In „Der Mann mit der Bombe“ erzählt Christian Roux von einem Arbeitslosen, der mit einer Bombenattrappe einen Raubüberfall begehen will und sich unversehens mit der wilden Lu auf einer Flucht quer durch Frankreich befindet. Es ist der erste Roman des französischen Schriftstellers und Musikers, der in deutscher Übersetzung erschienen ist.

„Der Mann mit der Bombe“ ist Ihr siebter Roman, aber es ist das erste Buch von Ihnen, das in Deutschland veröffentlich wird. Was haben wir verpasst?
Alles. Ich versuche, jedes Mal einen Roman zu schreiben, der anders ist als der vorige. Zum Beispiel meine ersten beiden Romane: „Braquages“ erzählt davon, wie Obdachlose von Schurken benutzt werden, an ihrer Stelle einen RaubĂĽberfall zu begehen. Sie landen offensichtlich in einer Falle, aus der sie entkommen mĂĽssen. Dieser Roman ist gänzlich aus der Perspektive der dritten Person und im passĂ© simple geschrieben. „Placards“ thematisiert Gewalt gegen Kinder. Er vereint drei Handlungsstränge: den eines Kindes, das in einem Schrank eingesperrt wird und kaum schreiben kann (wahllose Syntax, schlechte Tempusverwendung, mangelhafter Wortschatz), den eines Polizisten, der während seiner Kindheit Dinge erlitten hat und sich entschieden hat, seine Erinnerungen durch das Schreiben zu verarbeiten (im passĂ© und mit literarischen AnsprĂĽchen, manchmal ein wenig geschwollen) und eine Geschichte in der Gegenwart. „Der Mann mit der Bombe“ ist nun komplett im passĂ© composĂ© geschrieben. Einige Romane sind sehr hart, sehr gewalttätig, wenn das Thema es erfordert, andere nicht. Der letzte Roman, „Adieu Lili Marleen“ ist von einer Episode inspiriert, die ich erlebte, als ich Pianist in einer Bar war, und hat erstmals auch eine historische Komponente. Das ist meine groĂźe Freude an der Literatur. Ich mag es im Allgemeinen weder als Autor noch als Leser, wenn Romane um einen wiederkehrenden Helden aufgebaut sind. Sie bieten zu viel Bequemlichkeit und beschränken ihre Charaktere auf definierte Gruppen wie „gut“ und „schlecht“, was auch immer ihre Fehler sind oder wie komplex sie auch sein mögen Und das wird dann mit Spannung erwartet. Aber offensichtlich bin ich selbst voller WidersprĂĽche, ich bin ein Fan von Philipp Marlowe … Aber im Fall von Chandler rettet der Schreibstil alles.

Sie sind aber nicht nur ein Autor, sondern auch ein Musiker. Wie passt das zusammen?
Ich werde das oft gefragt und habe immer noch keine gute Antwort. Ehrlich gesagt, weiĂź ich es nicht. Ich weiĂź, dass ich beides sehr gerne ĂĽbe und dass sie mir als Notwendigkeiten erscheinen. GleichermaĂźen schreibe ich Szenarien, wenn ich mit Theaterkompagnien reise … Manche Aktivitäten erfordern völlige Einsamkeit, andere Teilhabe und Diskussion … Das ist ein guter Ausgleich fĂĽr mich.

In „Der Mann mit der Bombe“ schreiben Sie über die Wirtschaftskrise. Warum?
Diese Krise ist nicht wirklich das Thema. Sie ist die Kulisse. Ich schreibe zeitgenössische Romane, mit Männern und Frauen, die in der Welt kämpfen, wie sie ist. Gemeinsam ist meinen Roman trotz allen Unterschieden, dass alle meine Charaktere am unteren Ende der sozialen Leiter angesiedelt sind, wenn sie auch nicht klar außerhalb dieser Ordnung stehen. Das ist der Ort, an dem die Folgen der Entscheidungen beobachtet werden können, die Menschen getroffen haben, für die die Welt aus Statistiken besteht. X Millionen Arbeitslose, X Millionen Arme … Aber eine Million, das sind eine Million Individuen, eine Million schockierende, zerstörte Geschichten. Ich interessiere mich für diesen Teil der Million: für die Einzigartigkeit des Individuums.

In deutschen Medien ist die Krise in Frankreich weniger präsent als beispielsweise die Krise in Spanien oder Griechenland. Sind sie vergleichbar?
Welche Medien? In Frankreich prognostizieren uns die Ă–konomen der liberalen Presse – die viel mehr Raum in den Nachrichten einnehmen als ihre Gegner – eine dĂĽstere Zukunft, wenn wir nicht die „notwendigen Reformen“ durchfĂĽhren. Was sie „notwendige Reformen“ nennen, ist nichts weniger als ein Abbau unsere sozialen Errungenschaften. Sie benutzen die Krise und die Arbeitslosigkeit als Druckmittel, um unsere Gesellschaft neu zu gestalten und billige Arbeitskräfte zu bekommen. Aber wir sind in unserem alltäglichen Leben weniger betroffen sind als die Griechen oder Spanier, gerade weil unser Sozialsystem stark bleibt. Verglichen mit Deutschland, mit England, mit den Vereinigten Staaten, mit der ganzen Welt: nur in Frankreich gibt es solche Rechte! Also? Es ist alles eine Frage der Entscheidung. Ist diese soziale Absicherung teuer? Ja. Deshalb bin ich nicht gegen das Zahlen von Steuern und Sozialabgaben (welche die liberalen Ă–konomen immer unter dem Begriff „Kosten“ fassen). Man sollte vielmehr beachten, dass es unserem gesamten Haushalt besser ginge, wenn weniger Steuern hinterzogen wĂĽrden. Weil Diebe nicht damit aufhören, das System zu umgehen, mĂĽsse man das gesamte System ändern … Lächerlich! Das wäre wie einem Geschäft zu sagen, dass sie ihr Management verändern mĂĽssen, damit kein Geld mehr aus den Kassen gestohlen wird.

Ihr Protagonist ist ein arbeitsloser Mann, der eine Bombe baut, um mit seinen GefĂĽhlen der Machtlosigkeit und des Kontrollverlustes zurechtzukommen. Wie wĂĽrden Sie ihn beschreiben?
Dieser Roman wurde in Frankreich im Jahr 2012 veröffentlicht, also lange vor den Attentaten von 2015 und 2016. Ich möchte das klarstellen, weil mein Charakter mit den Ängsten spielt, natürlich, aber er würde nicht mehr mit ihnen spielen. Damit es ganz deutlich wird: Ich würde diesen Roman heute nicht schreiben oder etwas in dieser Art. Wir haben mit einem Regisseur an einem Drehbuch für einen Film zu „Der Mann mit der Bombe“ gearbeitet, aber wir haben damit nach dem 13. November 2015 aufgehört.
Larry ist seit zwei Jahren arbeitslos, er ist am Ende und hat verstanden, dass er keine Arbeit mehr finden wird. Er kann nicht länger die Position beanspruchen, die er vorher hatte, weil er zulange draußen ist, und er ist zu qualifiziert für untergeordnete Stellen. Eines Tages liest er in der Zeit, dass ein Mann mit einer Bombenattrappe fünf Überfalle begangen hat. Dieser im Buch beschrieben Vorgang ist von einer wahren Geschichte inspiriert, von meinem Schriftstellerfreund Hafed Benotman, der leider gerade verstorben ist. Larry sagt sich, dass er nicht dümmer als dieser Mann ist und entscheidet sich, eine ähnliche Bombenattrappe zu bauen, ohne zu wissen, ob er überhaupt den Mut hat, einen Überfall zu begehen. Nach und nach bemerkt er, dass er sich stärker fühlt, wenn er mit der Bombe unterwegs ist. Er, der zuvor ein Nichts war, hat nun die Macht, seinen Nachbarn zu erschrecken – und diejenigen, von denen sein Schicksal abhängt. Also, eines Tages nach einem Bewerbungsgespräch platzt er und testet diese Kraft … Es ist eine einfache Metapher: Larry, an seine Grenze getrieben, ist ein Mann, der explodiert, und mit ihm seine Familie, seine Werte und sein Leben …

Wie wĂĽrden Sie seine Beziehung zu seiner Frau und seiner Tochter beschreiben?
Wie er sie auch beschreiben würde: Sie brachte ihn dazu, eine gewisse Behaglichkeit, eine gewisse Betrachtungsweise seiner selbst zu lieben. „Larry wusste, dass er Sophie liebte, als er Ingenieur war und 3200 Euro im Monat mit nach Hause brachte. Weil er gerne mit ihr ausging, ins Kino, ins Theater, ins Restaurant, im Warmen mit ihr Sex hatte, mit ihr verreiste, neue Landschaften entdeckte, darüber sprach, wie sie ein Möbelstück fanden, über das letzte Buch, das sie gelesen hatten, und wie es wäre, ein Haus zu kaufen – auch wenn sie es nicht taten, aber das war nicht so wichtig, wichtig war, es in Betracht zu ziehen.“ Seine Situation hat sich völlig verändert, alles hat sich verändert … also auch die Liebe. Aber es wird bis zum Ende ein Gefühl der Verpflichtung gegenüber seiner Frau und seiner Tochter bleiben. Im Grunde ist das alles, was bleibt …

Im Gegensatz zu Larry scheint sich Lu damit abgefunden zu haben, dass sie sich außerhalb der „normalen“ Gesellschaft bewegt – und ein Leben voller Missbrauch führt. Warum haben Sie sie mit Larry auf die Flucht geschickt?
Eine der Vorzüge der Fiktion ist, dass man Individuen zusammenbringen kann, die so gut wie keine Chance haben, sich zu begegnen – und dann zu sehen, was passiert. Jede Figur dient dazu, den anderen – und mir – Dinge zu offenbaren, und während ich ihnen zuhöre, entdecke ich viele Sachen!

Und wie wĂĽrden Sie Larrys Beziehung zu Lu beschreiben?
Anfangs lehnt er sie ab, weil er sie nicht kennt. Am Ende ist die Liebe, weil er sie kennt. Er kennt seine Menschlichkeit. Ich gebe zu, dass ist eine klassische Geschichte, aber ich bekomme davon nicht genug. Wie oft wird es notwendig sein zu wiederholen, dass wir ablehnen, was wir nicht kennen?

Warum haben Sie sich entschieden, diese Geschichte als einen roman noir zu schreiben?
Das ist keine Entscheidung. Ich habe einen Roman geschrieben. Eine Geschichte. Wenn man soziale und tatsächliche Gewalt beschreibt, wird man in eine bestimmte Kategorie gesteckt. Ich lehne sie nicht ab. Ich beanspruche sie sogar, aber heutzutage wird sie an der Seite von bestimmten Genres aufgeführt, die ich verabscheue: die Serienkillerromane, die Sensationsromane, die vielen Romane mit polizeilichen Untersuchungen … Alle diese Romane erzählen mehr oder weniger das gleiche: die Unschuldigen werden von jemandem, der sehr böse ist, malträtiert und ein Ritter kommt, um sie von dem Bösen zu retten. Man schreibt diesem Ritter dann große Mängel oder Abweichungen zu, damit man sich nicht zu sehr in der Idylle verliert, aber das ist eine manchichäistische Sichtweise der Gesellschaft, in der nichts anderes als fantastische Dinge erzählt wird. Sie sind wie die Geschichten der Menschenfresser. Man mag, dass man erschreckt wird, weil man weiß, dass die Menschenfresser am Ende eliminiert werden, man stellt keinerlei Fragen, man äußert keine Frage. Manchette hat geschrieben. „Ich erkläre, dass Polar keineswegs gleichbedeutend mit „Kriminalroman“ ist. Polar bedeutet harter Roman noir. Während der Roman policier à énigme der britischen Schule das Übel in der schlechten Natur der Menschen sieht, sieht der Polar das Übel in der Organisation der Übergangsgesellschaft.“ (Übersetzung entnommen aus: Manchette, Chronoques. Distel 2005. Im Original: „Je décrète que le polar ne signifie aucunement «roman policier». Polar signifie roman noir violent. Tandis que le roman policier à énigme de l’école anglaise voit le mal dans la nature humaine mauvaise, le polar voit le mal dans l’organisation sociale transitoire.“). Aber alle diese Romane befinden sich auf den gleichen Regalen in Bibliotheken und Buchhandlungen. Oje, oje, oje …

Während ich Ihr Buch gelesen habe, musste ich an Jean-Patrick Manchette denken. Hat er sie beeinflusst?
Das ehrt mich sehr. Am meisten haben mich sein Schreibstil und seine Ansprüche an einen Schriftsteller beeinflusst. Ich werde niemals ein „Verhaltensforscher“ oder ähnlich distanziert von meinen Charakteren sein wie er, da ich ein hoffnungsloser Romantiker bin – vielleicht auch, weil ich aus der Poesie komme –, aber er ist zusammen mit Flaubert, Maupassant, William Faulkner und John Fante einer der Autoren, die ich für eine Lehrstunde im Schreiben regelmäßig wiederlese.

Welche anderen Autoren haben Sie noch beeinflusst?
Abgesehen von den bereits genannten war ich von der Reihe über Lew Griffin von James Sallis gefangen. Ein wiederkehrender Held? Nicht wirklich. Der erste Roman macht uns glauben, dass es Neuigkeiten gebe. Tatsächlich sind diese Neuigkeiten aber Kapitel eines Romans und jeder Roman ist wiederum ein Kapitel in einer weiteren Zusammenstellung. Beeindruckend. Darüber hinaus haben sie einen perfekt-präzisen Schreibstil, Charaktere voller Unsicherheiten, Widersprüche und einer beeindruckenden Menschlichkeit. Diese Menschlichkeit spricht mich an Stefan Zweig, Heinrich Böll, Jim Thompson, David Goodis und James Crumley an. Ich weiß nicht genau, warum mich diese Autoren beeinflusst haben, aber ich weiß, dass ich regelmäßig zu ihnen zurückkehre. Und ich habe immer „Das Buch der Unruhe“ von Fernando Pessoa griffbereit.

Welche anderen französischen Autoren sollen wir in Deutschland entdecken?
Hafed Benotman, Gianni Pirozzi, Marc Villard (unser größter Stilist, denke ich), Thierry Crifo, Hugues Pagan … Und morgen denke ich mir, „ach, mist, es gibt da ja außerdem noch …“

Und nun zu der Frage, die ich immer stelle: Was ist Noir fĂĽr Sie?
Der roman noir porträtiert Frauen und Männern, die zutiefst an der globalen sozialen Ungleichheit leiden, in welcher uns der Finanzkapitalismus weiterhin festhält. Er beginnt in dem Moment, in dem diese sich im Würgegriff befindenden Männer und Frauen die Grenze der Legalität überschreiten und unwiderruflich in die Gewalt kippen.
Und zum Abschluss noch eine Frage, der auf Wunsch des Autors der Hinweis vorangeht, sie nicht zu lesen, wenn man das Buch noch nicht gelesen hat.
Warum haben Sie sich entschieden, seine Hautfarbe erst nach einigen Seiten zu erwähnen?
Ich würde es bevorzugen, es noch nicht gegenüber den Lesern zu erwähnen, die den Roman noch nicht gelesen haben, aber ich beantworte die Frage. In einer Zeit, in der Rassismus, Forderungen nach einer nationalen Identität, Parallelgesellschaften, Nationalismus und andere Übel der gleichen Sorte monströse Ausmaße annehmen, wollte ich einfach die Geschichte eines Menschen erzählen, der in Europa lebt und der die Schwierigkeiten hat, die Millionen Menschen ebenfalls haben, ob sie weiß, schwarz, ocker, gelb, rot … sind. Warum also einen Schwarzen? Wenn in Frankreich ein Charakter schwarz ist, verkörpert er einen Archetyp: Einen Typ aus den Städten, der beibehält oder ablehnt, was ihn mit seinem Ursprungskontinent verbindet. Im Grunde genommen trifft man daher in der Fiktion einen Schwarzen, wenn Autoren Themen wie Rassismus, Identitätssuche, die Ghettoisierung der Städte usw. behandeln wollen … das ist sehr einfach. Larry ist Ingenieur, Atheist, in der Normandie geboren, hat an einer Universität studiert und keinerlei Beziehungen zu dem Kontinent, von dem er „stammt“. Und schlagartig, wenn ich gefragt werde, „Warum ist er schwarz“, mag ich es zu antworten „warum nicht?“.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Sonja Hartl für Polar Noir im März 2016.

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