In Irland gehört Gene Kerrigan längst zu den renommiertesten Vertretern des Irish Noir. Begonnen hat er als Journalist, seit den 1970er Jahren schreibt u.a. für die Zeitung Sunday Independent und wurde zweimal (1985, 1990) zum World Journalist of the Year gewählt. Dabei gilt für seine Sachbücher wie seine Kriminalromane, dass ihn die irische Politik nicht loslässt. In diesem Jahr ist erstmals einer seiner Kriminalromane in deutscher Übersetzung erschienenen, der mit dem Gold Dagger Award ausgezeichnete „Die Wut“.

Wie ist die Idee zu „Die Wut“ entstanden?
In dem Jahr, in dem der Kollaps der Wirtschaft einsetzte, gab es viele Leute, die anderen die Schuld und Verantwortung gaben – und das ist mehr oder weniger das Thema des Buchs. Es gibt eine sehr ambitionierte, kriminelle Figur, aber er übernimmt im Gegensatz zu dem Polizisten keine Verantwortung. Deshalb geht es hauptsächlich um einen Kriminellen und einen Polizisten. Sie treffen sich nicht einmal, sind aber doch miteinander verbunden.

Als Journalist kommentieren Sie politische Themen, nun haben Sie sich entschieden, Kriminalliteratur zu schreiben, aber ebenfalls ĂĽber etwas Politisches. Welche Vorteile sehen Sie in der Kriminalliteratur?
Ich habe Fiktion schon immer geliebt und lange versucht, einen Roman zu schreiben – das erste Mal in 1980er Jahren und er war sehr schlecht. 20 Jahre später dachte ich, ich könnte es noch einmal versuchen. Meine anderen Bücher waren Sachbücher, also nahm ich mir eine einjährige Auszeit, um ein Buch zu schreiben. Eigentlich wollte ich es einfach in einer Schublade lassen, aber mein Agent hat es genommen und so wurde es publiziert.
Im Journalismus kann ich nur schreiben, was ich herausgefunden haben, und das Äußere beschreiben, in der Literatur kann ich mich in verschiedene Charaktere hineinversetzen und Geschichten entwickeln, die im wahren Leben nicht passiert sind, aber hätte passieren können. Auf diese Weise kann ich die Gesellschaft, in der wir leben, erforschen, unsere Lebensweisen erkunden. Ein Journalist kann es auch auf eine gewisse Art und Weise, die in der Literatur nicht möglich ist – und in der Literatur sind Wege möglich, die im Journalismus nicht gehen. Für mich erscheint es natürlich, dass mich die Dinge, die mich als Journalist interessieren, auch in der Literatur beschäftigen. Sicher kann man tagsüber über Politik und abends Kinderbücher mit Prinzessinnen schreiben. Aber ich könnte das nicht.

Wie haben die Leser darauf reagiert?
Ich arbeite seit 30 Jahren als Journalist, ich weiß, was ich dort tue. Wenn jemand jahrelang als Tennisspieler bekannt war und nun plötzlich Golf spielt, ist die häufigste Reaktion, dass er mit dem Golfspielen aufhören und wieder Tennisspielen solle. Bei einem Journalisten, der plötzlich Romane schreibt, reagieren die Leute ähnlich. Es ist ein Vorteil, dass sie den Namen kennen, aber dann denken sie, sie könnten es nicht ernst nehmen. Es gibt aber auch viele Menschen, die mich als Journalist kennen, aber keine Ahnung haben, dass ich Kriminalromane schreibe.

Nachdem Sie die Idee für „Die Wut“ hatten, wie haben Sie die Handlung weiterentwickelt? Machen Sie sich einen Plan und arbeiten den Plot sehr genau aus oder schreiben Sie einfach?
Jeder arbeitet anders, ich neige dazu, eine Idee zu haben und sie weiterzuentwickeln, indem ich mich frage, was vorher und nachher passiert sein könnte. So breche ich es nach und nach auf, dann verändere ich Dinge wieder. In einem Buch hatte ich eine sehr genaue Vorstellung davon, wie eine Szene aussehen sollte, ich habe das ganze Buch von dieser Szene aus geschrieben. Aber als ich fertig war, habe ich die Szene wieder rausgeworfen, weil sie nicht mehr funktioniert hat. Das beschreibt am besten meinen Arbeitsprozess: Eine Idee entwickeln und dann sehen, ob es funktioniert oder nicht.
Ich erinnere mich, dass in London im Urlaub war und eine Kopie des Manukripts mit hatte. Dann habe ich gemerkt, dass es furchtbar war. Damals dachte ich, dass Buch müsste ein bestimmtes Statement machen, aber ich habe gemerkt, dass es genau dadurch aus den Fugen gerät. Also habe ich ein paar Schritte zurück gemacht, knapp 20 000 Wörter gestrichen und wieder von vorne angefangen. Es ist wichtig zu erkennen, dass jemand, der in der Lage ist, etwas sehr Gutes zu schreiben, auch etwas sehr Schlechtes schreiben kann. Und man kann nur hoffen, dass man es nicht zu spät merkt und es schon im Druck ist. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich einen Job als Journalist habe und deshalb nicht ein Schriftsteller bin, der jedes Jahr einen Roman abliefern oder eine Serie über einen Detektiv oder Polizisten schreiben muss.

Planen Sie denn eine Serie mit Bob Tidey?
Nein, ich habe eine Idee und vor über einem Jahr auch schon einen Anfang für ein nächstes Buch geschrieben. Es ist ein Nebenaspekt eines Sachbuchs, das ich gerade beendet habe, und mit dem ich mich näher beschäftigen will. Nun will ich es mir noch einmal ansehen und schauen, ob er ein Buch tragen kann. Aber meine Loyalität gehört dem Schreiben – nicht dem Schreiben einer bestimmten Art von Literatur.

Ihre fiktionalen Charaktere haben die Neigung, in Ihren BĂĽchern immer wieder aufzutauchen. Wie behalten Sie sie im Auge?
Mit MĂĽhe. Bob Tidey war in den beiden vorhergehenden BĂĽchern, aber er hatte nur eine sehr kleine Rolle, ich wollte anfangs eigentlich nur, dass jemand in der Szene anwesend ist. Dann nahm ich einen Namen, Tidey, und mochte ihn nicht, blieb aber bei ihm. Ob er wieder in einem Buch auftaucht, weiĂź ich nicht. Ich mag es, wenn kleine Charaktere immer wieder auftauchen, auch wenn ich nicht weiĂź, ob es jemand bemerkt. Aber das ist eines der Dinge, die ich in meine BĂĽcher zu meiner eigenen Freude schreibe.

Im letzten Jahr war ich in Dublin und habe dort so eine Touristen-Bustour durch die Docklands gemacht. Wir hatten einen recht redefreudigen Busfahrer, der uns auf die vielen leerstehenden Gebäude hinwies und sagte, dass nun das irische Volk für die Banker bezahlt – aber er sagte es mit einer „was sollen wir schon machen?“-Attitüde. Ist das typisch für die Stimmung in Irland?
Es war typisch und ich war immer verärgert darüber, dass meine Rente vernichtet wurde. Mein Einkommen ist zurückgegangen, ich zahle viel mehr Gebühren und Steuern. Aber das Land ist damit durchgekommen – bis zum letzten Monat. Nun wollen sie eine Wassergebühr erheben. Normalerweise würden man sagen, wir brauchen Einnahmen, um das Wasserversorgungssystem zu verbessern, da fast die Hälfte des Wassers im Erdboden versickert. Jeder weiß also, wenn man etwas für uns machen will, sollte man die Lecks stopfen, denn dort werden 100 Millionen Euro verschwendet. Stattdessen erheben sie eine Wassergebühr. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. 150 000 Menschen demonstrierten. In den letzten sechs oder sieben Jahren haben sie alles hingenommen und wie der Busfahrer gesagt, was können wir schon tun? Aber nun sind die Menschen sehr, sehr wütend, und ich weiß nicht, in welche Richtung sich diese Wut entwickeln wird.
Die Wassergebühr ist wohl Teil der Auflagen der Europäischen Union, aber sie ergibt keinen Sinn, solange das Wasserversorgungssystem marode ist. Als erstes wird annähernd eine Milliarde – glaube ich – ausgegeben, um überall im Land Messgeräte anzubringen. Bevor man das tut, sollte man vielleicht die Pumpen reparieren. Und das ist das Ende einer lange Liste und es gibt viele Leute die sagen, wir können nicht mehr zahlen. Denn was ist letztlich passiert: Es war ein europaweiter Zusammenbruch der Banken, jeder war in Schwierigkeiten und als die irischen Banken zusammenzubrechen drohten, haben wir für sie gebürgt – Narren, die wir sind. Dann wurde uns erzählt, wir müssten es weiterhin machen, weil sie sonst den französischen, deutschen und anderen Banken nicht das Geld zurückzahlen könnten und diese würden zusammenbrechen. In der ganzen EU kostete es ungefähr 200 Euro pro Kopf, die europäischen Banken zu bezahlen. In Irland sind es 9000 Euro. Die Leute neigen grundsätzlich dazu, nichts zu sagen und es einfach zu ertragen. Aber das hat sich nun geändert.

Wut ist ja auch der Titel und Thema Ihres Buches, aber ich finde, es ist ebenfalls ĂĽber Aufrichtigkeit und Moral. Was denken Sie?
Das zweite Buch, das ich geschrieben habe, war ĂĽber einen korrupten Polizisten, der nicht wusste, dass er korrupt ist, er dachte, er sei wĂĽtend. In diesem Buch ist Bob Tidey wĂĽtend, er ist ein guter Mann, aber er findet sich in einer Situation wieder, in der er am Ende Dinge tun muss, von denen er weiĂź, dass sie falsch sind. Deshalb gibt es diesen einen Satz im Buch, dass etwas getan werden muss, aber es gibt nichts Moralisches zu tun. Und ich denke, das passt auch zu der Nonne. Sie hat gegenĂĽber den Kindern eine bestimmte Verantwortung und musste tun, was sie in dieser Zeit glaubte, tun zu mĂĽssen. Es ist das moralische Versagen eines Individuums in ihrem Fall, aber sie ist in dieser Situation gelandet, weil viele andere Dinge geschehen sind. Mit der Nonne schaut das Buch in die Vergangenheit von Irland, in der viele schreckliche Dinge geschehen sind.
Mit dem Polizisten und der Nonne werden diese Situationen erkundet. Ich habe Menschen getroffen, junge, freundliche und hilfsbereite Menschen, und dann später erfahren, dass sie wirklich ernsthafte Verbrechen begangen haben. Aber dennoch waren sie nette Menschen. Und das ist das Dilemma. Jemand hat einmal gesagt, der Unterschied zwischen richtig und falsch läuft nicht zwischen Menschen, sondern durch sie. Es gibt etwas Gutes und Böses in jedem von uns. Und das ist mein Anfangspunkt bei diesen Charakteren, niemand ist rein.

Es gab die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche in der Vergangenheit, nun die finanzielle Krise und es erscheint mir – von einer AuĂźenperspektive – als habe Irland den Katholizismus gegen den Kapitalismus getauscht.
Da ist etwas Wahres dran. Die Kirche hatte von den 1920er bis in die 1950er Jahren eine überwältigende Kontrolle. Es gab viele Leute, die dagegen waren, aber nicht sie haben sie zu Fall gebracht, die Kirche hat sich selbst zu Fall gebracht. Es gibt viele Leute und – ich selbst bin nicht religiös, aber Freunde von mir – sie können die Bischöfe aufgrund ihrer Taten nicht mehr respektieren, nicht nur, dass sie Kinder missbraucht haben, sondern auch, dass sie den Missbrauch gedeckt haben. Deshalb gibt es viele Menschen, die nicht mehr das respektieren können, was sie einst respektiert haben, aber es gibt auch nichts, was diese Lücke füllen kann.
Seit den 1980er Jahren gibt es eine Entwicklung, in der die Rechten den Wirtschaftskurs bestimmen, wir hatten einen freien Markt, Fernsehsendungen waren voll von Unternehmen, Menschen haben Geschäfte gemacht und wurden deshalb respektiert. Nun wird man nicht mehr für das Unternehmen respektiert, sondern für das Geld, das man macht. Irland war für viele Jahre sehr arm, der Lebensstandard war schlecht, plötzlich verbesserten sich von den 1960er bis in die 1980er die Umstände dank harter Arbeit, dann wurde Geld in die Wirtschaft geblasen und Leute haben Kredite von den Banken angeboten gekommen. Viele Leute haben Schulden gemacht. Es gab einen Wandel in den Standards, in den Grundüberzeugungen, es gab einen Glauben, dass man mit Geld alles messen könnte. Deshalb ist es ein wenig zu viel zu sagen, es hätte die Religion ersetzt, aber teilweise hat es die Stellung eingenommen. Es gibt viele junge Menschen, die sehr erfolgreich sind, aber wenn man sie sich genau ansieht, haben sie vor allem Geld verliehen. Und die Menschen, die tatsächlich etwas hergestellt oder gehandelt haben, wurden verdrängt. Momentan ist es politisch sehr instabil, es gibt eine Koalition, die sehr wahrscheinlich nicht mehr allzu lange macht, aber es ist sehr schwierig zu sehen, wer die nächste Wahl gewinnt. Wir könnten dort landen, wo Italien is, und alle sechs Monate wählen gehen. Aber es ist schwer abzusehen, was passieren wird.

Nun noch einmal zurĂĽck zur Kriminalliteratur. Was ist Noir fĂĽr Sie?
Noir hat mehr mit einer Stimmung zu tun, außerdem hat er sich über die Jahre verändert. Anfangs gab es die Filme der 1940er und 1950er Jahre, manche Studios haben damals Films noirs gedreht, ohne es zu wissen. Sie haben immer wieder dieselben Kulissen benutzt, weil sie sich keine andere leisten konnten, und sie mit der Lichtsetzung verändert. Viele wurden dann als Film noir bekannt. Dann gab es Parodien, Pastichen von Chandlers ikonischem Detektiv, die ich nicht mag. Für mich ist es die Stimmung. Ich zitiere Chandler mit „The streets were dark with something more than night“, den Glauben, das mehr Dinge passieren als zu passieren scheinen, teile ich, und er ist für mich Ausdruck des Noir. Für mich selbst habe ich das Label Noir niemals in Anspruch genommen, weil es so viele verschiedene Arten von Noir gibt. Für mich ist es vor allem die Ahnung, dass es noch etwas hinter den offensichtlichen Dingen gibt.

Glauben Sie, es gibt einen Irish Noir?
In den letzten acht bis zehn Jahren ist etwas passiert, das für mich mit Ken Bruen begonnen hat. Ich las eines seiner Bücher und war erfreut. Es war ein Genre, das ich mochte, spielte in einem Land, das ich wiedererkannte. Ich hatte vorher versucht, etwas zu schreiben, aber man konnte man einfach keine Kriminalliteratur in Irland schreiben, es schien wie eine Parodie, es erschien nicht echt. Nun haben wir unglücklicherweise Gangs, die Menschen umbringen, Drogenhandel und alles was mit dem Celtic Tiger kam, und nun ist es möglich, fantastische Kriminalliteratur zu schreiben. Es gibt eine große Bandbreite an Schriftstellern, Tana French, Declan Burke, Declan Hughes zum Beispiel. Woher es auf einmal kommt? Keine Ahnung. Mein Wunsch geht lange zurück, und als ich Ken Bruens Buch las, realisierte ich, dass es nun möglich wäre – und glaubhaft in Irland. Also haben wir seit einiger Zeit Kriminaliteratur und sie ist erfolgreich im Vereinigten Königreich, Frankreich und Deutschland, Bücher werden übersetzt. Keiner wird berühmt und reich. Ich habe eine deutsche und amerikanische Kopie von „Der Wut“ – und ich habe eine aus China. Ich glaube nicht, dass ich Geld aus China bekommen habe und werde es wohl auch nicht bekommen, aber es war eine verkürzte Version und sie nutzen es wohl, um das Interesse der Leute zu testen. Aber in Irland gilt einheimische Kriminalliteratur weiterhin als nicht glaubwürdig. Ken Bruen, Tana French und John Connolly sind sicher sehr erfolgreich, aber es gibt viel Widerstand gegen Kriminalliteratur. Sie wird in Irland als amerikanische Kunst gesehen, als englisch und in den letzten Jahren als skandinavisch. Das ist alles glaubwürdig. Immerhin hat irische Kriminalliteratur kürzlich im Fernsehen ein kleinen Schub bekommen, das mag etwas ändern.

Immer wieder lese ich, dass die irische Kriminalliteratur vielleicht den Erfolg der Skandinavier ablösen könnte. Sie sind skeptisch?
Ja, ich würde es mir wünschen. Mein Bankkonto würde es sich wünschen. Aber ich sehe das nicht. Meine Kenntnisse der skandinavischen Krimis sind überwiegend auf Fernsehserien begrenzt, aber diese teilen einen bestimmten Ton, den man sofort erkennt – und das haben irische Krimis nicht, diesen wiedererkennbaren Stil. Wir suchen noch nach unserem Weg und imitieren die Amerikaner.

„The Fall“ ist ein gutes Beispiel für diesen Weg, finde ich.
Ja, es gibt einiges, was ich an der Serie mag, aber fĂĽr meinen Geschmack verweilen sie zu lange bei den Morden. Manchmal ist es meiner Meinung nach besser, wenn man nicht alles zeigt. Aber es ist fesselnd, die zweite Staffel hat gerade begonnen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Sonja für Polar Noir im Dezember 2014.

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