Geboren 1960 wuchs Wallace Stroby südlich von New York auf. Er arbeitete als Polizeireporter und wurde für seine Buch- und Filmkritiken ausgezeichnet. „Kalter Schuss ins Herz“ ist sein erster Roman in deutscher Übersetzung – und der Auftakt einer Reihe zu der Berufsverbrecherin Crissa Stone.

Wie kam es zu „Kalter Schuss ins Herz“?
Ich wollte immer einen ganzen Roman aus dem Blickwinkel eines Berufsverbrechers schreiben, für den der Leser Sympathie aufbringen kann. Ein Teil meines dritten Romans, „Gone ´til november“, war aus der Perspektive eines alternden schwarzen Killers geschrieben, der Rest aus der Sichtweise eines weiblichen Sheriffs und einer alleinerziehenden Mutter in einer ländlichen Stadt in Florida, die einzige Frau in dem Department. Mit „Kalter Schuss ins Herz“ wollte ich diese zwei Ideen kombinieren, meine Hauptfigur sollte kriminell und eine Frau in einer überwältigend männlichen bestimmten Umwelt sein. Dadurch entstehen viele interessante Möglichkeiten.

Ich muss zugeben, dass ich immer ein wenig skeptisch bin, wenn Autoren weibliche Hauptfiguren haben. War es schwierig, als Mann einen Kriminalroman mit einer Frau als Hauptfigur zu schreiben?
Tatsächlich fand ich es in gewisser Weise befreiend, weil eine Frau in dieser Lage manche Dinge anders machen würde als der typische einsame Wolf als Protagonist. Sie würde Allianzen eingehen, Beziehungen haben und sich bei der Gewalt zurückhalten bis sie notwendig wird. Ich bin weder eine Frau noch ein Berufsverbrecher, aber ich fand dennoch eine gemeinsame Basis mit ihr. Sie ist vorsichtig, überwachsam und übertrieben gewissenhaft, aber zugleich zu Ausbrüchen fast von Rücksichtslosigkeit fähig.
Auf einer praktischeren Seite, meine erste Leserin, meine Agentin, meine Herausgeberin sind alles Frauen – und alleinerziehende Mütter – also konnten sie mich immer beraten, wenn es notwendig war.

Ich mag Crissa sehr, weil sie auf selbstverständliche Weise eine Frau ist und ihre „Weiblichkeit“ nicht betonen muss. Wie würden Sie Crissa Stone beschreiben? Und welche Rolle spielt Wayne in ihrem Leben?
Sie ist bis zu einem bestimmten Punkt eine „selfmade-woman“. Ihre Kindheit in einer kleinen texanischen Stadt war hart, sie hatte mit Drogen und Kleinkriminalität zu tun, und dank Wayne konnte sie das alles hinter sich lassen und dabei Teil seiner Welt voller professioneller Diebe werden. In „Kalter Schuss ins Herz“ drehen sich Crissas Handlungen darum, Wayne aus dem Gefängnis zu bringen. Aber im zweiten Buch „Kings of Midnight“ beginnt sie zu erkennen, dass es nicht passieren wird. Daher denke ich, dass sie in den vier Büchern einen Prozess durchläuft, durch den sie akzeptiert, dass sie nun auf eigenen Beinen steht. In dem aktuellsten Buch, „The Devil’s share“, wird sie eine Art Wayne, organisiert einen Raub und stellt ein Team zusammen, um ihn auszuführen – und so weiter.

Wie verhält es sich mit ihrer Tochter?
Ihre Tochter Maddie ist eine Erinnerung an das, was gewesen sein könnte. Ein Teil von Crissas Einnahmen geht an ihre Cousine Leah, die Maddie als ihre Tochter aufzieht. In „Kalter Schuss ins Herz“ strebt Crissa lange ein halbwegs normales Leben an, stellt sich vor, dass Wayne aus dem Gefängnis kommt und sie Maddie aufziehen. Am Ende hat sie aber verstanden, dass sie in ihrem Leben Entscheidungen getroffen hat, die das nicht zulassen.

In vielen Raubüberfallfilmen steht der große Raub im Mittelpunkt der Geschichte. Aber „Kalter Schuss ins Herz“ ist eher ein Roman über eine bestimmte Zeit in Crissas Leben. Warum haben Sie diesen Weg gewählt?
Über Raubüberfälle zu lesen – oder sie in einem Film zu sehen – kann Spaß machen, weil es fast ist als würde man einer Maschinerie zusehen. Zur gleichen Zeit bin ich persönlich aber weit mehr an den Menschen interessiert, an den Vorbereitungen des Verbrechens und den langfristigen Folgen als an den Unterhaltungen der Diebe unmittelbar vor und nach dem Überfall.

Warum wird in einem Dialog in Ihrem Buch die Bedeutung des Zahlens von Steuern hervorgehoben?
Das klassische Beispiel ist die Strafverfolgung von Al Capone in den 1930er Jahren. Er war eine der größten Mafiabosse, der zahllose Morde angezettelt hat, aber die Staatsanwaltschaft konnte nie eine Verurteilung erreichen. Bis ihm der Internal Revenue Service nachweisen konnte, dass er keine ausreichenden Steuern auf seine Einkünfte – legale und illegale – gezahlt hat. Das hat ihm schließlich eine lange Gefängnisstrafe eingebracht.

Die ersten Sätze sind wichtig für ein Buch. Warum haben Sie sich für diese Eröffnung entschieden?
Mir sind die Eröffnungssätze sehr wichtig und habe viel Zeit auf sie verwendet. Ich habe an ihnen so lange gearbeitet, bis sie sich richtig anfühlten. Sie sollten geradeheraus und unmittelbar sein, aber auch Fragen aufwerfen – wer ist diese Frau, was macht sie, warum ist sie bewaffnet? Zur gleichen Zeit werfen sie den Leser sofort in Crissas Welt, mitten in einen Raubüberfall.

Wenn Sie Ihre Romane schreiben, arbeiten Sie dann den Plot von vorneherein aus?
Nein, ich plotte nicht im Vorfeld, weil es meiner Meinung nach sehr viel Energie und Spaß raubt. Es ist einfach eine Frage, wie man am besten arbeiten kann, da gibt es keine strengen Regeln. Wenn ich weiß, wer die Hauptfiguren sind und welche Geschichte ich erzählen will, kann ich anfangen zu schreiben. Während ich dann vorangehe, zeigen sich andere Dinge – bestimmte Szenen usw. – von alleine. Manchmal muss ich – wenn die Geschichte sehr komplex ist – bestimmte plot points mitten im Schreibprozess ausarbeiten, aber ich mache das nie vorher.

Sie haben als Journalist gearbeitet – hilft diese Erfahrung Ihnen?
Ja. Es ist kein Zufall, dass einige der erfolgreichsten Kriminalautoren – Michael Connelly, Laura Lippman, John Sandford, Gene Kerrigan usw. – früher Journalisten waren. Wenn man im Journalismus arbeitet, lernt man, unter dem Druck einer Deadline zu schreiben, Informationen geeignet zu organisieren und mit dem Überarbeitungsprozess umzugehen – im Journalismus legt man sich eine dicke Haut zu. Außerdem sieht man das Schreiben als Ergebnis einer Anstrengung und weniger als das reiner Inspiration. Dadurch merkt man, dass selbst an Tagen, an denen man nur wenig inspiriert ist, die Inspiration kommt, wenn man einfach die Arbeit erledigt – einen Schritt nach dem anderen. Manchmal passiert das auch nicht, aber damit muss man dann ebenfalls umgehen.
Letztlich verbindet alle Schreibroutinen, Systeme usw. eines – die Illusion von Kontrolle. Wie Stephen King gesagt hat, gibt es nur zwei Ratschläge, die man allen angehenden Schriftstellern geben sollte: Lese viel und schreibe viel. Das ist es.

Warum haben Sie sich ĂĽberhaupt entschieden, Kriminalromane zu schreiben?
Ich glaube, das Geschriebene wählt einen mehr als man es wählt. Als ich jünger war, habe ich von allem etwas gelesen – Fantasy, Science Fiction, Horror usw. Aber in meinen späteren Teenagerjahren habe ich gemerkt, dass Kriminalliteratur mir mehr zu sagen hat, insbesondere als ich die Büchern von Dashiell Hammett und James M. Cain und anderen entdeckte. Diese Bücher fühlten sich nach wahrem Leben an.

In Ihren Blog „Live at the Heartbreak Lounge“ schreiben Sie viel über Noir. Was ist Noir für Sie?
Ich glaube, ich halte mich an James Ellroys (möglicherweise erfundene) Definition: „Everybody’s fucked – and then it gets worse.“

Oft wird gesagt, Kriminalliteratur sei der beste Weg, unsere Gesellschaft zu beschreiben und zu analysieren. Was denken Sie?
Kriminalgeschichten gibt es, seit es Geschichten gibt, angefangen mit Kain und Abel. Also ja, ich glaube, sie geben einem einen Weg, mit bestimmten gesellschaftlichen Fragen umzugehen. Gier, Korruption, Eifersucht und Gewalt sind dunkle Teile der menschlichen Natur, aber sie sind immer da, waren immer da und werden immer da sein. In traditioneller Kriminal- und Detektivliteratur wird die Ordnung aus dem Chaos wiederhergestellt. Im Noir ist das Chaos die Norm.

Welche Noir-Schriftsteller haben Sie beeinflusst?
Das ist eine lange Liste. Wie ich schon gesagt habe, zunächst Hammett und Cain, dann Chandler zu einem gewissen Maß, hauptsächlich für die Art und Weise, in der er die Zeiten und Orte entstehen lässt. Ich liebte – und liebe immer noch – die düsteren Romane von Cornell Wollrich. Später habe ich dann viele zeitgenössische Schriftsteller entdeckt, beispielsweise John D. MacDonald, Lawrence Block, Donald E. Westlake und andere, die alle aus derselben Tradition zu kommen scheinen, sie aber in andere Richtungen fortsetzen. Dann hat George V. Higgins „Die Freunde von Eddie Coyle“ eine sehr realistische Form von Kriminalliteratur eingeführt, die eine ganze Generation von Elmore Leonard bis zu George Pelecanos beeinflusst hat.
Ich bin auch von vielen Nicht-Kriminalschriftstellern beeinflusst. Für die Geschichte gehe ich immer zurück zu Rafael Sabatini („Captain Blood“, „Scaramouche“), der ein Meister darin war, Charaktere und Handlung zu verbinden. Der erste Satz von „Scaramouche“ – „He was born with a gift of laughter, and a sense that the world was mad.” – erzählt einem fast alles, was man über die Hauptfigur wissen muss.

In den meisten Beiträgen zu Ihren Romanen werden Richard Stark und Garry Disher erwähnt. Was denken Sie über diese Verweise?
Beide sind ausgezeichnete Schriftsteller. Westlakes Richard-Stark-Bücher sind die Meisterklasse bezüglich knappen Schreibens und erzählerischem Antrieb. Ich lese sie immer wieder. Sie waren in den USA für viele Jahre vergriffen, so dass ich sie in Antiquariaten immer gesucht habe. Deshalb konnte ich die komplette Serie erst Jahre nachdem sie veröffentlicht wurde lesen.
Garry Dishers Wyatt-Bücher habe ich in den 1990er Jahren sehr gerne gelesen, in dieser langen Pause, in der Westlake seinen Richard Parker in den Ruhestand geschickt hatte. Ich habe sie alle gelesen – als Online-Importe in den frühen Jahren des Internetshoppings besorgt. Die meisten sind mittlerweile vergriffen und anscheinend recht wertvoll.

Beeinflussen Filme Ihr Schreiben?
In gewissem Maß ja. Mehr in dem Optischen als in der Geschichte. Sicherlich ist jeder, der seit den 1930er Jahren Kriminalliteratur geschrieben hat, von den Kriminalfilmen beeinflusst, die seither entstanden sind. Die visuellen Komponenten der modernen Kriminalliteratur sind stark, und ich denke, das ist ein direkter Einfluss der Filme. Für viele Autoren – mich selbst eingeschlossen – sind die von den Figuren angetriebenen Kriminalfilme der 1970er Jahre der größte Einfluss, Filme wie „The French Connection“, „The Getaway“, „Serpico“ usw.
Aber ich bin auch ein großer Fan der Western von Sergio Leone und der Filme von Jean-Pierre Melville sowie Vittorio DeSicas neorealistische Dramen und fast allem von Samuel Fuller. Unter den zeitgenössischen Regisseuren natürlich Martin Scorsese und James Gray, Johnnie To und viele mehr.

Welches sind Ihre Lieblings-Films-noirs?
Aus der klassischen Periode – sagen wir von 1940 bis 1958 – ist einer meiner Lieblingsfilme der Low-Budget-Film „Armored Car Robbery“ von 1959, der eine großartige Geschichte, Charaktere und Action in 67 Minuten packt. Außerdem Robert Aldrichs „Kiss me deadly“ (1955), Stanley Kubricks „The Killing“ (1956) und von Robert Wise „The Set-up“ (1949) und „Odds against tomorrow“ (1959).
Aus den 1970er und 1980er Jahren – die man die „Neo Noir“-Zeit nennen könnte – würde ich „Taxi Driver“, „Chinatown“, „Thief“, „Manhunter“ und andere nennen.

Und gibt es Pläne, die Crissa-Stone-Romane zu verfilmen?
Showtime Networks hatte die Figur für eine Serie in 2012 optioniert und Ted Tally, der einen Oscar für die Adaption von „Silence of the lambs“ gewonnen hat, hat ein Drehbuch für eine Pilotfolge geschrieben. Aber wie die meisten Kabelprojekte im Entwicklungsstatus wurde daraus – warum auch immer – nie eine Pilotfolge, also habe ich die Rechte im letzten Jahr zurückbekommen. Seither gibt es viele Interessenten, aber keine Vereinbarungen.

Nun meine letzte Frage: Welches sind Ihrer Meinung nach die unbesungenen Helden des Noir?
Da gibt es so viele! Ich halte mich an die, die nicht mehr leben, damit ich keinen meiner Zeitgenossen vergesse.
Zunächst würde ich Malcom Braly nennen, der vermutlich Americas größter Gefängnisschreiber war. Sein Roman „On the Yard“ (1967) ist ein Meisterwerk. In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren schrieb Eugene Izzi eine großartige Reihe von Kriminalromanen, die in Chicago spielen, die nun aber nicht mehr gedruckt werden. Obwohl er am meisten für „They shoot horses don’t they?“ bekannt ist, ist Horace McCoys „Kiss tomorrow goodbye“ (1948) eine brillante Noir-Geschichte, die in der Ich-Perspektive von einem psychopathischen Berufsverbrecher erzählt wird. W. L. Heath hat drei Kriminalromane geschrieben, die schon lange vergriffen sind – „Violent Saturday“, „Ill Wind“ und „Blood on the river“ sind vergessene Klassiker. Außerdem ist Dan J. Marlowes „The name of the game is death“ in seiner reinen Kaltbültigkeit kaum zu schlagen.
Und dann werde ich einen Autor erwähnen, der noch lebt, aber keine fiktionale Literatur mehr schreibt und veröffentlicht. Der Dichter und Pädagoge David Bottoms – einst Georgias poet laureate – hat in den späten 1980er Jahren zwei exzellente Kriminalromane geschrieben, die im ländlichen Süden spielen – „Any Cold Jordan“ und „Easter Weekend“. Beide sind wundervoll geschrieben, aber seine einzigen Ausflüge in die fiktionale Literatur (bisher).

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Sonja Hartl für Polar Noir im November 2015.

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