In der irischen Krimiszene ist Declan Burke eine feste Größe. Er schreibt über Krimis für Zeitungen und Magazine, betreibt die Krimi-Webseite Crime Always Pays und hat selbst fünf Kriminalromane geschrieben. In deutscher Übersetzung ist 2014 „Absolute Zero Cool“ bei Edition Nautilus erschienen. Außerdem hat er die Krimi-Anthologien „Down these green Streets“ (2011) und mit John Connolly „Books to die for“ (2012) herausgegeben.

Woher kommt die Idee für “Absolute Zero Cool”?
Wie die meisten Ideen, die ich für Bücher habe, kam sie zufällig. Vor über zehn Jahren habe ich eine sehr düstere Geschichte über einen soziopathischen Krankenhauspfleger namens Karlsson geschrieben, der das Krankenhaus in die Luft sprengen will, in dem er arbeitet, um die Menschen auf die Tatsache aufmerksam zu machen, dass es auf lange Sicht keine gute Idee ist, sich um die Schwachen, Kranken und Alten zu kümmern. Es war keine sonderlich ansprechende Geschichte, wie Sie sich vorstellen können. Einige Jahre später kam mir der Gedanke, dass so eine Figur wie Karlsson in einer Art Veröffentlichungs-Schwebezustand ist und veröffentlicht werden muss, um daraus zu kommen. Und ich mochte die Idee, dass dieser schreckliche Charakter versucht, seinen Autor zu überzeugen, ihn zur Welt zu bringen, indem er schreckliche Dinge tut – wie bspw. ein Krankenhaus in die Luft zu sprengen …

Wie haben Sie dann den Plot entwickelt?
Ich plotte nur selten weit im Voraus. Sobald ich eine Idee habe, schreibe ich los, um zu sehen, wohin mich die Geschichte bringt. Ich bin mehr an der Handlung als an anderen Aspekten des Geschichtenerzählens interessiert, denke ich. Ich fürchte aber ein wenig, dass mich die Geschichte langweilt, wenn ich genau weiß, wohin sie führen wird, und dass dann das Schreiben schal wird.

Normalerweise stelle ich diese Frage nicht, weil ich sie wenig ergiebig finde. Aber da Sie in „Absolute Zero Cool“ mit so vielen autobiographischen Details spielen, ist es wert, das Offensichtliche doch zu fragen: Wie autobiographisch ist ihr Buch?
Sie haben recht, es sind autobiographische Details von mir in der Geschichte, wenngleich ich sie selbst nicht als wichtige persönliche Einzelheiten sehe. Zum Beispiel ist der Autor in der Geschichte gerade Vater einer Tochter geworden, so wie ich, als ich sie geschrieben habe, aber ich habe nicht über meine Tochter geschrieben als ich über dieses Baby schrieb – es ist mehr eine trübe Widerspiegelung meines Lebens als ein präzises Porträt. Es kann Spaß machen, denke ich, etwas von sich selbst in eine Geschichte zu packen, es gibt ihr etwas Persönliches, aber ich würde mich niemals berechtigt fühlen, über wahre Menschen – insbesondere meine Familie – zu schreiben. Das wäre sehr plump.

Sie haben einmal gesagt, dass Raymond Chandler groĂźen Einfluss auf Sie hatte.
Sehr früh, seit meinen frühen Teenager-Jahren, wusste ich, dass ich schreiben wollte. Als ich älter wurde, wusste ich, dass ich Kriminalromane schreiben wollte. Als ich den ersten Absatz von „The Big Sleep“ gelesen habe, fühlte es sich an, als wäre ich angekommen – es war zugleich brandneu und vertraut, es schien richtig zu sein. Ich liebte, dass er über ernsthafte Angelegenheiten auf ernsthaft schrieb, aber auf eine respektlose, humorvolle Art und Weise. Ich glaube, was ich sagen will ist, dass Chandlers Ton oder Marlows Stimme zu mir auf eine Art und Weise gesprochen haben wie noch kein Schriftsteller zuvor. Dadurch konnte ich glauben, dass ich eines Tages in der Lage wäre, in dieser Art zu schreiben.

Und welche anderen (Kriminal-)Schriftsteller haben Sie beeinflusst?
Das wäre eine sehr lange Liste. Ich war sehr beeindruckt, als ich zum ersten Mal Colin Batemans „Divorcing Jack“ (dt. „Eine Nonne war sie nicht“) gelesen habe, eine Chandler-Story in Nordirland. Ich wusste nicht, dass man so schreiben darf, wenn man Ire ist, und es gab mir das Vertrauen, es auf meine Art zu versuchen. Das gleiche gilt für Vincent Banvilles Privatdetektivgeschichten. Anders wurde ich von Elmore Leonard, Barry Gifford und George V. Higgins beeinflusst – sie sind in ihrem reduzierten Stil ganz anders als Chandler, aber ich liebe ihren lakonischen Ton und wie sie ihre kriminellen Figuren menschlich werden lassen. Da gibt es noch viele andere Autoren, die mich auf verschiedenste Weise beeinflusst haben.

Sie sind nicht nur Kriminalschriftsteller, sondern schreiben auch über Kriminalromane auf Ihrer Webseite. Warum haben Sie „Crime Always Pays“ gestartet?
Der Blog Crime Always Pays entstand 2007, als „The Big O“ veröffentlicht wurde, um meine eigenen Bücher zu bewerben. Dann hatte ich zu dieser Zeit den Eindruck, dass viele andere gute irische Kriminalromane veröffentlicht wurden. John Connolly, Ken Bruen, Eoin McNamee und Colin Bateman waren schon etabliert, aber dann gab es noch andere Autoren wie Tana French, Declan Hughes, Alex Barclay, Arlene Hunt, Gene Kerrigan … Es war eine sehr interessante Entwicklung innerhalb der irischen Literatur und niemand sonst schien diese Veröffentlichungen und Publikationen zusammenzutragen. Also nutzte ich den Blog, um über diese Bücher zu sprechen und im Verlauf – so hoffte ich – die Menschen auch auf meine eigenen Bücher aufmerksam zu machen. Nach einer Weile verselbständigte sich der Blog, insbesondere als die irische Kriminalliteratur zu explodieren begann. Letztendlich war es dann fast unvermeidbar, dass wir „Down These Green Streets“ publizierten.

Und bevorzugen Sie das Schreiben von oder ĂĽber Kriminalliteratur?
Beides ist auf seine eigene Weise zufriedenstellend. Ich liebe es, Fiktionen zu schreiben, und diese Freude, nachdem man eine Geschichte gut geschrieben hat (in den seltenen Fällen, in denen mir das gelingt), ist einzigartig. Aber Schreiben über Literatur bedeutet, dass man sehr viel Literatur lesen muss, und das ist ebenfalls eine sehr vergnügliche und befriedigende Tätigkeit.

Sie schreiben auch Filmkritiken. Haben Filme Ihren Schreibstil beeinflusst?
Das ist schwierig zu beantworten, da Bücher und Filme sehr verschiedene Arten sind, eine Geschichte zu erzählen. Ich bin mir nicht sicher, ob das viele Sehen von Filmen einen Einfluss auf meinen Stil hat, da er sich von Buch zu Buch verändert. Abgesehen davon, können Filme aber sehr viel über verschiedene Aspekte des Geschichtenerzählens lehren: das Tempo, die Stimmung, wie man eine Geschichte in die klassische Drei-Akt-Struktur einfügt, wie man sie durch Dialoge voranbringt und so weiter. Also ja, ich glaube, dass das Schreiben über Filme einen wichtigen Teil dabei ausmacht, wie ich mich dem Erzählen von Geschichten nähere.

Sie haben sechs BĂĽcher geschrieben und zwei BĂĽcher ĂĽber Kriminalliteratur herausgegeben. Was hat Sie zu letzteren veranlasst?
“Down These Green Streets” war eine Möglichkeit, die außerordentlichen Entwicklungen in der irischen Kriminalliteratur festzuhalten, die meiner Meinung nach das interessanteste sind, was in der irischen Literatur seit einem halben Jahrhundert passiert ist. Die Idee war, Schriftsteller darüber schreiben zu lassen, warum sie sich für Kriminalliteratur entschieden haben, und dann zu sehen, ob sich daraus größere Themen ergeben.
Bei „Books to die for“ dachten John Connolly und ich, dass es sehr interessant wäre – und auch Spaß machen würde – großartige Kriminalautoren über ihre persönlichen Favoriten oder Einflüsse schreiben zu lassen. Es war ein faszinierendes Projekt, und ich bin sehr stolz, dass ich geholfen haben, das Buch zusammenzustellen.

Was ist Noir?
Uff, harte Frage! Ich schätze, meine Interpretation von „Noir“ ist eine Geschichte, die trostlos und zu einem bösen Ende verdammt ist – eine Geschichte, in der der Held oder Anti-Held vorbestimmt ist, innerhalb der konventionellen, fiktionalen Forderung nach Ordnung und Gerechtigkeit zu scheitern.

Und was ist Irish Noir?
Irish Noir – oder Emerald Noir – ist ein weit gefasster Begriff, der meist gebraucht wird, um jeden irischen Romane aus dem Krimi-, Mystery- oder Thriller-Genre zu beschreiben. Es ist eine lose Bezeichnung, die nicht immer auf Geschichten angewandt wird, die Noir im eigentlichen Sinn sind. Es gibt einige sehr gute irische Noir-Schreiber – Eoin McNamee und Ken Bruen sind die beiden, die mir spontan als Autoren einfallen, die mit den dunkelsten Elemente des Noir arbeiten.

Vielleicht ist es meine eigene kleine Krimi-Filterblase, aber ich habe das GefĂĽhl, dass irische Kriminalliteratur in den letzten Jahren immer erfolgreicher wird. Sehen Sie das auch so?
Da gibt es keinen Zweifel. Die Qualität der irischen Kriminalliteratur war immer hoch, meiner Meinung nach, und wenngleich nicht jeder irischer Kriminalroman exzellent ist, gibt es einen sehr hohen Anteil von sehr guten Kriminalromanen pro Jahr. Wir erleben eine Art Explosion des Talents über das vorige Jahrzehnt. Literaturpreise sind nicht immer ein gutes Anzeichen für Erfolg, aber die Anzahl der irischen Autoren nimmt zu, die international Preise gewinnen
– John Connolly, Tana French, Stuart Neville, Gene Kerrigan und Adrian McKinty haben in den letzten Jahren alle wichtige Preise bekommen. Wenn man Irlands Bevölkerungsgröße berücksichtigt, ist es angemessen zu sagen, dass sich irische Kriminalliteratur derzeit oberhalb ihrer Gewichtsklasse abspielt.

Worin sehen Sie dafĂĽr die GrĂĽnde?
Es wird eine Rolle spielen, dass sich Irland in den vorigen Jahrzehnten radikal verändert hat. Der ökonomische Boom – der „Celtic Tiger“ – hat ein urbanisiertes Irland hervorgebracht, und Kriminalliteratur tendiert dazu, in anonymeren, urbanen Settings zu besser zu gedeihen. Außerdem hat der Boom der irischen Bevölkerung ein gewisses Maß an Vertrauen geben, verschiedene Dinge auszuprobieren; in der Literatur hat z.B. der internationale Erfolg von irischem romantischen Schreiben (oder „Chick-Lit“) angedeutet, dass irische Autoren in Genreliteratur erfolgreich sein können. Das Ende der „Troubles“ in Nordirland hat einigen nordirischen Autoren erlaubt, die Art Kriminalliteratur zu schreiben, die während der Troubles noch als zu krass gegolten hätte. Außerdem darf man die Arbeit von Pionieren wie Eoin McNamee, John Connolly und Ken Bruen nicht unterschätzen – sie haben schlichtweg gezeigt, dass es gemacht werden kann, gut gemacht werden kann, und das ist der bestmögliche Einfluss, den sich jeder aufstrebende Autor wünschen kann.

Wie wird diese Entwicklung in Irland wahrgenommen? Ich habe gelesen, dass irische Leser Kriminalliteratur bevorzugen, die auĂźerhalb des eigenen Landes spielen.
Es stimmt wahrscheinlich, dass irische Kriminalliteratur weiterhin außerhalb Irlands erfolgreicher ist. Aber das verändert sich, glaube ich. Und ich kann verstehen, warum Leser manchmal ein Buch bevorzugen, dass in einem anderen Land spielt – als Leser mag ich exotisches Setting ebenfalls. Und tatsächlich spielt mein aktuelles Buch „Crime Always Pays“ auch auf den griechischen Inseln – ich verlege den Handlungsort gerne dorthin, wo die Geschichte funktionieren wird. Es kommt immer auf den Autor an – die einen lassen ihre Geschichten in Irland spielen, die anderen – aus kommerziellen, persönlichen oder philosophischen Gründen oder weil die Geschichte in Irland nicht funktionieren würde – suchen einen anderen Handlungsort aus.

Was unterscheidet gegenwärtige von früheren Kriminalschriftstellern?
Ich glaube, es gibt mehr Vertrauen, weil Irland ein plausiblerer Handlungsort für Kriminalliteratur geworden ist. Ken Bruen, zum Beispiel, hat seine Romane erst mit London als Handlungsort geschrieben, ehe er Jack Taylor in Galway ansiedelte. Noch vor ein paar Jahrzehnten hatten wir keine murder mysteries – wenn jemand in Irland ermordet wurde, war die Bevölkerung so klein und voller Gemeinschaftssinn, dass die Identität des Täters schnell festgestanden hätte. Nun ist Irland aber ein moderneres europäisches Land als noch vor zwei Jahrzehnten – und unabhängig davon, ob es gut oder schlecht ist, es bedeutet in jedem Fall, dass es ein glaubwürdiges Setting für Krimigeschichten ist.

Ich habe gelesen, dass der leichte Zugang zu amerikanischen Romanen, Filmen und Fernsehsendungen zu dem Erfolg beigetragen habe, weil das irische Publikum mit bestimmten narrativen Strukturen vertraut wurde. Was denken Sie?
In gewissem Maß stimmt das, aber die Iren hatten gleichen Zugang zu britischen Romanen, Filmen und Fernsehsendungen und deren narrativen Strukturen. Ich glaube, amerikanische Kriminalfiktion hat mehr Einfluss auf die Iren als der UK-Gegenpart, weil die frühen amerikanischen Klassiker – Hammett, Chandler, McDonald, Cain, Thompson et al. – dieses tiefe Misstrauen gegenüber Autoritäten hatten; in anderen Worten, die vorherrschenden Kräfte wurden oft als korrupt, unmoralisch und habgierig entlarvt, während die klassischen UK-Kriminalgeschichten dazu neigen, den Status quo zu bestätigen. Vielleicht ist die lange Geschichte der Kolonialisierung in die DNS der Iren eingesickert: Allgemein gesprochen haben wir die Neigung zu glauben, dass die Verantwortlichen nicht in unseren besten Interessen handeln. Die verschiedenen gegenwärtigen Skandale von unserer Polizei, Kirche und Politik haben nur unsere schlimmsten Vorbehalte bestätigt. So oder so, die meisten irischen Autoren folgen dem amerikanischen und weniger dem britischen Modell, wenngleich das eine Verallgemeinerung ist.

Gibt es Unterschiede zwischen der Kriminalliteratur aus Irland und Nordirland?
Ich glaube, es gibt mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Der größte Unterschied ist nach den Eindrücken meiner Lektüren, dass nordische Autoren mehr die Ereignisse und Folgen der Troubles erforschen, was sehr verständlich ist.

Abgesehen von den bereits etablierten Autoren wie Bruen, McKinty, Neville, Hughes, French – welche Autoren würden Sie empfehlen?
Ich habe Eoin McNamee bereits einige Male erwähnt und halte ihn für einen der besten irischen Kriminalschriftsteller. Brian McGilloway ist sehr gut und bringt ungewöhnlich viel Mitgefühl in seiner Arbeit auf. Ich denke, Alex Barclay ist eine exzellente Autorin, insbesondere ihre Colorado-FBI-Romane. Arlene Hunt ist eine weitere interessante Autorin. Das Autorenduo Karen Perry hat ein faszinierendes psychologisches Thrillerdebüt im letzten Jahr publiziert. Jane Casey schreibt gute Polizeiromane, die in London spielen. Cora Harrosin exzellente historische Kriminalromane spielen im Irland des 15. Jahrhunderts. Gene Kerrigan schreibt sehr dunklen Noir über das gegenwärtige Irland. Und Conor Fitzgerald ist einer meiner Favoriten – seine Bücher spielen in Italien.

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