaft. „Das ist der Ort, an dem die Folgen der Entscheidungen beobachtet werden können, die Menschen getroffen haben, für die die Welt aus Statistiken besteht. X Millionen Arbeitslose, x Millionen Arme … Aber eine Million, das sind eine Million Individuen, eine Million schockierende, zerstörte Geschichten“, erzählt der französische Autor im Gespräch.

Jean-Patrick Manchette hatte großen Einfluss nicht nur auf Christian Roux. Seit einigen Jahren findet sein Werk auch Niederschlag in Comic-Adaptionen. Thomas Wörtche hat sich „Blutprinzpressin“ von Max Cabanes angesehen und kommt zu dem Schluss: „Ross Thomas und Jean-Patrick Manchette sind beide 1995 gestorben, ihr Programm bleibt aktueller denn je, und Comics wie „Blutprinzessin“ halten die Flamme am Brennen.“

Der Name Film noir kommt bekanntlich ebenfalls aus Frankreich – als Bezeichnung für eine Gruppe amerikanischer Kriminalfilme. Wir haben uns mit „This Gun for Hire“ einen dieser frühen Vertreter angesehen – und ziehen Verbindungen zum Poetischen Realismus, Jean Gabin und Alain Delon.

Unter den Büchern dieser Ausgabe finden sich neben dem hierzulande neu erscheinenden Christian Roux vor allem wiederentdeckte und wiederzuentdeckende Autoren: Mit „Seitenhieb“ ist Charles Willefords dritter Roman um Hank Mosley erschienen, „Mississippi Jam“ setzt die ‚Burke-Renaissance’ fort – und in „Die Toten schauen zu“ setzt sich der Brite Gerald Kersh in seinem düsteren Roman aus dem Jahr 1943 mit den Folgen der NS-Herrschaft über eine Dorfgemeinschaft auseinander. Im Filmbereich kehren wir dann wieder nach Frankreich zurück: Denn hinter dem reißerischen Titel „The French Hitman“ verbirgt sich ein sehenswerter Neo-Noir von Fred Grivois.

Viel SpaĂź beim Lesen
Ihre
Polar Noir

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