Geboren 1971 in Brooklyn gehört Sara Gran mit „Dope“ und ihren Romanen um die Privatdetektivin Claire DeWitt („Die Stadt der Toten“, „Das Ende der Welt“) zu den interessantesten und eigenwilligsten Stimmen in der Kriminal- und Noirliteratur. Mittlerweile lebt sie in Kalifornien und schreibt hauptberuflich Drehbücher sowie Romane.

„Dope“ war ursprünglich als Drehbuch für eine Fernsehserie gedacht, und Sie arbeiten regelmäßig als Drehbuchautorin. Welche Unterschiede gibt es zwischen dem Schreiben eines Romans und eines Drehbuchs?
Ein Drehbuch ist immer eine Zusammenarbeit – mit dem Regisseur, dem Studio, den Produzenten, den Schauspielern. Ein Drehbuch hat außerdem ein strenges Format und eine vorgegebene Länge. Deshalb ist es eine sehr beengte Angelegenheit, und die Herausforderung ist, innerhalb dieser Begrenzungen das zu machen, was man machen möchte oder wofür man bezahlt wurde. Dagegen ist ein Roman vollständig aus sich heraus entwickelt und hat sehr viel mehr Möglichkeiten im Hinblick auf die Länge, Kapitel und Formen. Mit diesen Freiheiten kommen noch weitere Veränderungen. Glücklicherweise passen Drehbuch und Roman gut zusammen – ich verbringe die Hälfte meiner Zeit allein und arbeite an Romanen, die andere Hälfte mit anderen in der Zusammenarbeit an Film- und Fernsehprojekten.

Ich mag Ihre Protagonistinnen sehr, aber warum sind es immer so beschädigte Figuren?
Ich bin gar nicht sicher, ob sie so viel beschädigter sind oder mehr Dämonen haben als andere Figuren. Vielleicht verstecken sie sie nur weniger. Ich denke, die meisten Menschen werden von Kräften durch das Leben gelenkt, die sie nicht verstehen. Meine Figuren mögen düsterer erscheinen, weil sie sich weigern, das zu akzeptieren. Sie sind in sehr enger Verbindung mit ihren Dämonen.

Warum spielen die Städte eine wichtige Rolle in ihren Romanen?
Ich glaube, ein Ort kann eine ebenso große und reiche Figur sein wie jede andere Figur. Sehr viel meines Schreibens handelt von New York, weil ich dort 33 Jahre lang gelebt habe. Sogar in den Claire-Büchern, die in San Francisco und New Orleans spielen, ist New York die Hauptfigur in den Rückblicken. Es hilft, die menschlichen Figuren zu verstehen, wenn man ihre Umgebung im Griff hat und man versteht, wo sie sind und was sie erschaffen haben bzw. worauf sie reagieren. Glücklicherweise habe ich an einigen interessanten Orten gelebt und es ist angenehm, dass sich das nun niederschlägt.

Was ist Noir fĂĽr Sie?
Für mich ist Noir weniger ein Stil oder ein bestimmter Plot als ein Territorium. Ich stelle es mir als ein traumähnliches Land von Symbolen und Assoziationen mit seinen eigenen Regeln und seiner eigenen Geschichte vor. In den meisten Noir-Erzählungen entdeckt man eine bestimmte Stelle, an der der Protagonist die normale Welt hinter sich lässt und die Welt des Noir betritt. Welche ich, nach all den Jahren, immer noch nicht vollständig verstehe.

Welche Noir-Schriftsteller haben Sie am meisten beeinflusst?
Auf jeden Fall sind Raymond Chander und Jim Thompson die größten Einflüsse aus der Noir-Welt. Aber ich muss auch betonen, dass es die Entwicklung eines amerikanischen Stils gibt, der von dem Einfluss von hardboiled und noir zehrt, ohne Kriminalliteratur zu sein – Charles Portis, Nelsen Algren, Shirley Jackson, sogar intellektuellere amerikanische Schriftsteller wie Hemingway und Fitzgerald. Die Grenze zwischen Kriminalliteratur und Literatur ist ziemlich unscharf.

Denken Sie, dass Noir ein männliches Genre ist?
Nein, das ist lächerlich. Es gibt keine männlichen oder weiblichen Genres. Unabhängig davon scheinen sehr viel mehr Männer Noir zu lesen und zu schreiben als Frauen, obwohl mehr Frauen Kriminalgeschichten lesen und schauen. Aber Noir im Besonderen scheint ein überwiegend männliches Publikum anziehen. Ich habe keine Ahnung, warum. Die winzig kleine Welt der amerikanischen Noir-Literatur ist, meiner Erfahrung nach, ein sehr freundlicher Ort für Frauen, sehr viel freundlicher als die meisten anderen Medienbereiche. Ich denke, ist es liegt einfach daran, dass verschiedene Menschen sich von verschiedenen Dingen angezogen fühlen, aber es hat nichts mit Voreingenommenheit zu tun.

Gibt es den Schriftstellerinnen, die Sie besonders beeinflusst haben?
Shirley Jackson ist eine der besten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts und glücklicherweise bekommt ihre Arbeit in den letzten Jahren etwas mehr Aufmerksamkeit. Ihr Buch „We have always lived in the castle“ habe ich gelesen als ich ungefähr zehn Jahre war, und es hatte bei weitem den größten Einfluss auf mein Schreiben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Sonja Hartl im Juli 2015 für Polar Noir.

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