Alf Mayer ist freier Journalist und war u.a. Direktor der Filmbewertungsstelle (FBW), Filmredakteur bei der legendĂ€ren Medienzeitschrift „medium“, Krimi-Kolumnist im Frankfurter „strandgut“ und ist der einzige, der den Lebenslauf von Karl Anders aufschrieb, der Hammett, Chandler und Ambler nach Deutschland brachte.

Wie bist Du zum Noir gekommen?
Das weiß ich sehr genau, es war sehr einschneidend. Ich war ein junger Journalist, ich bin Jahrgang 1952, und „Taxi Driver“ lief 1976 in Cannes. Ich war eine Woche spĂ€ter dort, wir haben damals in Frankreich Urlaub gemacht, denn Cannes konnte ich mir noch nicht leisten, aber in einem Kino liefen die Filme noch. Dort habe ich „Taxi Driver“ gesehen, auf Französisch. Ich kann kein Französisch, habe kein Wort verstanden, aber der Film hat mich absolut weggeweht. Am gleichen Tag bin ich nochmal reingegangen, das hat meine damalige Freundin nicht ganz so verstanden, aber seither habe ich diesen Film bestimmt ĂŒber dreißig Mal gesehen und die Musik zweihundert Mal gehört. Dieser Film war fĂŒr mich Ausdruck an ModernitĂ€t und WeltgefĂŒhl, wie DeNiro einen Sinn sucht und dann die Aufgabe entdeckt, das MĂ€dchen – die kleine Prostituierte zu retten –, und sich mit der wunderschönen Cybil Shepard an NormalitĂ€t versucht. Wenn man etwas Ă€lter ist, kann man natĂŒrlich auch die Facetten besser verstehen, die Verzweiflung, das Alleinsein in einer Welt, in der man nicht so richtig einen Platz hat und findet, in der man kein richtiges Ziel hat. GefĂŒhlsmĂ€ĂŸig verband sich das bei mir mit den ganzen ausfĂŒhrlichen ErzĂ€hlungen des Pfarrers, diesen ganzen Folter- und Untergangsgeschichten der Heiligen, die mich echt richtig interessiert haben (lacht). Ich hatte einen Vater, der ganz klar – so wĂŒrde man heute sagen – vom Krieg traumatisiert war, und ich hatte relativ jung verstanden, dass etwas ihm AlptrĂ€ume macht und ausflippen lĂ€sst, was nichts mit mir zu tun hat, dass es eine grĂ¶ĂŸere Kraft – wie den Krieg – geben muss. Der Film noir ist fĂŒr mich – um es hart und nicht romantisch zu sagen – ein Ausdruck des Kriegszustandes, in dem man sich auf der Welt befindet.

Was bedeutet das fĂŒr Dich?
Ich habe mich schon immer auch fĂŒr das absurde Theater interessiert und war von Samurai-Filmen bewegt, obwohl ich nicht alles verstanden habe. Aber sie haben auch eine aufrechte Haltung, dem eigenen Untergang mit einer gewissen WĂŒrde ins Auge zu schauen. Das fand ich mit Anfang/Mitte Zwanzig schon großartig. Damals war Kalter Krieg, ein Schatten lag ĂŒber der Welt. Ich war bei der Bundeswehr bei einem Spezialkommando, weil ich körperlich sehr fit war, und wir haben gelernt, als EinzelkĂ€mpfer Deutschland unbrauchbar zu machen, falls Rot gewinnt (lacht). So nannte man das damals. Von wegen Zukunft, und das alles mitten im Wohlstand und Wirtschaftswunder. Doch es gab dunklere Töne, und diese dunklen Töne, das ist der Film noir. Er ist aufrichtig. Man kann darĂŒber streiten, ob es ein Genre oder Stil ist, fĂŒr mich ist es eine Frage der Haltung. Beim Noir schaut man dem UnabĂ€nderlichen ins Auge und lĂŒgt nicht mit einem Happy End herum. Der Heroismus wird auf ein menschliches Maß zurĂŒckgeschraubt.

Im Weltkino gibt es ja diesen Antagonismus, man will auf der einen Seite Bruce Willis, unzerstörbare Superhelden, deshalb gibt es diese wahnwitzige Vielzahl von Comicverfilmungen in den letzten Jahren. Hier bin ich schon sehr gespannt auf „Birdman“, der ja damit brechen soll. Dann gibt es auf der anderen Seite kleine, schmutzige Filme, und Film noir hat immer etwas schmutziges, auch moralisch, weil er subversiv und moralisch sensibler ist als der Mainstream. Das sind Filme, die einen runterziehen können. Ein Film noir zieht einen so runter, dass man mit der Stimmung hinterher wieder frohgemut leben kann. Ich habe mal auf der Berlinale, lange ist es her, „KĂĄrhozat“ („Verdammnis“, 1988) von BĂ©la Tarr gesehen. Ein Vier-Stunden-Film, absolut dĂŒsteres Zeug, eine Bergwerkstadt, eine Drei-Personen-Geschichte, also ein schrĂ€ges Liebesdreieck, ganz, ganz dĂŒster. Das hat mich so gut gelaunt gemacht, dass ich auf der Berlinale sofort nochmal hineingegangen bin. Film Noir ist nichts fĂŒr weiche GemĂŒter und Leute, die es gerne rosa haben. Aber um diesem Grauenhaften um uns herum eine Haltung abzugewinnen, brauche ich ab und zu eine Dosis Film noir.

Es gibt ja auch in Superheldenfilmen die Gebrochenheit des Helden, beispielsweise in „Batman“.
Absolut, die Batman-Filme haben ganz klar Noir-AnklĂ€nge, sie sind auch eine VerlĂ€ngerung von „Blade Runner“ und dieser Tradition. Es gibt die Puristen, fĂŒr die Film noir von 1941 bis 1958 reicht und die es genau zwischen zwei Filmen verankern. Sicher ist das der Kern gewesen, dann gab es wieder Phasen, in denen sich die Welt fĂŒr andere Dinge interessiert hat, fĂŒr den wunderbaren Fortschritt und das allgemeine GlĂŒck der Menschheit. Aber das ist ja mittlerweile wieder anders. Das Kino ist ganz klar ein Ort, an dem gesellschaftlich etwas verarbeitet, ausgebeutet, bedient und kommentiert wird, es ist wie alles KĂŒnstlerische ein Versuch, die Welt zu verstehen. Film noir ist keine Gaudi, Film noir ist immer ein ernsthaftes Unternehmen und sozusagen philosophische Arbeit an der Welt. Film noir machen keine Leute, die mal schnell ein bisschen spielen wollen. Mit Ausnahme von dem von mir nicht besonders geschĂ€tzten Tarantino, den ich fĂŒr einen Scharlatan und Kompilisten halte mit einer eigenen problematischen sadistischen Haltung. Über den wĂŒrde ich mich nicht so gerne unterhalten wollen, muss ich sagen, falls Du jetzt ein Tarantino-Fan wĂ€rst.

Ich bin alles andere als ein Tarantino-Fan. Als ich in Marburg Medienwissenschaft studiert habe, hatte ich in jedem Seminar diese vier oder fĂŒnf Leute sitzen, die dachten, weil sie Tarantino-Filme kennen, sind sie die Superexperten.
Paperlapapp! Als ich „Pulp Fiction“ gesehen habe, habe ich mich sofort mit fĂŒnf Leuten gestritten. Ich habe gesagt, es ist der Anfang vom Niedergang. Wenn so etwas Nachgeahmtes, Pseudohaftes angeblich ein wunderbarer Neuanfang ist, dann heiße ich MĂŒller. Das ist ein kleiner, tierquĂ€lender Sadist. Ich habe auch schon ein paarmal darĂŒber geschrieben, ich finde das pubertĂ€r, was der macht. Sicher gibt es auch viele gute filmische Sachen von ihm, also „Jackie Brown“ ist schon richtig okay 



 auch „Reservoir Dogs“ finde ich 

Auch das, wobei, er genießt schon seinen Sadismus und hat darĂŒber hinaus nicht viel mehr zu sagen. Ein underlying meaning ist nicht so ganz sein Ding. Seine Apologeten haben auch immer Probleme, da etwas hochzuschrauben. Aber lassen wir Herrn Tarantino.

Gibt es denn heute noch wirkliche Noir-Filme im Kino?
Ja. Zum Beispiel habe ich gerade erst „The Gambler“ gesehen, der ist im Kino völlig untergegangen, ein Remake von dem gleichnamigen Film mit James Caan, allerdings mit Mark Wahlberg. Der ist leider das Problem des Films. Mark Wahlberg als spielsĂŒchtiger Literaturprofessor, der ĂŒber Shakespeare und ĂŒber Camus brilliert, ist ein wenig schrĂ€g, aber da er sich gleichzeitig von den Leuten begeistert zusammenschlagen lĂ€sst, bewegt er sich lustvoll am Abgrund entlang. Noch nicht einmal balancierend oder etwa taumelnd. Im letzten Jahr gab es auch „Out of the Furnace“ mit Christian Bale und Casey Affleck, den ich sehr, sehr mag. Casey Affleck als der jĂŒngere Bruder, der immer schon nicht ganz am amerikanischen Traum beteiligt war und als Kriegsveteran zurĂŒckkommt, ganz klar einen Schaden hat und auf die Idee kommt, bei einem absoluten Oberdrecksack, ein ganz böser Woody Harrelson, im Hinterland zu boxen, also bare knuckle ScheunenkĂ€mpfe, und dabei umkommt. Christian Bale rĂ€cht letztendlich seinen Bruder. Das ist ein völlig dunkler Film, auch farblich.

Nach meiner Beobachtung gibt es solche Filme in Amerika und es wird davon mehr geben. Die Situation ist viel schlimmer als vor hundert Jahren, nach dem Börsenkrach und Ersten und Zweiten Weltkrieg. Momentan ist der Krieg dabei, an jede HaustĂŒr zu kommen, und damit auch dieser Fatalismus, den die Leute im Film noir haben. Sie wissen, sie können jeden Moment draufgehen. Sie wissen, sie haben sich verrannt. Sie wissen, sie kommen nicht mehr raus – oder es ist ganz und gar unwahrscheinlich. Deshalb sind diese Filme keine netten Casino-Filme wie „Ocean Eleven“, wo man mit klugen ZĂŒgen schon wieder rauskommt, sondern das ist alles the way down. Die Frage ist, was man fĂŒr eine Haltung hat und welch schöne Sachen man sagt. Es gibt ja im Film noir Zitate, die sind einfach nur göttlich, finde ich, jedem Mark Aurel Lebensweisheitenbuch ebenbĂŒrtig.

Welche sind Deine Lieblings-Noirs?
Oh, das ist eine harte Frage, die habe ich befĂŒrchtet. Also unbedingt „Taxi Driver“, dann „Zelle R17“ mit Burt Lancaster, ein GefĂ€ngnisfilm. Ich habe letztes Jahr die restaurierte Version von „Das Cabinet des Dr. Caligari“ gesehen, da konnte ich fast eine Woche nicht mehr schlafen. Der hat eine Kraft, der Film, immer noch, völlig irre. Da ist eine Welt aus den Fugen und das ist Ă€sthetisch völlig ĂŒberhöht, aber in der Stimmung des Film noir. Dann „M“ auf jeden Fall. Und welchen Film ich sehr, sehr liebe ist „Der Verlorene“ von Peter Lorre, der einzige Film, den er je gemacht hat. „Der Malteser-Falke“, „Der dritte Mann“, „Touch of Evil“, „Bestie Mensch“ mit Jean Gabin, in dem er LokfĂŒhrer ist und den Ehemann seiner Geliebten umbringt. „Der Schatz der Sierre Madre“ ist ein ganz großartiger Film. Es gibt so viele! Weniger die Hitchcock-Filme, die sind elegant und alles, aber treffen einen nicht dort, wo es weh tut. „Johnny Guitar“ finde ich sagenhaft. Dann „Junior Bonner“ von Sam Peckinpah mit Steve McQueen als Rodeoreiter. In dem gibt es einen wunderbaren Satz, den ich nie vergessen habe. Eigentlich ist er schon ĂŒber seinen Zenit als Rodeoreiter und will nicht aufhören, weil er sonst gar keine Idee vom Leben hat. Und nachdem ihm gesagt wird, dass seine Zeit vorbei ist, entgegnet er, wenn dies eine Welt der Gewinner ist, was sollen dann die Verlierer tun? Das ist finde ich einen guten Noir-Satz.

Das stimmt.
„Chinatown“ und „L.A. Confidential“ sind gute Films noir, obwohl es Surrogate sind, sie bauen auf etwas auf, was es gab, aber das machen sie sehr, sehr gut. Überhaupt hat James Ellroy ein richtiges VerstĂ€ndnis von Noir und auch die VerrĂŒcktheit, also dieses moralisch Offene sozusagen. Und er hat auch einen netten Namen fĂŒr das Genre.

Film Noir ist schon so etwas wie ein Bastard, das schwarze Schaf. Dort werden moralische Grenzen verschoben und erprobt, er rebelliert gegen diese Happy-End- und TellerwĂ€scher-MentalitĂ€t. Das gilt auch fĂŒr Frauen. Im Film noir sind, vor allem, wenn man es historisch betrachtet, Frauen nicht nur selbstĂ€ndig, sondern den MĂ€nnern absolut ebenbĂŒrtig und ĂŒberlegen. Da hat die Auflösung der RollenverhĂ€ltnisse rein gespielt, im Krieg mussten Frauen selbstĂ€ndiger sein und das hat sich zuerst im Film noir abgebildet. Dazu gibt es ja auch tolle SprĂŒche, in dem kleinen Film „Detour“ sagt die Frau zu dem Typen, mit dem sie ausgerissen ist, „Stop making noises like a husband“ (lacht). Das ist eine Mischung aus SchlĂ€ge-in-die-Magengrube, das Testen der eigenen moralischen Grenzen sozusagen, eine Auseinandersetzung mit Verlust, Nihilismus, mit AbsurditĂ€t und Entwurzelung.

Gerade was die Rolle der Frau angeht, ist wenig ĂŒbrig geblieben in modernen Filmen. Heutzutage wird die femme fatale auf das sexuelle, erotische Element reduziert, 


 ja, ja 



 dass sie alleine dadurch verfĂŒhrt, das finde ich schade. Ich glaube, dass Ă€ndert sich gerade so ein bisschen hin zu diesem RĂ€cherinnen-Typus, der jetzt seit Stieg Larsson im Kino ein bisschen populĂ€rer ist.
Wie fandest Du da „Gone Girl“? Ich fand ihn etwas zynisch, aber er tut sehr brav. Allerdings schaut man hinterher Familien ein wenig anders an. Ach so, ein guter, moderner Film noir ist auch „The Killer inside me“ von Michael Winterbottom, der ist völlig untergangen, weil er auch eine heftige Vergewaltigung enthĂ€lt. Aber Winterbottom ist auch nicht der schlechteste Regisseur und der weiß schon auch, was er tut. Es gibt ja auch Regisseure, von denen ich auch den Eindruck habe, sie wissen nicht genau, was sie zĂŒndeln, oder es ist ihnen moralisch egal.

Ist ja auch ein brutaler Roman. Ich habe bei vielen Regisseuren oder auch Autoren oft das GefĂŒhl, dass sie Gewalt oder Ekel mit Spannung gleichgesetzen. Und das ist es nicht. Gewalt ist Gewalt, Ekel ist Ekel, aber das ersetzt keine Spannung. Und Figuren werden dadurch auch nicht komplexer oder Handlungen tiefsinniger. Das fand ich bei The Killer inside me nicht, da war die Gewalt durch die Handlung und durch die Figuren begrĂŒndet.
Ja, das ist ein guter Stichpunkt von Dir, gerade der originale Film noir war – wie auch andere Genres dieser Zeit – die Kunst der Andeutung. Sie war schon einmal viel weiter gediehen als heute im Kino, das ErzĂ€hlen war ambivalenter. Heute muss man es irgendwie wissen, deshalb vermeidet man es, das Publikum allzu lange zappeln zu lassen. Und alles an Ambivalenz, was ich immer super finde, immer schon (lacht), das leidet wirklich im Kino.

Aber noch einmal zurĂŒck zu „Der Verlorene“. Warst Du in Deiner Funktion bei der Filmbewertungsstelle auch an der Produktion der DVD beteiligt?
Nicht technisch an der Herstellung. Mit Gerd Albrecht und Steffen Wolf habe ich die gesamte FBW-Geschichte durchgeackert und daraus ist ein sehr schönes Buch geworden. Bei der Gelegenheit bin ich darauf gestoßen, dass „Der Verlorene“ der erste bewertete Spielfilm der Filmbewertungsstelle war, damals eine junge Behörde, die auch noch eine richtige Bedeutung hatte, weil ein PrĂ€dikat die VergnĂŒgungssteuer erspart beziehungsweise deutlich ermĂ€ĂŸigt hat. Da ging es beispielsweise bei einem Film, der eine Million eingespielt hat, mit der VergnĂŒgungssteuer um 300 000 Mark. Die VergnĂŒgungssteuer war mal die höchste kommunale Steuer, die es gab. Nach dem Krieg gab es ja dreimal so viele Kinos wie heute. Das war die wirtschaftliche Seite. Bei dem Lorre war es auch ein politisches Signal dieser neuen Institution. In den ersten zehn, fĂŒnfzehn Jahren, also ab Mitte der 1950er Jahre, war die die FBW sehr aktiv und hat avancierte Filmkunst richtig gefördert. Die Gutachten sind fantastisch. Es gibt ĂŒber „Das Schweigen“ ein sensationelles Gutachten, das fĂ€ngt so an, dass sich niemand aus diesem Ausschuss mit diesem Film einverstanden erklĂ€ren kann und ihn ganz und gar grausam findet oder so, dennoch aber gebietet die Achtung vor der kĂŒnstlerischen Arbeit ganz einhellig ein positives Urteil. Und dann hat er „besonders wertvoll“ gekriegt. So eine Haltung gab es mal Filmen gegenĂŒber. Heute ist ja die eigene Meinungsbildung schon ein bisschen, wie soll ich sagen, auf Twitter-Format (lacht). Ist das so?

Heutzutage ist Filmkritik oft Empfehlungsjournalismus.
Ja, oder man will schnell wissen, woran man ist. Ich war mal Redakteur einer Monatszeitschrift, da konnte ein Satz eine siebenmonatige Debatte auslösen. Das wĂŒrde heute gar nicht mehr funktionieren. Übrigens auch noch so ein Film-Noir-NachlĂ€ufer „The Deer Hunter“, der lief 1979 auf der Berlinale. Vietnam und die Sowjetunion haben nicht nur dagegen protestiert, sondern haben auch ihre Filme zurĂŒckgezogen. Und daraufhin hat der Verband der deutschen Filmkritik die Berlinale aufgefordert, diesen Film nicht zu zeigen.

Oh!
Norbert Grob, der war damals ein Autor von mir, eine Handvoll anderer Leute und ich haben damals gesagt: Das geht so ĂŒberhaupt nicht. Wir kĂ€mpfen die ganze Zeit fĂŒr die Meinungsfreiheit, und dieser Film muss selbstverstĂ€ndlich gezeigt werden. Daraufhin hat Norbert eine Wahnsinnsanalyse ĂŒber diesen Film geschrieben, nach einmal sehen. Abgedruckt, fĂŒnf weitere BeitrĂ€ge dazu und wir hatte sechs Monate eine „The Deer Hunter“ und „was darf man im Film zeigen?“, Rassismus und Nicht-Rassismus-Debatte (lacht). WĂ€re heute gar nicht mehr denkbar.

Wobei das wirklich schade ist, weil es ja gerade online die Möglichkeiten dazu gibt.
Eigentlich ja, aber heute muss man ja fast schon froh sein, wenn man ein ‚Like‘ bekommt. Ich habe mal vier Kritiker mit LĂ€ngenvorgabe in denselben Film geschickt und dann die vier Kritiken nebeneinander abgedruckt.

Das ist großartig.
Die waren schockiert, einer hat nie mehr mit mir geredet. Aber jeder, der sich fĂŒr einen Film interessiert, liest doch zwei oder drei Kritiken. Ich dachte, ich könnte damit eine QualitĂ€tsdebatte anfangen, „Was ist Filmkritik?“ oder so. Das ist eines meiner LebensrĂ€tsel, ich liebe Debatten, aber aus ihnen sind sehr wenige geworden.

Zumal es im Internet auch den Platz gibt. Aber noch einmal zurĂŒck zum „Verlorenen“.
Ja, ich hatte den ganz frĂŒh mal gesehen, hatte aber nur vage Erinnerungen an etwas DĂŒsteres. Mit der DVD habe ich auch nichts zu tun, ich habe als Institution eine bestimmte Anzahl abgenommen und dafĂŒr gesorgt, dass es ein gutes Booklet von Felix Hofmann gibt, der aus der der einzigen großen Peter-Lorre-Biographie von Steven Youngkin eine kondensierte Übersetzung mit eigenen Bemerkungen gemacht hat. Leider auf dunklen Grund gedruckt. Diese Graphiker lesen anscheinend nie die Texte, die sie gestalten.

Und was sagst Du zu dem Film?
FĂŒr Peter Lorre war „Der Verlorene“ die Hoffnung, in Deutschland wieder Fuß zu fassen, als Emigrant zurĂŒckzukommen und eine kĂŒnstlerische Karriere aufzunehmen. Er war ein sehr berĂŒhmter Schauspieler, sehr angesehen in der Weimarer Republik und hat gedacht, dass er mit diesem Film wieder etwas Neues anfangen kann, und ist auf völliges, wirklich völliges UnverstĂ€ndnis gestoßen. Das drĂŒckt sich sogar noch bis in das FBW-Gutachten aus. Es ist ein dĂŒsterer, verzweifelter Film, der einen ganz nervös macht, weil er die ganze Zeit raucht und mit tieftraurigen Augen verstĂ€ndnislos in diese Nachkriegswelt schaut, in der alles einfach so weitergeht, und all die, die auch mal oben waren, weiter oben sind, und es niemanden schert, niemand die Verantwortung ĂŒbernimmt und alle die Schulter einziehen und vorwĂ€rts in die neue Republik stapfen. Er ist eine verlorene Figur, im wahrsten Sinn.

FĂŒr die Entstehungszeit finde ich ihn sehr beeindruckend, auch die Art und Weise, in der er sich der Vergangenheit nĂ€hert. Und die Idee, einen Mann als Hauptfigur zu nehmen, der seine Verlobte ermordet, ist genial. Im ersten Moment denkt man noch, sein Motiv war verletzte Eitelkeit, aber dann entdeckt er, dass er Lust am Mord empfindet, zu einer Zeit, in der andere Mörder begĂŒnstigt sind.
Ja, der Film ist auch eine Deklination von „M“, der ihn als Schauspieler und KĂŒnstler dekliniert hat. ‚Der Mörder in mir‘ ist sozusagen schon sein Thema. Das ist ein durchgehendes Thema des Film noir, bei MĂ€nner und Frauen, das Wissen um die eigenen AbgrĂŒnde. Den Fluch der eigenen AbgrĂŒnde halbwegs aufrecht zu tragen. Dieser Nicht-Sinn des Lebens bĂŒndelt sich in einem Film noir, ich finde es alles sehr philosophisch. Gott ist tot und so. Was das fĂŒr einen selbst bedeutet, das ist fĂŒr mich Film noir.

Vielen Dank fĂŒr das GesprĂ€ch!

Das GesprĂ€ch fĂŒhrte Sonja Hartl im Januar 2015 fĂŒr Polar Noir.

zur Übersicht zurück