Geboren im südafrikanischen Swasiland lebt die Filmemacherin und Schriftstellerinseit den 1970er Jahren in Australen. Anfang 2009 erschien ihr erster Roman „Ein schöner Ort zu sterben“ mit Emmanuel Cooper, der im Südafrika der 1950er Jahre spielt.

Wann und warum haben Sie begonnen, Romane zu schreiben?
Ich begann meinen ersten Roman „Ein schöner Ort zu sterben“1999, als ich zu Hause war und mich um meine beiden Kinder kümmerte. Das Bild eines toten Polizisten, der in einem Fluss treibt, kam mir in den Sinn, und ich schrieb eine Geschichte rund um dieses Bild. Es dauerte fünf Jahre, diesen Roman zu schreiben, in Teilzeit.

Weshalb spielt die Reihe um Emmanuel Cooper in den 1950er Jahren?
Ich interviewte meine Eltern fĂĽr eine Rundfunkdokumentation, die ich produzierte, mit dem Titel „Servant of the Ancestors“ [„Diener der Vorfahren“]. Sie beschrieben die 1950er Jahre als eine fĂĽr beide schwierige Zeit. Neue Gesetze machten es einer „gemischt-rassigen“ Person schwer zu ĂĽberleben. Gute Jobs waren fĂĽr „Europäer“ bestimmt und „Nicht-WeiĂźe“ waren gezwungen, aus ihren Häusern auszuziehen und spezielle Ureinwohner- und „Nicht-WeiĂźe“-Viertel zu bewohnen. Gemischt-rassige Hochzeiten waren illegal. Ich habe die 1950er gewählt, weil diese fĂĽr meine Familie eine Zeit der Aufruhr und des Dramas waren.

Wie haben Sie die Figur Emmanuel Cooper entwickelt?
Emmanuel ist eine Mischung verschiedener Männer, die ich kenne, und meiner eigenen Fantasie. Emmanuel ist ein guter Menschenkenner und hat Sinn für Humor, genau wie mein Vater. Er ist ehemaliger Soldat, wie viele Männer in meiner Familie, und er hat das Leben außerhalb Südafrikas kennengelernt. Er ist vom Krieg gezeichnet, ist aber dennoch ein guter Mann geblieben, der die Welt verbessern möchte. Er ist die Sorte Polizeiermittler, die ich mir in den 1950er Jahren in Südafrika erwünscht und erhofft hätte.

Wie wĂĽrden Sie ihn charakterisieren?
Zäh. Clever. Freundlich. Ein Kriegsveteran, der die schlimmste Seite der Menschlichkeit gesehen hat und glaubt, dass Menschen Menschen sind – egal welcher Hautfarbe. Er ist ein geborener Detektiv.

In „Tal des Schweigens“ gehen Sie in eine ländliche Region SĂĽdafrikas. Weshalb?
Ich bin im Busch aufgewachsen und bin mit dem Land vertraut, sowohl als Person als auch als Schriftstellerin. Und ich wollte die traditionelle Zulu-Gesellschaft in einer Landschaft erkunden, die ich sehr mag: das Drakensberg-Gebirge in der Region Kwa-Zulu Natal.

Cooper und Shabalala haben eine sehr komplexe Beziehung, in „Tal des Schweigens“ ist aber zudem auffällig, wie sehr sie voneinander abhängen. Wie wĂĽrden Sie ihre Beziehung beschreiben?
Coopers und Shabalalas Beziehung ist eng, intuitiv und beruht auf gegenseitigem Respekt. Sie verstehen die Welt (und die Verbrechen, die sie untersuchen) besser, wenn sie Informationen teilen, Gedanken und GefĂĽhle. Zusammen ergeben sie einen perfekt ausgeglichenen ’sĂĽdafrikanischen Mann‘.

In „Tal des Schweigens“ trifft der Leser auf zwei sehr unterschiedliche Gruppen: Die Zulus sowie die örtlichen Bauern, die beide sehr stark der Tradition, dem Erbe und der Gewalt verbunden sind. Was reizt Sie an diesem Konflikt?
Meine Familiengeschichte fĂĽhrte mich zu dem Zulu-Farmer-Konflikt, der den Kern von „Tal des Schweigens“ ausmacht. Mein Ur-Ur-GroĂźvater war einer der ersten weiĂźen Händler, die sich in Zululand niedergelassen haben. Er hatte vier Zulu-Frauen und ĂĽbernahm den heimischen Lebenswandel, aber er lebte lange genug um zu sehen, wie das Zulu-Reich niederging und weiĂźe Landwirte sich das Land angeeignet haben. Ich glaube, dass die Geschichte gewalttätig ist, und diese Gewalt noch ĂĽber Generationen nachwirkt.

Wird es einen vierten Roman mit Cooper und Shabalala geben?
„Present Darkness“ ist das vierte Buch in der Reihe mit Emmanuel und Shabalala. Als Shabalalas Sohn des Mordes beschuldigt wird, mĂĽssen Emmanuel, Zweigman (der deutsche Arzt, der ihnen hilft) und Shabalala in eine Welt korrupter Polizei und krimineller Banden eintauchen, um die Wahrheit herauszufinden. Die Geschichte spielt in Johannesburg und auf einem abgeschiedenen Bauernhof weit weg von der Reichweite des Rechts.

Ich würde gerne mehr über Ihren Schreibprozess erfahren: Erstellen Sie zunächst den Plot? Wie recherchieren Sie?
Ich schreibe meine Romane am Küchentisch, während meine Kinder in der Schule sind. Wenn ich mich beeilen oder meine Arbeitszeit ausweiten muss, dann miete ich ein Haus in den Bergen und ziehe mich dort für eine Woche oder so zurück. Ich würde gerne meine Geschichten im Voraus plotten, aber diese Planung funktioniert bei mir nicht. Meine Charaktere weisen mir den Weg und ich folge ihnen. Ich habe einen tollen Rechercheur in Südafrika, der meine Manuskripte durchsieht und Änderungen und Anregungen vorschlägt. Er berichtigt meine Fehler, so dass ich frei bin, die Geschichte zu schreiben.

Wie hat sich Ihre Arbeit als Filmemacherin auf Ihre Schriftstellerei ausgewirkt?
Mein Schreiben ist recht ‚visuell‘. Ich sehe in meinen Gedanken einen Film und dann schreibe ich alles nieder auf Papier, einschlieĂźlich aller Farben, GerĂĽche und Klänge.

Ich habe im Internet gelesen, dass Sie gegenwärtig an einem Roman mit einer „Kick-ass“-Protagonistin arbeiteten. Stimmt das?
Ja, der Roman heiĂźt „The Divided“ und ist ein Jugendroman ĂĽber ein unglaubliches Mädchen namens Sarah, die an ihre Vergangenheit keine Erinnerung hat. Sie ist unbeherrscht, konfus und stärker als sie glaubt, und ich habe die Zeit mit ihr geliebt. Von Krimis ist es ein groĂźer Sprung zu Jugendromanen, und ich werde (wenn mich die Verlagsgötter anlächeln) eine Serie schreiben.

Wenn man in Deutschland über südafrikanische Kriminalliteratur liest, geht es gewöhnlich um weiße Männer wie Mike Nicols, Deon Meyer, Andrew Brown und Roger Smith. Das ist bei australischer Kriminalliteratur ganz ähnlich. Was ist mit den Frauen in zeitgenössischer Kriminalliteratur?
Im australischen Krimi sind weiĂźe Männer vorherrschend, aber das ändert sich allmählich. In „The Old School“ von P.M. Newton ist die Hauptfigur eine halb-vietnamesische Polizistin, Katherine Howell hat mit der Notärztin Ella Marconi eine weibliche Serienhauptfigur und bei Arthur Upfields toller Serie „Inspector Napoleon Bonaparte“ (spielt in den 1950er Jahren) steht ein Aborigine-Detective im Mittelpunkt.
Ich liebe es, Krimis zu lesen, aber das Niveau der Gewalt gegen weibliche Charaktere ist zuweilen verstörend. Einige Autoren (männlich und weiblich) haben die Blut- und Folterelemente hochgefahren, um noch realer und hochmodern zu erscheinen. Ich bevorzuge in meinen Krimis tiefere soziale und politische Ansätze.
Mehr Autorinnen sind ebenso willkommen wie vielschichtige weibliche Charaktere, die mehr sind als Opfer und kopflose Rächerinnen.

Welche weiteren Autoren sollten wir kennenlernen?
Attica Locke („Black Water Rising“), Nic Pizzolatto („Galveston“), PM Newton („The Old School“), Michael Robotham („Life or Death“), Dennis Lehane („Live by Night“), Tana French, Lyndsay Faye und Daphne du Maurier, um nur einige zu nennen …

Was ist noir fĂĽr Sie?
Noir ist die Dunkelheit des wunderschön erleuchteten menschlichen Herzens.

Welche Autoren haben Sie beeinflusst?
Walter Mosleys „Devil in a Blue Dress“ hatte einen großen Einfluss auf mich. Die Hauptfigur (Easy Rawlins) ist ein schwarzer Schnüffler im Los Angeles der 1950er. Mosleys multi-rassische Welt ließ mich wissen, dass schwarze Geschichten in Krimis einen Platz haben.

Die Bernie-Gunter-Reihe von Phillip Kerr ist ein brillantes Beispiel dafür, wie Verbrechen und wahre Ereignisse gemeinsam ein Geflecht verlockender Geschichte ergeben können, das ein Schlaglicht auf die Gesellschaft der jeweiligen Zeit wirft. Ich hatte Geschichte als Hauptfach, und Kerrs Bücher haben mir klar gemacht, dass Kunst als Hauptfach einen gewissen Wert haben kann!

Und gibt es (Noir-)Filme, die Sie beeinflusst haben?
Orson Welles’ „Touch of Evil“, der an der amerikanisch-mexikanischen Grenze spielt. Das ist ein meisterhafter (und aufgeblasener) Film ĂĽber das Ăśberschreiten von Grenzen und Begrenzungen. Charlton Heston spielt einen Mexikaner mit einer weiĂźen Frau, und die ganze Welt scheint entschlossen zu sein, sie davon abzuhalten, gemeinsam ins Bett zu steigen. Ich mochte, dass die Grenzlinie zwischen „zivilisierten“ Amerikanern und „kriminellen“ Mexikanern schlammig war. Orson spielt mit der Idee, dass die Trennung von gut und böse sowie die Trennung der Rassen nicht schlicht oder vorbestimmt ist. Und die ausgedehnte Anfangssequenz ist pures Kino.

Fritz Langs „M“ ist eine brillante Mischung persönlicher und politischer Geschichte. Der Kindermörder ist ein kleiner Teil der schmierigen Schattenseite von Berlin. Er ist eine Ausdehnung eines größeren Aufruhrs, der unter der Oberfläche siedet. Wie sich der Ballon des kleinen Mädchens in den elektrischen Kabeln verfängt, ist gleichzeitig elegant und herzzerbrechend. Wir sehen nicht, wie das Kind ermordet wird, aber wir fühlen es durch den leeren Raum, der zurückgelassen wird.

Ben Afflecks „Gone Baby Gone“, der auf dem Roman von Dennis Lehane beruht. Lehanes Geschichten binden immer herzzerreißende moralische Dilemmata ein, und keines ist so hart wie in „Gone Baby Gone“. Können gute Sachen aus bösen Taten entstehen? Ist es richtig, ein Kind in eine instabile Umgebung zurückzubringen? Welche Verantwortung übernimmt man für eigenes Handeln? Es gibt keine einfachen Antworten auf diese Fragen, und ich bin bis heute nicht sicher, dass die Hauptfigur Patrick Kenzie das richtige tat, als er das Mädchen entführte.

Und „The White Ribbon“, „Blood Simple“, „Bob, le Flambeur“, „The Lives of Others“, „Asphalt Jungle’ sowie viele weitere.

Oftmals heiĂźt es, dass ein Kriminalroman der beste Weg sei, eine Gesellschaft zu beschreiben und zu analysieren. Wie sehen Sie das?
Kriminalromane sind ein Spiegel, der das Beste und Schlechteste einer bestimmten Zeit und eines bestimmten Ortes reflektiert. Die Ermittlung erzählt uns etwas über das Opfer, den Täter und die Gesellschaft, in der sie beide leben: die Gesellschaft wird selbst Teil dieser Untersuchung. Ich hoffe, dass meine Romane die Leser tief unter die Oberfläche Südafrikas in den 1950er Jahren ziehen, so dass sie die Traurigkeit und Gewalt verstehen, die diese Gesellschaft vergifteten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Sonja Hartl für Polar Noir im Dezember 2015.

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