Der 20-jĂ€hrige NeuseelĂ€nder Ben Atkins studiert Politik und Medien und hat mit „Stadt der Ertrinkenden“ einen eindrucksvollen DebĂŒtroman geschrieben, in dem er von einer Nacht im Leben des Gangsters Fontana in den 1930er Jahren in den USA erzĂ€hlt.

Wann hast Du mit dem Schreiben angefangen?
Als ich wĂ€hrend der Highschool viele alte Filme gesehen und hardboiled-Literatur gelesen habe, entstand das BedĂŒrfnis, zu diesem Feld etwas beizutragen. Ich wollte an dem Entstehen einer Welt teilhaben, die auf diese Art und Weise stilisiert ist, aber sie sollte auch mein Entwurf sein.

Du hast mit Deinem Roman im Alter von 15 Jahren angefangen und er wurde vier Jahre spÀter veröffentlicht. Wie sah Dein Schreibprozess in diesen Jahren aus?
Es war sehr seltsam. Ich war ein Teenager, auf der einen Seite ein SchĂŒler an der High School, der durch das ĂŒbliche Durcheinander ging, aber auf der anderen Seite hatte ich dieses große Projekt, dem ich mich sehr tief verbunden fĂŒhlte. Es kann ziemlich blöd sein, so viel Druck auf einen selbst aufzubauen, aber als ich merkte, dass ich tatsĂ€chlich ein Buch zu Ende schreiben könnte, blieb ich bei der Sache. Anfangs war es noch sehr lose, aber je lĂ€nger ich dabei blieb, desto besser wurde ich im Planen und Reorganisieren der Elemente, insbesondere beim Überarbeiten. Am Anfang stand also der bloße Wunsch nach Kommunikation, daraus hat sich dann die Geschichte entwickelt.

Und wie hat sich die Geschichte verÀndert?
Sie wurde strukturierter, konkreter. Noir ist berĂŒhmt und berĂŒchtigt fĂŒr verschlungene oder wenigstens komplizierte Geschichten. Wenn man die Charaktere und die Welt das Beste aus einem herausholen lĂ€sst, kann man sich in einem schwarzen Loch voller versteckter Details, Motive und Handlungen verlieren. Das ist faszinierend. Aber ich wollte nicht einen auf Raymond Chandler machen und am Ende nicht mehr in der Lage sein zu sagen, wer was gemacht hat, weil es zu unĂŒbersichtlich geworden ist. Deshalb konzentrierte ich mich mehr auf das Strukturieren der Geschichte – wenngleich nicht auf streng realistische Weise.

Was interessiert Dich an Kriminalliteratur?
Ich fĂŒhle mich sehr von der Idee angezogen, randstĂ€ndige Geschichten zu erforschen. Die amerikanischen Gangster und Mafiosi der Mitte des letzten Jahrhunderts haben mehr Aufmerksamkeit in der Fiktion erhalten als andere subversive oder „anti-soziale“ Gruppen der westlichen Kultur, und weil ich den Geschichten ĂŒber sie so stark ausgesetzt war, wollte ich zu diesem Universum etwas beitragen. Aber im Allgemeinen reizt mich an der Kriminalliteratur oder generell dem Fiktionalen – und auch meinem – die Idee, eine sehr bestimmte, verschlossene Subkultur zu nehmen und zu erforschen, wie sie funktioniert. Das fasziniert mich sehr.

Warum hast Du Dich dann entschieden nicht einfach einen Kriminalroman, sondern einen Noir-Roman zu schreiben?
Das war ein und dieselbe Entscheidung. Noir war, was ich wollte, Noir ist ein Teil der Kriminalliteratur. Sobald ich anfing, Noir zu schreiben, wĂŒrde ich Teil der Kriminalliteratur sein – und der einzige Weg, in dem ich einen Krimi schreiben wollte, war ein Noir.

Was hat Dich denn zum Noir gezogen?
Wie viszeral er ist, wie er einen verfĂŒhrt, er einen hinab zieht in diese Welt, die oft verstörend ist, aber zu der man unbedingt gehören will. Ich liebe – und das meine ich wirklich – das Potential des Noirs fĂŒr das Durcheinander und Surreale. Es kann ein grenzĂŒberschreitendes, vordrĂ€ngendes Genre sein, das moralische GrundsĂ€tze destabilisiert und dazu fĂŒhrt, sich selbst zu hinterfragen.

Was ist Noir fĂŒr Dich?
Was ich gerade beschrieben habe, ist im Grunde genommen meine Sichtweise von Noir. Aber das ist das Genre von seiner besten Seite. Die Art Noir, die ich nicht mag, oder nicht mehr mag, ist der sehr sexistische Strang mit einer ‚femme fatale‘ als durch und durch korrupte Gegenspielerin. Ich mag den grenzĂŒberschreitenden Aspekt von Noir – es ist ein Genre, in dem viele Ideen, soziale und politische, in sehr trĂŒber, dĂŒsterer Ästhetik hinterfragt werden können. Es gibt viele Texte, die als Noir oder Neo-Noir beschrieben werden können, die aber nicht so ĂŒberwĂ€ltigend sind – beispielsweise der Film „Drive“ oder die Serie „True Detective“. Obwohl diese Geschichten so unterschiedlich sind, finden die Leute nicht nur Gemeinsamkeiten in ihnen, weil sie ein kriminelles Leben oder Ermittlungen erforschungen. Sondern ich glaube, Noir-Geschichten rĂŒhren von einem tiefen Unbehagen mit der Gesellschaft und ihrer FĂ€higkeit zur Gewalt her, sei sie physisch, moralisch oder was auch immer.

Welche Autoren haben Dich beeinflusst?
Raymond Chandler habe ich schon erwĂ€hnt. Er war ein großer Einfluss in jĂŒngeren Jahren, als ich 14 und 15 war. Seit ich mehr schreibe, lese ich aber weniger. Ich wollte mich auf meine eigene Geschichte konzentrieren. Deshalb war es auch interessant, Literatur zu lesen, die normalerweise nicht mit Noir in Verbindung gebracht, beispielsweise das surrealere Werk von Haruki Murakami oder Kazuo Ishiguro – diese Autoren war ein guter Gegensatz zu der eher brutalen Noir-Ästhetik.

Warum hast Du die 1930er Jahre als Handlungszeit gewÀhlt?
Dieses Jahrzehnt reprĂ€sentiert einen interessanten Zusammenfluss von politischen UmwĂ€lzungen und kriminellen Unternehmungen, insbesondere in den USA. Aus Sicht eines Kriminellen zu schreiben, der nach eigenen Normen lebt, war dabei ein Weg, auf politisch und moralisch unterschiedliche Menschen zu blicken. Allein die Idee von KriminalitĂ€t ist politisch; also war es sehr interessant auf eine Zeit zu blicken, in der fundamentale Fragen der Gesellschaft und ihrer Organisation von radikalen KrĂ€ften infrage gestellt wurden. Geschichtlich gesehen waren sie verheerend, sie sind gescheitert, wir wissen das – aber in den frĂŒhen 1930er Jahren waren sie noch aktuell und experimentell, da das gegenwĂ€rtige Model katastrophal gescheitert war.

Es gibt viele Vergleiche zwischen der Wirtschaftskrise in den 1930er und 2010er Jahren. Was denkst Du dazu?
Ich finde, es ist sehr verstörend. Dass eine Ă€hnliche Art Gier, die von – verglichen zur Weltbevölkerung – wenigen Menschen ausgeĂŒbt wird, solche Folgen auf Milliarden von Leben haben kann und so etwas immer wieder vorkommt, ist tragisch. Diese Parallelen wollte ich ebenfalls erforschen.

In Deinem Roman folgst Du einem Protagonisten in einer Nacht. Warum hast Du Dich entschieden, die Handlung so anzulegen?
Das hat viele GrĂŒnde. Die Nacht hat eine sehr besondere AtmosphĂ€re, ich mag die Idee, die Welt in diesem Modus zu erkunden und ihn niemals wirklich zu verlassen. Wir fĂŒhlen uns anders in der Nacht. Wir schauen zurĂŒck auf unseren Tag oder unser Leben, denken vielleicht darĂŒber nach und erkennen, dass wir uns verĂ€ndern mĂŒssen. In solchen Momenten, spĂ€t in der Nacht, gibt es eine Art EntblĂ¶ĂŸung und SentimentalitĂ€t. Man sieht Dinge in einem anderen Licht – im ĂŒbertragenen und tatsĂ€chlichen Sinn. Dann schlĂ€ft man und am nĂ€chsten Tag hat man vergessen, wie es sich angefĂŒhlt hat. Die Unmittelbarkeit der GefĂŒhle in der Nacht, bevor man auf die gleiche Art weitermacht. Fontana hat diesen Luxus nicht. Es gibt so viele Thriller und Abenteuerromane, die in einer kurzen Zeitspanne spielen, aber sie enden nicht in etwas EndgĂŒltigem fĂŒr die Protagonisten, und in der Fortsetzung gibt es dann diesen Helden, der sich nicht verĂ€ndert hat, obwohl er so viel durchgemacht hat. Das ist absurd. Ich wollte zweierlei: Die Wirkung der Nacht und dass die Ereignisse innerhalb dieser 12 Sunden eine Figur unwiderruflich verĂ€ndern.

Und warum ist der Protagonist ein Gangster?
In diesem Fall steckt dahinter der Gedanke, eine normalerweise an den Rand gedrĂ€ngten Geschichte zu bevorzugen und das binĂ€re Spiel zwischen „GesetzeshĂŒter/Kriminellem“ und „guten Mann/bösen Mann“ aufzulösen. Üblicherweise stehen wir auf der Seite eines Polizisten oder Ermittlers, einer legitimierten Figur, aber mit einem subversiveren Charakter im Mittepunkt der Geschichte verĂ€ndert sich die fiktionale Welt um ihn herum. Fontana ist zwar ein Berufsverbrecher, aber kein Mafioso, deshalb untergrĂ€bt er diese Norm von Kriminalliteratur bis zu einem gewissen Maß. Ich wollte, dass er ein Außenseiter ist – selbst unter seinesgleichen.

Nun studierst Du Politik und Medien. WĂŒrdest Du dein Buch gerne verfilmen?
Eines Tages vielleicht, ja, falls es jemals realistisch sein sollte, einen Kriminalfilm zu finanzieren und zu machen, der auf Elemente kontroverser Politik blickt. Das ist nicht leicht. Wir werden sehen.

In vielen Besprechungen wird Dein Alter mit dem Hinweis erwÀhnt, dass es unmöglich erscheint, dass ein so junger Typ diesen Roman geschrieben hat. Wie gehst Du damit um?
Es gibt eine Fixierung auf Jugend in vielen Gesellschaften und insbesondere in Industrien, in denen kreativ gearbeitet wird. Wenn man das mit der Tendenz verbindet, dass viele vergessen haben, „wie es damals war“ als sie 15 oder 20 Jahre alt waren, kann es sehr seltsam sein, junge Menschen zu beobachten, die in einem Projekt aufgehen. Wir vergessen die KomplexitĂ€t des Erwachsenwerdens und der frĂŒhen Erwachsenenzeit, wir verweisen sie auf abstrakte Erinnerungen, und sehen unser jĂŒngeres Selbst als naiv und unerfahren und deshalb untergeordnet. Aber jeder mit vergleichbaren Möglichkeiten wie ich – Zugang zu öffentlicher Bildung und freier Zeit, nach der Schule nicht wie viele andere arbeiten zu mĂŒssen – kann wĂ€hrend der High School ein Buch schreiben. Jeder kann Geschichten erzĂ€hlen, jeder kreiert verschiedenste Narrative in seinem Leben. Dieses ist nur eine Art und Weise. Und um Deine Frage zu beantworten: Ich erinnere mich daran, dass Schreiben oder GeschichtenerzĂ€hlen in jungen Jahren unĂŒblich sein mag, aber es ist nicht ungewöhnlich oder unrealistisch – trotz anderer vorherrschender Einstellungen.

Vielen Dank fĂŒr das GesprĂ€ch!

Das GesprĂ€ch fĂŒhrte Sonja Hartl fĂŒr Polar Noir in April 2015.

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