Geboren am 25. November 1936 in Kilmarnock studierte William McIlvanney in der Universität Glasgow und arbeitete 17 Jahre lang als Lehrer, ehe er sich entschied, nur noch zu schreiben. Seine sozialkritischen Romane sind preisgekrönt – und seit seiner Trilogie um den schottischen Polizisten Jack Laidlaw gilt er als „godfather of tartan noir“.

Mr. McIlvanney, in Deutschland beginnt man gerade erst damit, Ihre BĂĽcher zu entdecken, waren Sie zuvor schon einmal hier?

Einmal, in den frĂĽhen Achtzigern, in Frankfurt zur Buchmesse. Aber als Schriftsteller fand ich es dort deprimierend.

Zu viel Kommerz?

Sie hatten dort eine groĂźe steinerne Buch-Skulptur, und fĂĽr mich symbolisierte das alles, worum es ging: ein Produkt zu verkaufen, egal, was drinsteht.

Ihre „Laidlaw“-Romane waren lange Jahre selbst in Großbritannien nicht verfügbar, jetzt werden sie auch auf dem Kontinent gefeiert. Darf man das ein Comeback nennen?

Ich habe zwar nicht gemerkt, dass ich weg war, aber ja, es ist wohl ein Comeback. Für mich ist es aufregend und faszinierend, dass drei Romane, die ich vor so langer Zeit geschrieben habe, plötzlich so viel Aufmerksamkeit bekommen. Ich habe ein Hörbuch von „Laidlaw“ eingelesen und dachte dabei: „Mein Gott, ich habe einen historischen Roman geschrieben.“

Hat sich für Sie und Laidlaw so viel geändert?

In den Siebzigern, als ich „Laidlaw“ geschrieben habe, war die Welt eine ganz andere, es gab zum Beispiel noch Busschaffner, aber keine Mobiltelefone. Dadurch hat sich alles verändert, auch die Arbeit eines Polizisten.

Wie kam es dazu, dass Ihre Romane wiederveröffentlicht wurden?

Jamie Byng, der Verleger von Canongate, kam am Rande des Edinburgh Festivals auf mich zu und sagte: „Ich liebe Laidlaw“. Ich dachte, nett, aber von Komplimenten kann ich nicht leben. Aber einen Monat später kam ein Brief, in dem Byng schrieb, dass er meine Bücher neu auflegen wollte.

Sie haben viel Aufmerksamkeit dafĂĽr bekommen. Sind die BĂĽcher auch kommerziell ein Erfolg?

Es sieht so aus, aber eigentlich kümmere ich mich um solche Dinge nicht, das können andere besser.

Stimmt es, dass Sie ein weiteres Laidlaw-Buch schreiben?

Hm, ich zögere noch, darüber zu sprechen, weil mir zwar andere das zutrauen, aber ich mir selbst manchmal nicht. Aber ich habe ein paar Ideen, sowohl für ein Prequel als auch für ein Sequel – Laidlaw als junger Cop und kurz vor der Pensionierung in den Neunzigern. Ich habe schon einiges geschrieben, für beide Romane. Aber es bleibt abzuwarten, ob sie jemals fertig werden.

Wovon hängt das ab?

Ich schreibe, wenn ich den Zwang dazu verspüre. Und wenn nicht, dann eben nicht. Aber ich bin optimistisch – sollte ich lange genug leben.

Laidlaw in den Neunzigern – man könnte sich vorstellen, dass er da ein wenig fremdelt.

Stimmt, er ist die Art Mann, die sich neuen Gegebenheiten nicht einfach so anpasst. Aber er wird funktionieren – auch wenn ich ihn nicht mit einem Mobiltelefon ausstatten würde. Das passt nicht zu ihm.

Es wird spannend, das zu verfolgen, denn Ihre Bücher sind ja keine klassischen Whodunnits …

…nein, sie sind Whydunnits … sondern Beschreibungen einer Gesellschaft mit all ihren Problemen und eines Detektivs, der versucht, ein Teil dieser Gesellschaft zu sein und gleichzeitig seine Identität zu bewahren. Ich beschreibe Laidlaw gern als eine Art Butler, der in Ihr Haus einbricht, aber nichts stiehlt. Er stellt nur die Möbel um, sodass Sie, wenn Sie nach Hause kommen, in einer leicht veränderten Realität leben. Laidlaw, wie Sie schon gesagt haben, untersucht eigentlich das Wesen der Welt, in der er lebt.

Verraten Sie uns, worum es in Laidlaws letztem Fall gehen wird?

Um einen Serienmörder.

Wirklich? Bislang waren die Mörder in Ihren Büchern ja eher Durchschnittstypen, die eine falsche Abzweigung genommen haben.

Mein Serienmörder wird auch eher ein Durchschnittstyp sein, ein Intellektueller, der extrem desillusioniert ist, enttäuscht von der Entwicklung der Gesellschaft, kein tollwütiger Typ im Blutrausch.

Klingt, als könnte er Laidlaws Bruder sein.

Sie haben Recht. Es ist, als wĂĽrde Laidlaw sein kriminelles Alter Ego treffen.

Die Morde in Ihren Romanen sind Symptome einer Gesellschaft, in der sehr viel sehr schief läuft …

Stimmt. Und Laidlaw sagt einmal, er sei nicht nur skeptisch den Menschen gegenüber, die er jagt, sondern auch denen gegenüber, für die er auf die Jagd geht. Oder wie sein Kollege Milligan ihn charakterisiert: „Er rennt mit einem deutschen Helm auf dem Kopf und in schottischer Black-Watch-Uniform kreuz und quer über Niemandsland.“ Vor allem aber zeichnet ihn sein Skeptizismus aus, er weiß, dass Menschen, die sich ihrer Sache allzu sicher sind, die glauben zu wissen, was die absolute Wahrheit ist, zu allem in der Lage sind. So wie die Islamisten, die in Museen uralte Statuen zerstören. Oder mein Serienkiller, der nicht aus Spaß mordet, sondern um aufzuzeigen, was in unserer Gesellschaft fürchterlich schief läuft. Und das ist der Unterschied zwischen dem Killer und Laidlaw: Zweifel und Gewissheit.

Sind Laidlaw, der einsame Cop, und der Serienkiller nicht im Grunde anti-soziale Existenzen?

Laidlaw ist nicht gegen die Gesellschaft als Konzept, nur gegen ihre Vorurteile, ihre Unterstellungen und die Richtung, in die sie sich entwickelt.

Er hat Probleme mit Institutionen und Hierarchien …

Absolut, denn wer eine Hierarchie schafft, glaubt, die absolute Wahrheit zu kennen. Aber für Laidlaw ist absolute Wahrheit ein Ding der Unmöglichkeit, Zweifel hingegen sind produktiv und kreativ.

Jemanden wie Laidlaw gab es vorher nicht im britischen Krimi. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Ehrlich gesagt hatte ich gar nicht vor, einen Detektivroman zu schreiben. Nachdem ich einen sehr langen Roman über die Arbeiterklasse im Schottland des frühen 20. Jahrhunderts abgeschlossen hatte, hatte ich das Gefühl, eine zu lange Zeit in der Vergangenheit verbracht zu haben und wollte den Kontakt zur Gegenwart wieder aufnehmen. Ich hatte zunächst nur eine Idee von meiner Hauptfigur, wie sie sein würde, wofür sie steht, wie sie redet. Es war eine sehr vergrübelte Figur, die mit vielen harten Typen und harten Orten in Berührung kommt – und auf wen trifft das besser zu als auf einen Polizisten?

Also haben Sie nur aus Versehen die britische Krimilandschaft revolutioniert?

(lacht) Ein totales Versehen.

Aber Sie kannten die groĂźen amerikanischen Vorbilder?

Eigentlich nur Hammett und Chandler, und die habe ich wegen ihrer großartigen Art zu schreiben gelesen, nicht wegen der Fälle. Die meisten anderen Kriminalromane habe ich verachtet, weil es nur darum ging herauszufinden, wer der Mörder ist. Für mich hatte dieses Genre eine Menge Luft nach oben. Ich war fest entschlossen, Geschichten zu schreiben, die mehr sind als Zeitvertreib.

Was hat man in Glasgow von Ihrem Buch gehalten – schließlich ist die Stadt eine Hauptfigur in „Laidlaw“?

Ich stamme aus einem Ort 20 Meilen südlich von Glasgow, was mich zu einer Art Ausländer macht, und bin erst als Student in die Stadt gezogen. Die Menschen in Glasgow sind sehr gradlinig, sie sagen dir ins Gesicht, was sie über dich denken. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass viele auf mich zukamen und sagten, ich hätte ihre Stadt und sie gut beschrieben. Sie waren wirklich außergewöhnlich tolerant mir gegenüber, wenn man bedenkt, dass ich ein Ausländer bin.
Einige Zeit, nachdem „Tony Veitch“ veröffentlicht war, ging ich in eine Bar und bestellte etwas zu trinken. Plötzlich sprach mich der große Typ neben mir an: „Freitagnacht, Glasgow. Die Stadt der starren Blicke“ – der Anfang von „Tony Veitch“! Zu mir war die Stadt, waren die Menschen immer außergewöhnlich freundlich.

Ich habe einmal mit Ian Rankin gesprochen und ihn nach dem Unterschied zwischen Glasgow und Edinburgh gefragt. Er sagte, in Glasgow sei das organisierte Verbrechen viel mehr zu Hause …

Hier gibt es aber nicht nur das organisierte Verbrechen, sondern auch organisierte Menschlichkeit.

Trotzdem haben Sie in Edinburgh gelebt.

Ja, und ich mochte es, auch dort sind die Menschen nett. Wie der Typ im Pub, der ein paar Getränke lang an der anderen Seite des Tresens saß und die ganze Zeit kein Wort sagte und mich anstarrte. Als er dann ging, gab er mir, weiter wortlos, ein gefaltetes Blatt Papier, und ich fürchtete bereits das Schlimmste … dann faltete ich den Zettel auf und da stand: Danke für die Bücher. Das ist Edinburgh! Eine Stadt, die dir zuwinkt, während Glasgow dir eine reinhaut. Glasgow präsentiert mir das Material für meine Geschichten auf dem Präsentierteller, Edinburgh ist zu diskret.

Die ideale Stadt für einen Krimi also …

… ja, aber in der all der Finsternis finden die Menschen immer wieder Gründe zu lachen, auch wenn die Menschen hier nie viel hatten.

Man spürt, wenn man Ihre Bücher liest, eine profunde Zuneigung zu den einfachen Menschen … vor allem in einer Szene aus „Tony Veitch“, wo Laidlaw und Harkness die Schwester eines Opfers besuchen.

Absolut, ich komme selbst aus einfachen Verhältnissen, mein Vater war ein Minenarbeiter. Bei uns zu Hause ging es immer sehr lebhaft zu. Wir hatten immer ein full house, die Geschichten schwirrten durchs Haus, irrwitzige Geschichten, traurige Geschichten. Das hat mich gelehrt, dass ich, obwohl wir nie viel Geld hatten, über großen Reichtum verfügen konnte. Vieles, was ich später geschrieben habe, basiert in Teilen auf dieser Zeit, auf dem stillen, aber heldenhaften Widerstand der einfachen Menschen. Ich bin sehr glücklich und stolz darauf, aus einem Milieu zu stammen, wo man gelernt hat, aus wenig das meiste herauszuholen.

Ihr Detektiv Laidlaw ist zwar wie einer von diesen Menschen, aber eben nicht einer von ihnen, oder? Hat er etwa zu viel Kierkegaard gelesen?

Jeder, der Kierkegaard gelesen hat, hat zu viel Kierkegaard gelesen, wenn Sie mich fragen. (lacht) Aber ja, Sie haben recht. Bildung, auf die Universität gehen – in meiner Familie war ich der Einzige, der das getan hat. Die Universität gab mir das Rüstzeug, das ich brauchte, um zu schreiben – und mich auf diese Weise für mein Erbe zu bedanken.

Konnten Sie gleich nach der Uni vom Schreiben leben?

Nein, nach dem Abschluss habe ich angefangen, als Lehrer zu arbeiten. Für eine, wie ich damals noch dachte, kurze Zeit, um Geld zu verdienen. Aber dann passierte etwas, das ich nicht erwartet hätte: Ich verliebte mich in den Job. Also tat ich beides gleichzeitig: lehren und schreiben. Als dann mein erster Roman „Remedy is None“ veröffentlicht wurde und es gute Kritiken in der „Sunday Times“ und im „London Observer“ gab, begann ich langsam, daran zu glauben, dass ich ein richtiger Schriftsteller sein könnte …

… und Sie kündigten?

Nein, das dauerte noch, die literarische Welt hatte wohl meine Adresse verlegt. Aber das fand ich nicht schlimm, ich unterrichtete weiter, ich schrieb weiter. Erst „A Gift from Nessos“, dann „Docherty“, einen historischen Roman über Minenarbeiter, der viel über meine Herkunft verrät. Jetzt war ich so weit, vom Schreiben zu leben. Zumal ich inzwischen zum stellvertretenden Schuldirektor befördert wurde – ein Job, der mir so gar nicht lag. Und so schmiss ich mich selbst raus, als sich 1978 die Gelegenheit ergab, als Reporter zur Fußball-WM nach Argentinien zu fahren.

Bestimmt eine schmerzhafte Erfahrung als schottischer Fußballfan …

Der FuĂźball war Mist, die Leute aber unglaublich nett und warmherzig. (lacht)

Aber seit Ende der Siebziger sind Sie hauptberuflicher Schriftsteller, oder?

Sagen wir so: Ich habe ĂĽberlebt. Auf keinem besonders hohen Niveau, aber immerhin.

Wie wurde „Laidlaw“ aufgenommen, als es 1978 auf den Markt kam? Hat man Sie dafür kritisiert, „nur“ einen Krimi geschrieben zu haben?

Wahrscheinlich, ich glaube aber, das hat mich damals einen Scheiß interessiert. Ein gutes Buch ist ein gutes Buch, ob es einen Detektiv als Hauptfigur hat oder nicht. Ach, insgesamt glaube ich sogar, das Buch wurde recht gut aufgenommen. Dass es allerdings so einen großen Einfluss auf so viele Autoren hatte, war mir bis vor Kurzem nicht bewusst. Etliche Jahre, nachdem ich „Laidlaw“ geschrieben hatte, bekam ich einen Brief von Ian Rankin, der damals in Frankreich lebte und gerade angefangen hatte, Kriminalromane zu schreiben, und er fragte mich, ob es in Ordnung wäre, wenn er sein Buch mit einer Widmung an mich versehen würde. Dazu kam es allerdings nicht, weil ich Ians Brief verloren habe.

Ian ist einer Ihrer Fans, aber da gibt es noch viele andere …

Oh ja, für mich ist das immer noch unglaublich. All diese erfolgreichen Schriftsteller, Ian, Denise Mina, Val McDermid … es ist, als ob man plötzlich erfährt, dass man Enkelkinder hat, von denen man zuvor nichts geahnt hatte. Andere Schriftsteller können untereinander ganz schön zickig sein, aber Krimiautoren sind da ganz anders.

Kennen Sie eigentlich Malcolm Mackay, einen jungen Autoren, der seit ein paar Jahren fĂĽr seine Glasgow-Krimis gefeiert wird?

Nie gehört. Ich muss Ihnen auch sagen, dass ich nicht viele Kriminalromane lese.

Schade, ich hätte gedacht, dass die jungen Autoren permanent bei Ihnen um Rat fragen.

Das nicht, aber als ich vergangenes Jahr beim Krimifestival „Bloody Scotland“ war, dachte ich erst, dass mich alle für jemand anderen hielten. Ich wurde gefeiert, ständig erzählte mir jemand, wie wichtig meine Bücher für ihn waren.

Heute nennt man Sie den „godfather of tartan noir“. Können Sie mit diesem Titel etwas anfangen?

Tartan noir, das klingt für mich total bescheuert. Ich sehe einen Glasgower Schwerkriminellen im Highland-Outfit vor mir – und davon habe ich nicht allzu viele gesehen. Es ist ein Label, um Bücher zu verkaufen, und das ist schon in Ordnung, aber man sollte nicht von mir verlangen, es ernst zu nehmen. Es ist, als würde man einen Dudelsackspieler engagieren, um mehr Krimis zu verkaufen. (lacht)

Sie waren einer der ersten Briten, der den Krimi aus dem Landhaus befreite, oder?

Ich weiĂź es nicht. Ich hatte nicht vor, das Genre zu revolutionieren. Wie gesagt, ich wollte nicht einmal unbedingt einen Krimi schreiben.

Aber Sie hatten britische Krimis gelesen?

Wenige, darunter Agatha Christie, aber das ist nicht meins. Ich interessiere mich nicht für die Lösung irgendeines Puzzles. Ich hatte irgendwann eine Ahnung, dass man aus Krimis viel mehr machen könnte als einen reinen Zeitvertreib. Es geht nicht darum, den Leser möglichst schnell von Punkt A nach Punkt B zu befördern, sondern unterwegs anzuhalten, ihn zum Lachen zu bringen, ihm Gedanken mitzugeben, die ihn auch nach der Lektüre noch beschäftigen. Darum geht es doch beim Schreiben: den Leser zu verführen und ihm mehr an die Hand zu geben, als er erwartet hatte.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Gespräch führte Marcus Müntefering für die Polar Noir im April 2015

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