Für seinen erster Thriller „A Drink Before the War“ (dt. „Streng vertraulich) erhielt Dennis Lehane 1994 den Shamus Award, für „Gone Baby Gone“ (dt. „Kein Kinderspiel“), „Prayers for Rain“ (dt. „Regenzauber“) und „Mystic River“ („Spur der Wölfe“) jeweils Platz 3 des Deutschen Krimipreises. Vier seiner Bücher wurden bereits erfolgreich verfilmt, eine Verfilmung von „Live by Night“ „In der Nacht“ ist in Vorbereitung. Doch zunächst startet am 4. Dezember der äußerst sehenswerte Film „The Drop“ in den deutschen Kinos, zu dem Dennis Lehane die Vorlage und das Drehbuch schrieb.

Zuerst gab es eine Kurzgeschichte namens „Animal Rescue“, nun ein Drehbuch, ein Film und ein Roman mit den Titel „The Drop“. Wovon wurde diese Entwicklung beeinflusst?
Eigentlich begann es mit dem ersten Kapitel eines Romans, der nicht zu Ende geführt wurde. Fünf bis sechs Jahre später habe ich dann entschieden, dass ich einfach die Geschichte des Typen erzähle, der einen Hund findet; der Frau, die er in dieser Nacht kennenlernt und des ehemaligen Hundebesitzers. Nachdem diese Kurzgeschichte erschienen war, wurde ich von einigen Leuten von Chernin Entertainment gefragt, ob ich aus ihr ein Drehbuch entwickeln würde – und ich dachte, das könnte Spaß machen. Nachdem der Film fertig war, wurde ich von meinem Verlag angesprochen, ob ich mit dem Roman einen neuen Anlauf unternehmen würde.

„The Drop“ ist der vierte Roman, der verfilmt wurde (und sogar der fünfte, wenn ich „In der Nacht“ mitzähle). Warum sind ihre Romane in der Filmindustrie so populär?
Das müssten Sie die Filmindustrie fragen. Eine Gemeinsamkeit sind – meiner Meinung nach – exzellente Regisseure, sie tragen wesentlich dazu bei. Falls ich einen Beitrag zu dem Erfolg der Filme leiste, dann dass sehr gute Schauspieler anscheinend gerne die Charaktere spielen, die ich entwickle.

Und haben Sie einen Favoriten unter den Verfilmungen?
Ja, aber es wäre stillos zu sagen, welche es ist.

Für „The Drop“ mussten Sie das Drehbuch von Ihrer eigenen Kurzgeschichte schreiben. Welches sind die Vorteile bzw. Nachteile, das eigene Material zu adaptieren?
Der Ăśberblick. Man ist zu nah am Material. Man weiĂź nicht, was man kĂĽrzen soll. Das sind groĂźe Probleme beim Adaptieren eines Romans, aber bei einer Kurzgeschichte gibt es diese Schwierigkeiten nicht.

Und wĂĽrden Sie ihren eigenen Roman adaptieren?
Nein. Niemals. Ich hätte diesen Durchblick nicht. Ich wüsste nicht, was ich kürzen sollte.

Wie war die Zusammenarbeit mit Michael R. Roskam?
Wir haben sehr gut zusammengearbeitet. Es war sehr leicht. Wenn es mal ein oder zwei Streitigkeiten gab, entstanden sie immer aus der ehrlichen Motivation heraus, die Integrität des Materials zu schützen. Wir würden sofort wieder zusammenarbeiten.

Ich war überrascht, dass „The Drop“ nicht in Boston spielt, der Roman aber schon. Warum gibt es diese verschiedenen Handlungsorte? Hat die Veränderung in Ihren Augen Einfluss auf die Geschichte?
Die Produzenten hatten den Eindruck, dass die Geschichten über weiße Unterschichtsgangster in Boston auserzählt sind. Das ist, in gewisser Weise, sowohl eine Folge meines eigenen Erfolges mit „Mystic River“ und „Gone Baby Gone“, als auch der Erfolge von „The Departed“ und „The Town“ (und nicht zu vergessen Ted Demmes kaum gesehenes Low-Budget-Meisterwerk „Monument Ave“ vergessen, das diese ganze Dekade angestoßen hat). Als sie mich darauf aufmerksam machten und sagten, dass sie für den Film über Brooklyn nachdachten, war ich mit an Bord. Brooklyn und Dorchester, wo ich aufgewachsen bin, sind sich sehr ähnlich. Außerdem lebte ich zu dieser Zeit in Brooklyn, also war es eine einfache Änderung – die ich ebenso einfach wieder rückgängig machen konnte, als ich den Roman geschrieben habe.

Was ist Noir fĂĽr Sie?
Die Tragödie der Arbeiterklasse. In einer klassischen Tragödie fällt der Held vom Gipfel eines Berges. Im Noir, fällt er von der Bordsteinkante. Deshalb ist für mich Harry Fabian der vollkommene Noir-Anti-Held.

Warum ist Noir weiterhin populär?
Ist er das? Ich weiß, dass Noir gut angesehen ist. Ich kenne einige gleichgesinnte Verrückte (mich eingeschlossen), die sich für ihn begeistern. Aber ich hatte immer den Eindruck, Noir ist zu dunkel, zu vorherwissend und ein zu ätzender Spiegel der Krankheiten der Gesellschaft, um „populär“ zu sein.

Sie haben zwei Bücher über „Boston Noir“ herausgegeben. Was unterscheidet Boston Noir von anderem Noir? Ist es nur der Handlungsort?
Yeah, es ist vor allem der Handlungsort. Ich meine, ich könnte lügen und mit einigem geschwollenen Blödsinn daher kommen, aber ich glaube, es ist vor allem eine Sache des Handlungsortes.

Welche (Noir-)Autoren haben Sie am meisten beeinflusst? Und wie?
Elmore Leonard und Richard Stark. Leonard, weil er ein Meister des sozialkritischen Kommentars war, ohne dass es jemals schien, als kommentiere er. Er war wahnsinnig komisch und erbarmungslos, sobald es um die ErfĂĽllung von WĂĽnschen ging. Und er schrieb bessere Dialoge als jeder, der jemals in diesem Land Luft geholt hat.
Richard Stark, weil seine Schilderung von Amoralität, sogar eines vollständig unmoralischen Universums, die vollständigste war, der ich je begegnet bin. Parker, der sich seinen Weg hindurch bahnen muss, ist, ohne dabei jemals grob zu werden, der härteste Hund, über den ich je gestolpert bin. Leonard und Stark schrieben Action besser als fast alle anderen. Sie ist schnell, brutal und authentisch.

Welches sind Ihre Lieblings-Noir-Romane? Und warum?
„The last good kiss“ ist der beste Mystery-, Detektiv- und Noir-Roman, den ich jemals gelesen habe, weil er aufrichtig, wunderschön geschrieben, genial geplotted, tiefgründig und tragisch ist. Außerdem hat er die beste erste Zeile der gesamten amerikanischen Kriminalliteratur.
Ansonsten ist Ellroys L.A. Quartett vermutlich die Krönung des Noir-Schreibens. Zumindest für mich.

Und welche weniger bekannten Noir-Autoren wĂĽrden Sie empfehlen?
Sicherlich Daniel Woodrell. James Carlos Blake, Vicki Hendricks und Willy Vlautin.

Zwischen Noir-Literatur und Filmen gab es immer eine enge Verbindung. Wie haben Filme Ihr Schreiben beeinflusst – im Allgemeinen und insbesondere beim Drehbuch zu „The Drop“?
Ich weiß nicht, ob Filme mein Schreiben beeinflussen oder nicht. Ich weiß, dass ich niemals an sie denke, während ich einen Roman schreibe. Aber ich liebe Filme, habe fast jeden gesehen, den es lohnt zu sehen, also hat sich ihr Einfluss sicher eingeschlichen.

Welches sind Ihre Lieblings-Films-noir?
Oh, da gibt es so viele. Hier ist ein kleiner Teil einer Liste: „Out of the past“, „Sweet smell of success“, „Get Carter“ (Original), „Sexy Beast“, „Night and the city“, „Rifif“, „Thief“, „One false move“, „Gildy“, „Laura“, „Shawdow of a doubt“, „Double Indemnity“, „The Big Heat“, „M“, „Mona Lisa“.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview fĂĽhrte Sonja Hartl fĂĽr die Polar Noir im November 2014.

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