Max Annas wurde in Köln geboren, hat in Südafrika gelebt und ist derzeit in Berlin anzutreffen. Er arbeitete an einem Forschungsprojekt zum südafrikanischen Jazz, hat als Kurator bei Filmfestivals und als Journalist gearbeitet. Mit seinen ersten beiden Romane „Die Farm“ und „Die Mauer“ wirft er einen Blick auf die südafrikanische Gesellschaft, indem seinen Blick auf begrenzte Orte konzentriert.

Dein Roman „Die Mauer“ spielt in einer Gated Community. Warum hast Du Dich für diesen Schauplatz entschieden?
Gated Communities sind Ausdruck einer nicht-offenen Art, Stadt und Wohnen zu denken. Auf der einen Seite repräsentieren sie in Südafrika, wo der Roman spielt, den nach der Apartheid neuen Weg, Zugang zu regulieren – früher waren es die Pässe, heute sind es die Mauern, auf der anderen Seite stellen sie einen Widerspruch dar zu urbanem Leben und Stadt – hier ist Zugang der Schlüssel zu allem. Und dann ist der Schauplatz eine Einladung für ein Drama. Ich kehre in dem Roman die Situation ja um. Moses, der Student, ist in der Gated Community und will raus. Die Mauer verhindert also die Lösung eines Problems, das gar nicht hätte erst entstehen dürfen.

Auch „Die Farm“ hatte einen begrenzten Schauplatz. Was reizt Dich an ihnen?
Es gibt zunächst aber auch einen starken Gegensatz. In „Die Farm“ streben die Leute auf einen Punkt zu, das Farmhaus. Und in „Die Mauer“ wollen die drei wichtigsten Figuren weg vom Zentrum des Geschehens. Aber generell ist es natürlich so, dass der Raum, in dem die beiden Plots spielen, sehr eng ist. Mich interessiert daran, dass und wie dieser Raum eine Rolle spielt – genau so wichtig wie die Figuren, die in ihm agieren. Die Begrenzung selbst wird dabei aufgehoben.
Und trotzdem ist die Betrachtung natürlich richtig. Diese ersten beiden Teile der „Trilogie des Chaos“ arbeiten mit der Enge. Ich mag das Gewühl, in dem sich Leute aufeinander beziehen müssen, um ihre Konflikte zu lösen. Und andersrum werden diese Konflikte offensichtlicher und ihre Lösung um so drängender, je näher ich die Figuren aneinanderrücke und je weniger ich ihnen die Gelegenheit gebe, einander zu entkommen.

Wie wĂĽrdest Du Moses charakterisieren?
Moses ist zu Beginn des Buches ein unbeschriebenes Blatt. Er studiert, interessiert sich für Bücher und Sport, und er will Sex mit seiner Freundin Sandi haben. Das wissen wir von ihm, als die Jagd auf ihn beginnt. Erst dann wird klar, welche Eigenschaften er in sich vereint. Er ist schnell und zäh, gesegnet mit einem starken Überlebenswillen. Moses vereint aber auch viele Vorurteile in sich. Sein Blick auf „die Weißen“ ist schematisch, aber wir müssen es ihm verzeihen, weil er in höchster Not agiert und reflektiert. Für feinen Geist und politische Korrektheit ist im Überlebenskampf kein Platz.

Warum sind die schwarzen Figuren differenzierter gestaltet als die weiĂźen?
Vor allem, weil sie mehr Raum haben, zu agieren. Ich hätte das Stück anders erzählen können und Moses sowie das Ehepaar Nozipho und Thembinkosi, die auf einer Einbruchstour sind, aus mehr weißen, inneren oder besitzenden Perspektiven erzählen können. Doch dann wäre ich zu nah gewesen am Sicherheitsnarrativ Südafrikas. Dann nämlich wären diese drei viel mehr zu jenen geworden, die in einen Raum eindringen, an den sie vermeintlich nicht gehören. Weil ich aber ihre Stimmen fokussiere, bekommt der Akt des Betretens der Gated Community einen ganz anderen Charakter.

Du hast lange Jahre in SĂĽdafrika gelebt. Inwiefern hat man als AuĂźenstehender einen anderen Blick auf die Gesellschaft?
Ich war fasziniert von der Brutalität, mit der Gegensätze wie arm und reich oder mit und ohne Bildung in dem Land in der Öffentlichkeit aufeinanderprallen. Die Bewegungen, die Individuen und Gruppen vollziehen, um einander zu vermeiden oder das Gegenteil davon zu tun, sich zu konfrontieren, haben mich von der ersten Sekunde an fasziniert. Und sicher hatte ich in Südafrika, wo ich bis letztes Jahr siebeneinhalb Jahre gelebt habe, den Bonus des Außenseiters, des Beobachters. Sich einen eigenen Weg zu suchen, noch dazu in einem Land, das oberflächlich wie in der Tiefe voller, zum Teil tödlicher, Gefahren ist, macht natürlich hellwach. Und dieses wach sein ist es, was Neulinge in einer Gruppe schärfer sehen lässt.

„Die Farm“ und „Die Mauer“ sind die ersten Teile einer Trilogie. Würdest Du schon etwas von dem dritten Teil erzählen?
Im dritten Teil der „Trilogie des Chaos“ betritt eine junge Frau, die ein Baby auf dem Rücken trägt, ein Haus, in dem sie bis vor Kurzem gearbeitet hat. Sie hat dort ein bisschen Geld versteckt, das sie beim Job unterschlagen hat. Sie muss es jetzt holen, denn am nächsten Tag wird das Haus abgerissen. Zu ihrer Cousine, die sie am frühen Abend zum Haus in der Innenstadt von East London an der südafrikanischen Ostküste gefahren hat, sagt sie: Ich bin in ein paar Minuten wieder da. Das passiert natürlich nicht. Denn im Haus sind auch noch andere Leute, die sich für diese letzte Nacht vor dem Abriss einen eigenen Plan zurecht gelegt haben.

Mittlerweile lebst Du in Berlin. Werden Deine nächsten Bücher dann in Deutschland spielen?
Ein in Berlin spielendes Buch gibt es mittlerweile schon, das ist fertig gestellt. Aber ich werde auch nach dem Ende der „Trilogie des Chaos“ Südafrika nicht aus dem Blick verlieren.

Deinen Stil würde ich tatsächlich mit dem Wort „filmisch“ beschreiben, obwohl ich es eigentlich nicht gerne verwende. Wie siehst Du das?
Mich hat die Verdichtung, die Film schafft, immer fasziniert. Das Tempo, das die Sinne aufnehmen, wenn all die Informationen und Einflüsse, die im Bild stecken, dem Bildausschnitt, im Dialog, im Ton, der Musik und dem Schnitt, wenn diese Dinge zusammen kommen und Dich mitnehmen. Dieses Tempo ist nicht gleich dem Erzähltempo im Film, auch in einem langsamen Film geschehen diese Dinge ja gleichzeitig und – im besten Fall – miteinander. So habe ich sicher mehr Filme gesehen als Bücher gelesen. Nennen wir das einfach meine wichtigste Schule.

Wie hast Du den Noir fĂĽr Dich entdeckt?
Ich bin mir nicht ganz sicher. Genreliteratur hab ich lange gemieden. Aber wenn ich mich recht erinnere, dann war es James McClure, der bei Union demnächst neu verlegt wird, der mir dieses Tor geöffnet hat. Lange bevor ich nach Südafrika gegangen bin, hat mir McClure gezeigt, dass der Noir einen perfekten Weg aufzeigt, Konflikte zu beschreiben und zu analysieren.

Was ist Noir fĂĽr Dich?
Noir ist für mich ein Raum, ein sozialer Raum, in dem Interessen aufeinander prallen. Noir ist für mich eine Möglichkeit, diesen Aufprall zu sezieren. Und Noir ist für mich eine Gelegenheit, daran zu arbeiten, dass wir die Verhältnisse, in denen wir leben, verändern.

Hast Du Lieblings-Noir-Autor_innen?
Gerade bin ich fasziniert von Dominique Manotti. Ihren Zugriff aufs Politische, in und zwischen den Zeilen, finde ich ganz ungeheuer spannend. Ich verehre Stuart Kaminsky für seine Liebe zum Individuum und dafür, wie er sie in Kapiteln und Dialogen einfasst. Peter Temple für seinen Rhythmus in „The Broken Shore“. David Goodis für seine Brillanz, in „The Moon in the Gutter“ Szenen aufzubauen und zum Fließen zu bringen.

Und hast Du Films noirs, die Du besonders schätzt?
„J´ai pas sommeil“ von Claire Denis, „Winter´s Bone“ von Debra Granik, „Frozen River“ von Courtney Hunt, „Der Verlorene“ von Peter Lorre.

Welche Noir-Filme oder -BĂĽcher sollten hierzulande bekannt oder bekannter werden?
Stefan Heyms Thriller „Der Fall Glasenapp“ von 1944, der in einem Gestapogefängnis in Prag spielt. Das Buch ist zwar reichlich verkauft worden, dann aber oft im falschen Bücherregal gelandet.
Helmut Käutners Film Noir „Schwarzer Kies“ von 1961, der die Verwerfungen in einem Hunsrückstädtchen zeigt, die aus der Nähe zu einer US-Kaserne entstehen. Der Film ist so gut wie verschwunden, verdient aber eine neue Betrachtung.
Tomu Uchidas „Kiga kaikyô“ von 1965, dessen Umgang mit Film-Zeit mich begeistert.
Und Tawfik Salehs „Al-makhdu’un“ von 1971, der meist in gleiĂźender Sonne spielt, aber einer der dĂĽstersten Filme ist, die je entstanden sind. Meines Wissens ist der Film in Deutschland zuletzt bei der Documenta 11 gezeigt worden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Sonja Hartl für Polar Noir im Juni 2016.

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