Geboren am 20. März 1960 ist Jo Nesbø heutzutage vor allem für seine Kriminalromane um Hauptkommissar Harry Hole bekannt. Marcus Müntefering hat sich mit ihm unterhalten.

Mr. Nesbø, als wir uns das letzte Mal sprachen, waren erst ein paar Tage seit dem Massaker von Utøya vergangen. Oslo lag noch in Schockstarre, und auch Sie sagten, dass Sie als Mensch und als Schriftsteller noch nicht wüssten, was dieses Ereignis für Sie bedeutet. Wissen Sie es heute?
Dieses Ereignis hat mich definitiv verändert, aber ich kann immer noch nicht genau sagen wie. Interessanter scheint mir allerdings, dass sich die norwegische Gesellschaft dadurch so gut wie gar nicht verändert hat, nicht weniger offen oder restriktiver geworden ist. Und das ist ein Glück.

Einen offensichtlichen Einfluss auf Ihre Arbeit kann man jedenfalls nicht feststellen: In Ihrem neuen zweiteiligen Roman „Blood on Snow“ beschäftigen Sie sich nicht mit der Gegenwart, sondern erzählen eine Geschichte aus den Siebzigerjahren, also der Zeit, in der Sie ein Teenager waren. Wie kam es dazu?
Das hat sehr viel mit der Entstehungsgeschichte des Romans zu tun. Ursprünglich wollte ich „Blood on Snow“ unter einem Pseudonym schreiben, Tom Johansen, eine Figur aus einem Roman, an dem ich gearbeitet habe. Und innerhalb dieser Fiktion liegt eine weitere: Die beiden Romane, die Johansen unter dem Titel „Blood on Snow“ angeblich geschrieben hat – ich entschied, dass ich sie tatsächlich schreiben würde und wollte sie nicht nur unter dem Namen Johansen veröffentlichen, sondern so tun, als wären es vergessene Klassiker aus den Siebzigern, die wiederaufgelegt würden.

Was war das Problem? Hatte der Verlag etwas dagegen, weil der verkaufsstarke Name Nesbø nicht auf dem Cover stehen würde?
Nein, die Anwälte hatten etwas dagegen. Man darf zwar ein Pseudonym verwenden, aber nicht so tun, als wären die Bücher Wiederauflagen. Das wäre unlauteres Marketing.

Was fasziniert Sie an den Siebzigern?
Die Siebziger, so wie ich mich daran erinnere, waren eine sehr optimistische Zeit. Das gilt auch für viele andere Menschen, wenn man sie fragt: Sie denken an eine Zeit, in der die meisten Menschen keine finanziellen Sorgen hatten, und in der immer noch die Nachwirkungen des Hippietraums, des Summer of Love, zu spüren waren. Aber wenn man genauer hinschaut, waren die Siebziger auch eine ziemlich düstere Periode. Der Kalte Krieg war auf einem Höhepunkt, die Menschen wachten morgens auf und hatten Angst, dass über Nacht der Atomkrieg begonnen haben könnte. Und in den großen westlichen Städten regierten Arbeitslosigkeit und Verbrechen. Denken Sie an New York: Ich habe den Schriftsteller Paul Auster, der dort lebt, einmal nach „In den Straßen von New York“, einem meiner Lieblingsbücher, befragt. Er bestätigte, dass New York früher so richtig tough war, wie von Jim Carroll beschrieben. Und dasselbe gilt auch für europäische Metropolen.

Also auch fĂĽr Oslo?
Ja, die Siebziger waren die Zeit, als Oslo in gewisser Weise seine Unschuld verlor. Heroin tauchte zum ersten Mal auf und wurde sehr schnell sehr populär.

Das scheint es immer noch zu sein. Als ich das letzte Mal in Oslo war, stand ich auf dem begehbaren Dach der Oper. Es war ein kalter Nachmittag, und außer mir waren nur noch zwei Menschen dort: ein junges Pärchen, das sich gegenseitig einen Schuss setzte.
Das ist skurril, denn die Oper steht genau an dem Ort, wo sich früher die Junkies getroffen haben, um sich zuzudröhnen. Aber dass sich dort heute wieder jemand was drückt, überrascht mich wirklich.

In Ihrem Roman gibt es zwei rivalisierende Heroindealer, Hoffmann, wegen seiner Vorliebe für Tweedanzüge „Der Engländer“ genannt, und den „Fischer“, der seinen Stoff aus einem Fischladen heraus verkauft. Basieren diese Figuren auf tatsächlichen Menschen?
Nein, die Figuren sind frei erfunden. Das mit dem Fischladen allerdings entspricht ungefähr der Wahrheit: In Oslo gab es früher einen Fischhändler, der auch Pornos verkauft hat.

Im Roman werden die Drogen ĂĽber den Norden des Landes eingeschmuggelt. Ist da etwas dran?
Nein, für die von mir geschilderte Route gibt es keine Beweise, und die größte Menge an Drogen kommt sicherlich schon immer über den Süden ins Land. Aber in den Siebzigern und Achtzigern waren im Norden Norwegens erstaunlich große Mengen harter Drogen unterwegs, wo auch immer sie herkamen …

Haben Sie damals schon etwas von Oslos Drogensubkultur mitbekommen?
Nein, ich war ein bisschen zu jung und lebte nicht in der Stadt. Aber ich kann mich von meinen Besuchen daran erinnern, dass Oslo in dieser Zeit oft eine ziemlich unheimliche Atmosphäre hatte, weil es durch die starke Luftverschmutzung und den Smog oft ziemlich neblig war, sodass man nicht einmal zwei Meter weit gucken konnte. Es war, als wäre man im London Jack the Rippers.

Oder im Film Noir?
Ja, unbedingt. „Blood on Snow“ ist auch eine Hommage an die klassischen Filme der Schwarzen Serie.

Nur an die Filme oder auch an die Romane? Mir kommt Ihr Held Olav wie ein netterer Bruder von Lou Ford aus Jim Thompsons „Der Killer in mir“ vor …
Das Buch ist aus der Perspektive eines Mörders erzählt, und das ist etwas, das Jim Thompson auch getan hat. Also ja, „Blood on Snow“ ist auch eine Hommage an Autoren wie ihn.

Der einsame Killer ist ja eine der typischen Noir-Figuren …
Absolut. Ich wollte Olav aber gleichzeitig als möglichst ungewöhnlichen Auftragsmörder porträtieren, als jemanden, der eigentlich viel zu sensibel ist, um als Killer zu arbeiten. Und der zu viele Schwächen hat: Er hat Probleme mit dem Lesen und Schreiben, und er verliebt sich viel zu schnell.

Das Thema Liebe ist in Ihrem neuen Roman sehr dominant. Liebe kann einen Menschen erlösen, aber ihm auch Verdammnis und Tod bringen …
Das zentrale Thema des Romans ist Einsamkeit, wie ein Mensch sich nach Liebe verzehrt, sich nach jemandem sehnt, der ihn in den Arm nimmt oder den er in den Arm nehmen kann. Olav sucht verzweifelt nach Kontakt zu anderen Menschen – ob es die taubstumme Ex-Prostituierte ist, die er ebenso heimlich beobachtet, oder die Frau seines Bosses, die er eigentlich umbringen soll.

Beides Frauen, die sein Interesse zunächst gar nicht bemerken …
Ja, das zieht sich durch das ganze Buch. Olav beobachtet Menschen, die ihn nicht wahrnehmen. Man könnte auch sagen, dass „Blood on Snow“ eine Variation des klassischen Beauty-and-the-Beast-Schemas ist. Olav sieht sich selbst als Ungeheuer, einen Versager, der zu nichts taugt, außer Menschen zu töten. Auch wenn er eigentlich viel smarter ist, als er selbst zugeben würde: Er ist für jemanden mit Dyslexie sehr belesen, hat eine poetische Ader.

Sie haben „Blood on Snow“ komplett aus der Sicht von Olav, dem Killer, geschrieben. Was hat das mit Ihnen gemacht?
Zunächst braucht man die Welt nicht mehr so zu beschreiben, wie sie ist, gibt es keine objektive Wahrheit mehr. Es gibt dir die Freiheit, die Welt so zu zeigen, wie deine Figur sie sieht – richtig kann falsch sein, oben kann unten sein. Ich finde das spannend, weil es zeigt, wie subjektiv unser Blick auf die Welt ist. Das gilt auch für unsere Moral, die nicht gottgegeben ist. Moral ist etwas, das wir schaffen und benutzen, um uns im Leben zurechtzufinden.

Was heiĂźt das fĂĽr Olav?
Er folgt seiner eigenen Moral. Menschen machen Fehler und mĂĽssen dafĂĽr bestraft werden. Also haben sie es verdient zu sterben, und ich tue nur meinen Job. Ein verdrehte Logik, aber eine Logik.

Er sagt seinen Opfern auch immer, dass es nichts Persönliches sei, dass er sie jetzt töten müsse …
Ja, es ist fast so, als hätte er Mitgefühl, oder? Er will seine Opfer beruhigen, indem er ihnen sagt, dass er nicht wütend auf sie sei. Sie sollen nicht sauer sein, dass er sie jetzt erschießt, aber das sei nun mal sein Job. (lacht)

„Blood on Snow“ ist zwar ein düsteres Buch, aber es gibt trotzdem mehr Humor als in Ihren anderen Romanen, oder?
Ja, auch das hat mit der Erzählperspektive zu tun. Die Ich-Perspektive macht es leichter, Humor und Ironie einfließen zu lassen.

Sie haben einen zweiten Teil zu „Blood on Snow“ geschrieben, „Das Versteck“, der im Frühjahr auf den Markt kommt. Ist das der Beginn einer neuen Serie?
Nein, und ich würde nicht einmal sagen, dass es sich um einen zweiten Teil handelt. Zeit und Ort sind dieselben, auch einige Figuren tauchen wieder auf, aber ansonsten erzähle ich zwei Geschichten, die nicht viel miteinander zu tun haben.

Man könnte sagen, dass Sie mit „Blood on Snow“ ein neues Kapitel Ihrer Schriftstellerkarriere aufgeschlagen haben. Ein vergleichsweise schmales Bändchen von 200 Seiten, eine Geschichte, die in der Vergangenheit spielt, und der Held ist kein good guy wie Harry Hole, sondern ein Killer. Hatten Sie keine Sorge, Ihre Leser zu verschrecken?
Nein, das ist mir egal. Es gehört nicht zu meinem Job, die Erwartungen meiner Leser zu erfüllen. Ich schreibe ausschließlich Geschichten, die mich interessieren.

Das ist ein ziemlicher Luxus im Bücher-Business, den viele Ihrer Krimi-Kollegen vor allem in den ersten Jahren nicht haben. Da heißt es: ein Buch aus einer etablierten oder erfolgversprechenden Serie im Jahr, möglichst mehr als 400 Seiten dick und wiedererkennbar …
Dass sah bei mir von Anfang an anders aus. Als ich mit dem Schreiben begonnen habe, habe ich es nicht des Geldes wegen getan. Ich hatte Ersparnisse aus früheren Jobs, meine Wohnung war bereits abgezahlt – ich hatte mir ausgerechnet, dass ich fünf Jahre lang über die Runden kommen würde, ohne etwas zu verdienen. Ich habe mir nie Sorgen gemacht. Ich hätte ja auch jederzeit etwas anderes tun können: vielleicht nicht unbedingt wieder als Börsenmakler arbeiten, aber als freier Journalist. Außerdem habe ich damals schon in der Band Det Derre gespielt, die in Norwegen sehr bekannt ist. Deshalb war ich nie darauf angewiesen, jedes Jahr ein neues Buch zu schreiben, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Was reizt Sie am Schreiben?
Es ist eine Leidenschaft. Und wenn ich nicht genau die Art Bücher schreiben könnte, die ich schreiben will, dann würde es keinen Sinn haben überhaupt zu schreiben.

Eine Leidenschaft oder eine Obsession?
(lacht) Okay, beides. Ich bin natürlich besessen von meinen Ideen, von meinen Geschichten, davon, das bestmögliche Buch zu schreiben. Und obwohl ich nichts dagegen habe, haufenweise Bücher zu verkaufen – darauf kommt es mir letztlich nicht an.

Werden Sie Ihre weltweit ĂĽberaus erfolgreiche Reihe um Harry Hole fortsetzen?
Ja, aber wahrscheinlich werde ich nicht mehr in diesem Jahr mit dem Schreiben anfangen. Aber ich weiß schon länger, worum es gehen wird.

 

Das Gespräch führte Marcus Müntefering im August 2015

Jo Nesbø: Blood in Snow. Der Auftrag. Übersetzt von Günther Frauenlob. Ullstein 2015. (Blod på snø, 2015).

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