Liebe Leserinnen und Leser,

nationale Zuschreibungen sagen ebensowenig aus wie Genrezuordnungen. Und so haben wir in der Ausgabe einen deutschen Autor, der von SĂŒdafrika erzĂ€hlt, einen amerikanischen Autor, dessen Hauptfigur einen Roman ĂŒber Hitler und Wagner schreibt, und einen nordirischen Autor, der sich an einem historischen Mordfall seines eigenen Landes abarbeitet. Vereint sind sie durch einen touch of noir.

Nachdem Max Annas in „Die Farm“ die wirtschaftlichen und ethnischen WidersprĂŒche SĂŒdafrikas aufeinandertreffen ließ, schreibt er in „Die Mauer“ ĂŒber einen jungen schwarzen Studenten, der in eine weiße Gated Community eindringt. Damit liefert er abermals ein Abbild der sĂŒdafrikanischen Gesellschaft, indem er sie in einem begrenzten Raum aufeinandertreffen lĂ€sst. „Ich mag das GewĂŒhl, in dem sich Leute aufeinander beziehen mĂŒssen, um ihre Konflikte zu lösen. Und andersrum werden diese Konflikte offensichtlicher und ihre Lösung um so drĂ€ngender, je nĂ€her ich die Figuren aneinanderrĂŒcke und je weniger ich ihnen die Gelegenheit gebe, einander zu entkommen“, erzĂ€hlt er im Interview.

Thomas Wörtche blickt in seinem Beitrag auf Rick De Marinis „GötterdĂ€mmerung in El Paso“ und kommt zu dem Schluss: „Der Hinweis, dass ErzĂ€hlen nicht voraussetzungslos passiert, sondern sich zumindest genauso auf Literatur und andere fiktionale Welten bezieht wie auf RealitĂ€ten, schĂŒtzt vor naiven LektĂŒren und einem frommen Glauben an die einfache Abbildbarkeit von Welt. Rick De Marinis ist ein extrem cleverer Nutznießer dieser Tatsache und erfreut uns durch seine ironische VirtuositĂ€t im Umgang damit.“

Hierzulande kaum bekannt ist der irische Autor Eoin McNamee, der bereits fĂŒr den Man Booker Prize nominiert und 2015 den Ned Kelly Award gewonnen hat. In seiner sogenannten „Blue“-Trilogie widmet er sich der Ermordung der 19-jĂ€hrigen Patricia Curran, die bis heute nicht aufgeklĂ€rt ist, und entwickelt anhand dieses Falls sowie der Rolle ihrer Familie eine bitterschwarze Analyse der nordirischen Gesellschaft. Wir stellen die Trilogie vor und haben mit Eoin McNamee gesprochen.

Mit der Zukunft beschĂ€ftigt sich Nathan Larson, der mit „Zero One Dewey“ den abschließenden Teil seiner Decey-Decimal-Trilogie vorlegt. Donald Ray Pollock belegt mit „Die himmlische Tafel“ wieder einmal die enge Verbindung von Noir mit Southern Gothic und Western. In den USA ist unlĂ€ngst der 14. Teil mit Walter Mosleys hardboiled-Detektiv Easy Rawlins erschienen, der sich in „Roter Tod“ hingegen noch mit der vermeintlichen kommunistischen Bedrohung auseinandersetzte.

 

Viel Spaß beim Lesen
Ihre
Polar Noir

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