Argentinien war Gastland der Buchmesse 2010. Dem Event verdanken wir eine FĂŒlle neuer und neuaufgelegter Publikationen aus dem lateinamerikanischen Land.

In RaĂșl ArgemĂ­s fĂŒr die zeitgenössische argentinische Literatur prototypischen novela negra »Und der Engel spielt dein Lied« (Unionsverlag metro) gibt es eine Szene, die wĂ€hrend der MilitĂ€rdiktatur in den 70er Jahren spielt. Die Schergen der GenerĂ€le belagern ein Haus, in dem sich ein paar Guerrillos verschanzt haben. Die MilitĂ€rs schießen mit grobem GeschĂŒtz und als alles vorbei zu sein scheint, tritt eine junge Frau den Balkon, „rief etwas ĂŒber Siegen oder Sterben, hob die Pistole und schoss sich in den Kopf“.

ArgemĂ­ spielt in seinem Kriminalroman ĂŒber die prekĂ€re Koalition von MilitĂ€rdiktatur und Organisiertem Verbrechen damit auf eine Tochter des Journalisten und Schriftstellers Rodolfo Walsh an, die am 29. September 1976 als Mitglied der „Montoneros“ genau diesen geschilderten Tod gestorben war. Die Reverenz, die ArgemĂ­ damit dem 1977 ebenfalls von den MilitĂ€rs ermordeten Walsh erweist, ist nicht lediglich anekdotisch, sondern verweist substantiell auf einen der hierzulande beinahe unbekannten Großen der argentinischen und lateinamerikanischen Literatur.

Rodolfo Walsh, der den Mut, einen prĂ€zise analysierenden, sehr expliziten offenen Brief an die MilitĂ€rjunta zu schreiben, mit seinem Leben bezahlte, war nicht nur ein politisch wichtiger Journalist. Ihn und andere „Vergessene“ und „Übersehene“ (wie zum Beispiel auch Enrique Medina, dessen »Der Boxer« bei Drava eine sehr zu begrĂŒĂŸende ErstĂŒbersetzung erlebt) auch bei uns als wichtige Schriftsteller sichtbar zu machen, nachdem man sie jahrzehntelang als „Krimiautor“ oder „Kriminalreporter“ marginalisieren wollte, wĂ€re schon Grund genug, die oft gescholtene Institution des „Gastlandes“ bei der Frankfurter Buchmesse beizubehalten. Gut auch, weil man nicht nur einen besseren Überblick ĂŒber einzelne Literaturen dieses Planeten bekommt, sondern weil auch die Sortierungen von Gattungen und Genres und ihre diversen Wertigkeiten mit dem etwas weiteren Fokus nicht mehr so fest zementiert bleiben können, wie uns das gegeben erscheinen mag.

Die Wiederentdeckung und Pflege von Rodolfo Walsh, die wir vornehmlich dem ZĂŒrcher Rotpunktverlag verdanken, manifestiert sich bis jetzt in der NeuĂŒbersetzung (von Erich Hackl) des True-Crime-Klassikers »Das Massaker von San MartĂ­n. Ein Bericht«. Eine literarische Reportage aus dem Jahr 1956, also sieben Jahre vor Truman Capotes »KaltblĂŒtig«. Dazu kommt der ErzĂ€hlband »Die Augen des VerrĂ€ters«, die Kriminalgeschichten und phantastische Stories nebst einem kleinen literaturstrategischen Manifest ĂŒber die Geburt des Kriminalromans aus dem Weltkulturerbe enthĂ€lt. Ein Sampler von Walshs Non-Crime-Stories, darunter der in Lateinamerika kanonische Text »Diese Frau«, ĂŒber den Leichnam von Evita PerĂłn, ist flankierend bei Stockmann erschienen.

Vor allem die Kriminalgeschichten, hauptsĂ€chlich aus den 50er Jahren, verdienen unsere Aufmerksamkeit, weil sie in einem direkten, spĂ€ter polemischen Dialog mit dem Immer-noch-Übervater der argentinischen Literatur Jorge Luis Borges stehen. Man kann dabei schön sehen, wie Walsh das dominante Borges’sche Modell des Krimis als hochartistisches und postmodern (meta-)reflektiertes, intellektuelles RĂ€tsel abbaut. Bei Borges, nachzulesen u.a. in dem gerade bei Hanser erschienen Essay-Band »Ein ewiger Traum«, ist Kriminalliteratur in der Nachfolge von Gilbert Keith Chesterton & Co. zu denken: Als regelgeleitetes ErzĂ€hlen, bei dem die allzu starke Einmischung von RealitĂ€ten – „FingerabdrĂŒcke, Folter und Denunzierung“, wie Borges die realen „alltĂ€glichen Wege der polizeilichen Ermittlung“ schon 1935 maliziös beschreibt – nicht erwĂŒnscht ist. Borges insistiert u.a. auf einer „notwendigen Lösung“ am Ende, schlĂ€gt damit den Bogen einerseits zu seinen ratlos-bewundernden, aber letztlich ablehnenden Reflexionen zu James Joyces »Ulysses« (wo es keine „notwendige Lösung“ geben kann, au contraire) und damit zur Ablehnung einer Moderne, die sich mit den RealitĂ€ten allzu vordergrĂŒndig ins Handgemenge begibt. Eine Position ĂŒbrigens, die Borges mit Dorothy Sayers teilt, deren Verteidigung des „klassischen“ Kriminalromans gleichzeitg eine Attacke gegen die Zumutungen der Moderne sind. Wer sich ein bisschen in der Geschichte der argentinischen Literatur auskennt, wird hier das Echo der KĂ€mpfe zwischen den literarisch-Ă€sthetischen Gruppierungen „Florida“ und „Bodeo“ erkennen, als deren Protagonisten eben Borges und Victoria Ocampo auf der einen avantgardistischen, Roberto Arlt auf der anderen, eher sozial engagierten Seite standen. Walsh nun verschĂ€rft durch seine zunehmend radikaler werdende Politisierung diesen Antagonismus.

Und der reicht weit in die Jetztzeit. Auch da ist es sinnvoll, sich entlang des Parameters“Kriminalliteratur“ zu bewegen. Das ist keinesfalls eine Marotte, sondern liegt zum Beispiel den Überlegungen von Ricardo Piglia zugrunde, der den „Detektiv“ als freischwebende Intelligenz (according to Karl Mannheim) begreift, fĂŒr den ein „anti-institutionelles Element“ im „Deutungsschema“ entscheidend ist, wie man in Piglias bei Berenberg versammelten Essays »Kurzformen« nachlesen kann. Und natĂŒrlich ist die argentinische Literatur auch neben Borges und Bioy Casares (in ihren Masken als Bustos Domecq und B. SuĂĄrez Lynch) in ihren Klassikern krimi-affin. Man denke an Ernesto Sabatos »Tunnel« (Wagenbach) oder, wenn man will, sogar an ein paar Texte von Horacio Quiroga, dessen Kurzgeschichten (eine Auswahl gibt es unter dem Titel »Die Wildnis des Lebens« bei S. Fischer) ideale Beispiele fĂŒr knappes, lakonisches auf den Punkt genaues ErzĂ€hlen sind, gerade bei Sujets von Gewalt und Verbrechen. Bis heute wurde und wird das Borges’sche Krimi-Modell auf diversen Niveaus weitergeschrieben – nicht nur von Adolfo Bioy Casares und Silvina Ocampo, deren Gemeinschaftswerk »Der Hass der Liebenden« erstmals auf deutsch bei Manesse erschienen ist, sondern auch von zeitgenössischen Autoren wie Pablo de Santis (»Das RĂ€tsel von Paris«, Unionsverlag, metro) oder Guillermo MartĂ­nez (»Gewaltige Hölle. ErzĂ€hlungen«, Eichborn).

Ob die argentinische Geschichte, die an ErzĂ€hlungen von Gewalt, Mord und Verbrechen auch nicht Ă€rmer oder reicher ist als die Geschichte anderer Staaten des Subkontinents, fĂŒr eine gewisse Crime-Lastigkeit verantwortlich sein mag, oder ob das hochstehende Reflexionsniveau argentinischer Literaten zur Kriminalliteratur als jeweils genuin zeitgenössische Literatur der letzten hundert Jahre gefĂŒhrt hat: Bei den Autoren von heute ist auf jeden Fall eine Auseinandersetzung mit der Periode zu beobachten, die nicht nur Rodolfo Walshs politisch-Ă€sthetisches Programm geprĂ€gt hat. Die MilitĂ€rdiktatur und der Islas-Malvinas- resp. Falklandkrieg (gnadenlos bösartig thematisiert in dem einzigen, auf deutsch erhĂ€ltlichen Buch des großartigen Exzentrikers Fogwill: »Die unterirdische Schlacht« bei Rowohlt) scheinen als Leitthemen die Probleme des heutigen Argentiniens zu ĂŒberwölben: Wichtige BĂŒcher des jĂŒngst verstorbenen TomĂĄs Eloy MartĂ­nez (»Purgatorio«, S.Fischer), Martin CaparrĂłs (»Wir haben uns geirrt«, Berlin Verlag) oder Laura Alcoba (»Das Kaninchenhaus«, Insel) beschĂ€ftigen sich explizit mit den Nachwehen und der Aufarbeitung des Diktatur-Traumas. Allerdings ohne eine Neuauflage der sĂŒdamerikanischen SpezialitĂ€t „Diktatoren-Roman“ zu liefern. Dazu sind die Standpunkte und Blickwinkel heutzutage viel zu persönlich, ja privat und un-ideologisch, ohne deswegen unpolitisch zu sein. Und auch junge Autoren wie FĂ©lix Bruzzone, geboren im Jahr 1976 (»76«, Berenberg) suchen mit den ihnen gemĂ€ĂŸen literarischen Möglichkeiten den Zugang zur Geschichte ihrer Eltern.

Die globale Postmoderne gibt auch am Rio de la Plata den Ton vor. Das hat manchmal auch durchaus problematische Aspekte. Dann nĂ€mlich geraten Versuche, die Geschehnisse von damals mit allzu glatten globalen ErzĂ€hlschemata bewĂ€ltigen zu können. Diktatur plus schnoddriger (oder was man dafĂŒr hĂ€lt) Krimi-Stil gehen selten zusammen – Guillermo Orsis »Im Morgengrauen« (dtv) oder Marcelo Figueras‘ unplausibel verschlĂŒsseltes Werk »Der Spion der Zeit« (Nagel & Kimche) sind solche missglĂŒckten BĂŒcher, die man ohne den Kontext einer „Argentinien“-Buchmesse nicht unbedingt hĂ€tte ĂŒbersetzen mĂŒssen.

RaĂșl ArgemĂ­, von dem oben die Rede war, ist da bedeutend radikaler, weil er sich kaum an bekannte ErzĂ€hlmuster anlehnt. Und wirklich bedauerlich in diesem Zusammenhang ist, dass ein wahrlich ungeheueres Buch ĂŒber den Zusammenhang von Diktatur und „normalem“ Verbrechen nicht neu und ĂŒberarbeitet auf den Markt kommt: Juan Damontes Solitair »Ciao, Papå« (Lateinamerikaverlag), eine höllenbreughelsche Vision in dunkelschwarz.

Allerdings hat auch die Finanzkrise von 2001 und der Niedergang des Mittelstandes (da muss man Argentinien ganz und gar nicht nationalliterarisch betrachten) literarische Spuren hinterlassen. Am deutlichsten vielleicht bei Claudia Piñieros »Donnerstagswitwen« (Unionsverlag metro), ein biestiger Roman ĂŒber das Leben der Wohlhabenden nach dem Wohlstand. Dahin gehört auch die grandiose psychosomatisch orientierte Yuppie-Satire »Medizinische Autobiographie« von DamiĂĄn Tabarovsky (Berenberg) und FabiĂĄn Casas zwei widerborstige ErzĂ€hlungen »Lob der TrĂ€gheit« und »Die Panikveteranen« (Rotbuch). Immerhin liest Casas Held begeistert Comics, eine argentinische Kunstform sui generis, die leider im Getöse der Buchmesse unterzugehen droht. DafĂŒr gibt es zwar ein paar hĂŒbsche Tango-Devotionalien (Pedro Orgambide klassisches »Ein Tango fĂŒr Gardel« bei Wagenbach, und ein sehr schön gezeichnetes und getextetes Tango-Bilderbuch von Horacio Sala und dem Grafiker Lato bei C. Bertelsmann), aber von der spannenden neuen argentinischen Pop-Musik, die radikal politisch gegen die realen ZustĂ€nde anpöbelt (z.B. die Welle der Cumbia Villera), ist auf den literary pages (bis jetzt?) kaum etwas zu lesen. Obwohl es doch auch in dieser Musik wie schon im Tango um die Lyrik der Zeit geht. Um Gewalt und Verbrechen sowieso. Wobei wir wieder bei Rodolfo Walsh und dessen notwendiger Renaissance angekommen wĂ€ren.

© Thomas Wörtche, 2010 (taz, 21.09.2010)

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