In Frankreich bereits 2013 mit dem „Grand Prix de Littérature Policière“ ausgezeichnet, betritt Benjamin Whitmer hierzulande nun mit „Nach mir die Nacht“ die krimianlliterarische Bühne. In seinem Buch erzählt er von Väter und Söhnen, von Verlassenen und Vergessenen.

Für diejenigen, die „Nach mir die Nacht“ nicht kennen, wie würden Sie das Buch beschreiben?
Ich sehe es als meinen Versuch eines modernen Westerns. Wie Peckinpahs „Pat Garrett and Billy the Kid.“ Ich bin mir nicht sicher, ob es eine gute Beschreibung ist, aber es ist diejenige, die für mich funktioniert. Ich bin ein großer Western-Fan und deshalb mochte ich die Vorstellung, meinen eigenen über moderne Outlaws zu schreiben.
Natürlich ist es dann etwas völlig anderes geworden, aber das passiert immer. Was ich denke, was ich schreibe, ist niemals das, was ich tatsächlich schreibe.

Wie ist denn die Idee zu „Nach mir die Nacht“ entstanden?
Aus verschiedenen Quellen. Die erste ist, dass mein Sohn kurz vorher geboren wurde und ich sehr viel darüber nachgedacht habe, wie Männer versagen und dass es sehr gut möglich ist, dass ich ihn mit all den Mythen über Maskulinität verderbe, die ich geerbt habe. Die zweite war die zuvor erwähnte Idee eines modernen Western. Und dann habe ich einen Freund, der den Job macht, den auch die Hauptfigur Patterson hat, und ich konnte einige der Sachen, die er mir erzählt hat, nicht aus dem Kopf bekommen.

Die Hauptfigur Patterson Wells hat ihren Sohn verloren, ist in Trauer und arbeitet hauptsächlich in Katastrophengebieten. Wie würden Sie ihn beschreiben?
Er ist ein Mann mit Fehlern, der versucht, das Beste aus dem zu machen, was er bekommt. Er hatte ein hartes Leben, arbeitet in einem harten Job und dadurch ist er wenig seltsam geworden. Er ist wie viele Menschen, die ich kenne. Wie ich bereits erwähnte, kommt seine Arbeit von einem Kumpel von mir, der diesen Job hat. Als er mich besuchte, fuhren wir viel in den Rocky Mountains herum, und er erzählte mir von seiner Arbeit. Je länger ich darüber nachdachte, desto besser schien mir dieser Beruf geeignet, über die Teile Amerikas zu erzählen, die zerstört und verlassen wurden.

Der Handlungsort ist sehr wichtig in dem Buch. Warum haben Sie diese Gegend ausgesucht?
Ich bin in einem Frühling in das San Luis Valley gefahren, um mit meinen Kindern dort zu campen und war hin und weg. Es ist eine atemberaubend schöne Gegend und eine, die noch nicht so mythologisiert wurde. Erwähnt man beispielsweise Monument Valley, denken alle an John Ford und John Wayne, dadurch ist die Gegend bereits mit Bildern aufgeladen. Das San Luis Valley ist ebenso im Westen, aber es ist nicht mit den Geschichten zahlreicher anderer belastet. Außerdem – und das ist vermutlich das Wichtigste – wusste ich, sollte ich dort meinen Roman spielen lassen, hätte ich eine Entschuldigung dafür, einige Jahre dorthin zum Campen und Wandern zu fahren. Was ich gemacht habe.

Es gibt in dem Buch sehr viele Beziehungen zwischen Vätern und ihren Söhnen.
Ich habe zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Ich bin alleinerziehend und versuche ständig herauszufinden, wie ich ein guter Vater sein kann. Deshalb mache ich immer den Witz, dass ich in meinem ersten Buch „Pike“ über die vielen Möglichkeiten schreibe, wie ich meine Tochter verderben kann, und diesem Buch über meinen Sohn. Daher glaube ich, dass mein Interesse an dem Thema zum Teil damit verbunden ist, dass ich ein Vater bin und darüber nachdenke. Außerdem glaube ich, dass es mir guttut, ein Buch über gescheiterte Maskulinität zu schreiben und wie sie vom Vater an den Sohn weitergegeben wird.

Patterson und Junior habe eine sehr spezielle Beziehung …
Ein alter Mann, der wild und hart gelebt hat, will manchmal einen jüngeren Mann vor denselben Fehlern bewahren, indem er einschreitet und ihn ein wenig beruhigt. Ich war auf beiden Seiten dieser Beziehung. Aber es funktioniert niemals. Junge Männer, die so wild sind, müssen ihre eigenen Fehler machen. Am besten ist, wenn man ihnen hilft, am Leben zu bleiben, bis sie aus dieser Phase herausgewachsen sind.

Welche Rolle spielt Brother Joe mit seinen Verschwörungstheorien?
Bei diesem Buch war ich wirklich besessen von Verschwörungstheorien. Ich habe vermutlich an die hundert Seiten gestrichen, die ich über sie geschrieben habe. Verschwörungstheorien ergeben Sinn – wenn sie entstehen. Es gibt viele Menschen in diesem Land, die Pech hatten, die das schlechte Los gezogen haben. Ihre Jobs sind verschwunden, ihre Lebensgrundlage ist weg und die Orte, an denen sie leben, werden von ökonomischen Kräften zerstört, die sie nicht verstehen. Sie leiden und alles, was sie sehen, sind Politiker, die sich für sie einen Scheiß interessieren. Deshalb glaube ich, dass es ganz normal ist, dass sie herauszufinden versuchen, was passiert ist – und dabei kommen sie auf Erklärungen, die verrückt erscheinen. Noam Chomsky sagte einmal, dass Verschwörungstheorien von den Menschen kommen, die versuchen, die Dinge zu erklären, die ihre Leben zerstört haben, aber nicht das historische Bezugssystem haben, um zu erkennen, was wirklich dahintersteckt. Es ist für sie fast wie eine Religion.

Und wissen Sie, wir werden hier doch ständig belogen. Es gibt keinen Weg herauszufinden, was passiert, warum wir in diesem oder jenen Krieg kämpfen, warum wir unsere Kinder nicht zum Arzt bringen oder Essen auf den Tisch bringen können. Es ist schwierig, darüber nicht nachzudenken. Es ist ähnlich, wenn man einen Verlust oder eine persönliche Tragödie erlitten hat, dann ist es natürlich, darin eine Bedeutung zu suchen. Es mag die falsche Bedeutung sein, sie mag keinen Sinn ergeben, aber manchmal ist das Einzige, was einen dazu bringt, weiterzumachen, zu versuchen, eine Bedeutung in dem Bedeutungslosen zu finden.

Was suchen Ihre Figuren in ihrem Leben?
Ich denke immer an etwas, was Woody Guthrie einst zu Alan Lomax ĂĽber den Blues gesagt hat. „I’ve always called [the blues] being lonesome. You can get lonesome for a lot of things. You can get lonesome for a job, lonesome for some spending money, lonesome for some drinking whiskey, lonesome for a good time, pretty gals, wine, women, and song. Thinking that you are down and out and disgusted and busted and can’t be trusted, why, it gives you a lonesome feeling. Somehow the world has sorta turned against you.“ FĂĽr mich sind das diese Figuren. Sie sind einsam, abgehängt, verloren. Ich kann es nicht so gut sagen, wie Guthrie es gesagt hat, aber ich versuche es.

Man müsse nicht besonders unglücklich sein, um sich selbst zu töten. Das normale Leben reiche dafür aus. Diese Sätze aus Ihrem Buch sind bei mir hängen geblieben. Was steckt dahinter?
Ich glaube, es war Thoreau, der sagte, dass „the mass of men lead lives of quiet desperation”. Diese Art Menschen, meine Art, bekommen nur das Leben, das sie haben. Es sind Menschen, die das Beste aus dem machen, was sie bekommen haben – und das ist nicht viel. Es gibt keine tatsächliche Chance, dass es besser wird. Und das ist die größte Einsamkeit, die mein Herz zerbrechen lässt: Ein Leben zu leben, das von kleineren Fehlschlägen und Tragödien heimgesucht wird, ohne Hoffnung, dass es jemals besser wird. Es scheint, dass viele Menschen in meinem Land gerade genauso leben.

Ich wĂĽrde gerne noch ĂĽber Ihren Schreibprozess reden. Wie gehen Sie vor?
Es gibt keine Entschuldigung dafür, wie albern mein Prozess ist. Ich fange mit einem Plot oder einer kurzen Ausarbeitung an, die ich dann völlig aus den Augen verlieren, so dass ich einfach blind vorangehe. Letztlich schreibe ich Bücher, weil sie für mich Unterhaltungen mit der Welt um mich herum sind. Das bedeutet, dass ich immer an ihnen herumfummele, sogar, wenn ich es glaube, ich mache es nicht. Deshalb schreibe ich immer mehr als ich brauche. „Nach mir die Nacht“ war viel, viel länger, dann habe ich es gekürzt, bevor es jemand sehen könnte, nach einer Unterhaltung mit meinem französischen Verleger, Oliver Gallmeister, habe ich es noch einmal um ein Viertel gekürzt. Ich weiß, dass es klügere und effizientere Wege gibt, Romane zu schreiben. Aber ich scheine nicht herausfinden zu können, wie es geht.

Was ist Noir fĂĽr Sie?
Ich mag Dennis Lehanes Definition vom Noir als Tragödie der Arbeiterklasse. Das ist der Leitfaden für mich, und in meiner Arbeit halte ich mich streng daran. Es muss eine Tragödie, es muss Arbeiterklasse sein. Das bedeutet nicht, dass andere nicht ihre eigenen Definitionen haben, aber ich mache keine Polizeiromane, keine Schlapphüte, keine femme fatales oder irgendetwas. Damit will ich diese Dinge nicht herabsetzen, ich lese gerne solche Romane, aber ich habe kein Interesse daran, sie zu schreiben.

Außerdem ist Noir „gut-check literature“. Es gibt keine Ironie. Charaktere werden nicht beurteilt. Die einzige Sache, die ich an meinem Arbeitsplatz habe, ist ein Post-it-Zettel, auf dem steht: Grab tiefer. Damit will ich mich daran erinnern, dass ich alles verliere, wenn ich anfange, meine Charaktere zu verurteilen. Ich will, dass meine Leser sich um Menschen sorgen, um sie sich niemals sorgen wollten. Und damit sie das machen, muss ich einen Weg finden, mich ebenfalls um sie zu sorgen. Sie so verstehen, wie sie sind.

Ich habe gelesen, dass Sie ihren Schreibstil als „country noir“ bezeichnen. Was bedeutet der Begriff für Sie?
Er meint nur Noir als eine Tragödie der Arbeiterklasse, die in der ländlichen Bevölkerung stattfindet. Ich bin in dieser Welt aufgewachsen. Wir haben so weit von urbanen Zentren weg gelebt, wie man konnte. Wir hatten keine Elektrizität, kein fließendes Wasser oder gar eine Krankenversicherung. Das sind die Menschen, die mich interessieren. Die meisten Romane, die in den USA publiziert werden, sind von, über und für diejenigen, die in den städtischen Metropolen an den Küsten leben. Es gibt viele Landstriche dieses Landes, die komplett vergessen worden. Und Country noir ist über diese Gegenden.

Welche anderen Noir-Schriftsteller haben Sie beeinflusst?
Da meine Definition von Noir sehr an der Idee der „Tragödie der Arbeiterklasse“ hängt, zähle ich viele Autoren zum Noir, die andere vielleicht nicht dazu zählen würden. Cormac McCarthy, besonders mit seinen späten Romanen, hat so großen Einfluss auf mich, dass ich sehr bewusst jedes meiner Bücher durchgehen und den Cormac austreibe, weil seine Sätze mich zerstören – wenn ich nicht aufpasse, fange ich an, sie zu schreiben, mit vorherzusehenden schrecklichen Konsequenzen. Auch James Ellroy schwebt drohend über mir. In seinem Fall ist es weniger der Stil – obwohl ich glaube, er ist ein erstaunlicher Kunsthandwerker – als die thematische Richtung von Büchern wie „American Tabloid“, über das Marlon James kürzlich schrieb, es sei der amerikanische Roman, der vor uns allen feststellte, dass der amerikanische Traum der Albtraum eines anderen sei. Ich kann die große Skala, die Ellroy bearbeitet, nicht abarbeiten, ich kann mir noch nicht einmal vorstellen, es zu versuchen, aber ich liebe seinen Umgang mit der Geschichte.

Gibt es BĂĽcher, die Sie besonders beeinflusst haben?
Es gibt zwei Bücher, die mein Leben seit den Zwanzigern bestimmen, und eines folgt tatsächlich aus dem anderen: Das erste ist „Moby Dick“. Ich weiß gar nicht mehr viel darüber, außer dass es mich gefangen genommen hat. Ich habe es wieder und wieder gelesen. Diese Intertextualität und die Art und Weise, wie es mit der Welt hadert, hat sich in meinen Kopf eingebrannt. Und durch „Moby Dick“ habe ich „Blood Meridian“ in den früheren 1990er Jahren entdeckt, weil McCarthy in einem Artikel schrieb, „Moby Dick“ sei sein Lieblingsbuch.

Ich habe die Hälfte meines Lebens damit verbracht, in der Umlaufbahn von „Moby Dick“ zu lesen, und ich weiß nicht, ob irgendein Teil dieses Buchs meine Arbeit beeinflusst. Ich weiß ja noch nicht einmal, ob wir in einer Welt leben, in der ein solches Buch noch einmal geschrieben werden kann. Aber ich liebe es und komme – wie manche Menschen mit der Bibel – immer wieder darauf zurück.

Der Kriminalroman gilt vielen Liebhabern als der beste Weg, unsere Gesellschaft zu beschreiben und zu analyiseren. Was denken Sie darĂĽber?
Das stimmt genau. Für mich definiert Verbrechen eine Gesellschaft. Wen wir in der Gesellschaft akzeptieren, ist ein Ergebnis dessen, was wir als Verbrechen bestimmen. Verbrechen selbst ist die gesellschaftliche Schranke: Wenn man ein Verbrechen begeht, ist man außen vor; wenn man sich an Gesetze hält, gehört man dazu. Wenn wir also über Verbrechen nachdenken, denken wir darüber nach, was unsere Gesellschaft erlauben und verbieten wird, wer dazu gehört und wer nicht. Es scheint mir, dass wir viele Menschen einschließen, ohne die wir könnten – manche kandidieren sogar als Präsident meines Landes –, und auf die gleiche Weise können wir von denen lernen, die wir ausschließen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview fĂĽhrte Sonja Hartl im September 2016 fĂĽr Polar Noir.

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