Finnische Kriminalliteratur ist in Deutschland weit weniger populär als die anderer nordeuropäischer Länder, und der finnische Noir wird hierzulande bisher lediglich von Tapani Bagge vertreten. Er wurde am 2. Oktober 1962 in Kerava geboren und hat seit 1983 an die 90 Kriminalromane, Kinderbücher, Theaterstücke und Graphic Novels geschrieben. Außerdem übersetzt er unter anderem Elmore Leonard ins Finnische. In deutscher Übersetzung sind mit „Schwarzer Himmel“ und „Das Begräbnis des Paten“ bisher erst zwei Titel aus seiner Hämeenlinna -Noir-Reihe erschienen.

Wie wĂĽrden Sie finnische Kriminalliteratur charakterisieren?

Sie ist sehr vielseitig, aber ich glaube, sie verbindet eines: Es ist noch gar nicht lange hier, dass wir von Bäumen gefallen sind und angefangen haben, Mobiltelefone zu entwerfen. Lange dunkle Winter bringen dunkle Ideen.
Wir sind nur eine Gruppe Hinterwäldler, die sich hier zwischen Ost und West um die eigenen Angelegenheiten kümmert, und immer mal wieder hat einer unserer Nachbarn versucht, uns zu erobern. Aber die letzten 70 Jahre waren an der Grenze recht friedlich, deshalb bringen wir uns nur noch gegenseitig um. Im realen Leben kommt es nach einer Flasche Koskenkorva zum Mord, die übliche Waffe ist ein Messer, obwohl wir mehr Schusswaffen pro Kopf als jedes andere Land abgesehen von den USA haben.

Wie wĂĽrden Sie Ihre Noir-Reihe beschreiben?

In der Hämeenlinna-Noir-Reihe gibt es nun sieben Bücher, die von den Gaunern und Cops meiner Heimatstadt erzählen. Sie sind schwarzhumorig und sehr hard-boiled, aber es gibt keine Helden in ihnen. Keine guten oder schlechten Menschen, einfach Leute, die manchmal gegen ihr besseres Wissen eine falsche Entscheidung treffen. Im Verlauf der Serie entwickelt sich zwischen der Polizistin Leila Pohjanen und dem Informanten sowie Gelegenheitseinbrecher Allu Nygren sogar eine Beziehung und sie bekommen in Kind.

Außerdem gibt es noch zwei Bücher über Missgeschicke des glücklosen Anwalts Onni Syrjänen aus Kerava, einer kleinen Eisenbahnstadt in der Nähe von Helsinki. Syrjänen gibt sein Bestes, um nüchtern zu bleiben und seinen Freunden, Verwandten und Klienten zu helfen, die meist Kriminelle sind. Seine Wege kreuzen sich oft mit den Charakteren der Hämeenlinna-Noir-Reihe. Syrjänen ist meine Vorstellung von dem Anwalt, der ich geworden wäre, wenn ich an der juristischen Fakultät angenommen worden wäre. Glücklicherweise wurde ich es nicht.

Warum spielt Ihre Serie in Hämeenlinna?

Ich bin ein fauler Typ. Ich lebe hier seit 25 Jahren und kenne den Ort in- und auswendig. Es ist einfacher ĂĽber die Orte zu schreiben, die man bereits kennt. Dann hat man das richtige GefĂĽhl fĂĽr sie.

Sie sagten bereits, dass es in Hämeenlinna-Noir-Reihe keine guten und schlechten Menschen gibt. Warum nicht?

So sehe ich die Welt. Als ich zwölf Jahre alt war, besuchten wir einen meiner Onkel im Gefängnis – und er war dort nicht als Wärter. Er war dort aus einem anderen Grund, einem guten Grund, aber dort in dem Besucherraum saß weiterhin derselbe Onkel, vielleicht ein wenig ruhiger. Ihm wuchsen keine Hörner aus dem Kopf oder so. Damals verstand ich, dass Gauner auch Menschen sind. Und da versuche ich beim Schreiben im Hinterkopf zu behalten.

Obwohl Ihre Romane recht drastisch von Verbrechen erzählen, sind sie auch sehr komisch. Wie sehen Sie die Beziehung von Humor und Kriminalität?

Ich denke, insbesondere schwarzer Humor und Verbrechen gehören zusammen. Im wahren Leben haben die meisten Menschen, die jeden Tag mit Verbrechen zu tun haben, einen sehr schwarzen Sinn für Humor. Er hilft beim Überleben.

Meine Sichtweise auf das Leben ist folgende: Es ist dĂĽster, aber ich kann es aus einem humorvollem Blickwinkel sehen.

Der nächste Teil der Hämeenlinna-Noir-Reihe ist in Finnland bereits erschienen. Können Sie mir etwas darüber erzählen?

In „Havannan kuu“ („Havana Moon“) planen die Häkkinnen-Brüder die erwachsene Tochter eines Multimillionärs zu entführen und schnell reich zu werden, aber fast nichts verläuft nach Plan – falls es jemals einen gab. Allu, Leila und die Black Angels sind ebenfalls involviert. Von diesem Buch gibt es auch ein Theaterstück, das ich geschrieben habe, und im Hämeelinna Theater am 4. September Premiere gefeiert hat.

Der Plot für den nächsten Teil ist ebenfalls ausgearbeitet. Er wird „Pieni talvisota“ (A Little Winter War) heißen und hoffentlich 2015 erscheinen.

Abgesehen von Kriminalliteratur schreiben Sie auch BĂĽcher fĂĽr Kinder und Jugendliche und sogar Graphic Novels. Wie unterscheidet sich die Arbeitsweise?

Das Beste ist, dass ich nicht immer wieder dasselbe machen muss. AuĂźerdem habe ich bei einem Kinderbuch oder einer Graphic Novel Gesellschaft: Ich treffe den Illustrator oder KĂĽnstler oder bekomme wenigstens ihre Bilder zu sehen. Das ist ein groĂźartiger Moment.

Für Kinder schreibe ich die Geschichten außerdem mit einem warmen und manchmal absurden Humor. Manchmal sagt ein Herausgeber, ich könne dieses oder jenes nicht in einem Kinderbuch schreiben – bei meiner Kriminalromane hat es noch nie jemand gesagt.

Der Begriff „Nordic Noir“ ist sehr beliebt geworden um insbesondere Fernsehserien aber auch Kriminalliteratur aus nordeuropäischen Ländern zu beschreiben. Gibt es auch einen „Finnish Noir“?

Auf jeden Fall. Die Skandinavier, insbesondere die Schweden, mögen Small Talk und diskutieren ohne Ende. Wir bleiben stumm und dann greifen wir uns eines Tages eine Waffe und erschießen den Nachbarn. Wie konnte er wagen, die Blätter seiner Birke auf meine Seite fallen zu lassen?
Mit dieser Natur sind wir verpflichtet, unsere eigenen Noir-Bücher zu haben. Übrigens gibt es eine neue Anthologie in englischer Sprache, „Helsinki Noir“, herausgegeben von Jim Thompson und veröffentlicht von Akashic, New York. Von mir ist dort eine Geschichte mit dem Titel „Hard Rain“ enthalten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview fĂĽhrte Sonja Hartl fĂĽr die Polar Noir im September 2014.

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