„James Sallis may be the best crime writer you’ve never heard of“ begann noch im September 2011 ein Beitrag von CNN ĂŒber den amerikanischen Autor. Mittlerweile trifft diese EinschĂ€tzung kaum mehr zu, allein die Verfilmung seines Buchs „Drive“ brachte James Sallis einige Aufmerksamkeit. Geboren am 21. Dezember 1944 in Helena, Arkansas schreibt James Sallis seit ĂŒber 40 Jahren nicht nur Romane, sondern auch Gedichte, Essays, Kritiken und Biographien u.a. ĂŒber Chester Himes, Jim Thompson und David Goodis. Er hat eine Ausbildung zum Atemtherapeuten gemacht und auf Intensivstationen gearbeitet, er unterrichtet Creative Writing und ist mit dem Banjo und seiner Band „Three-legged dog“ unterwegs, lebte in New York, Boston und London und hat sich seit 1995 in Phoenix, Arizona niedergelassen.

Vergangenheit, Schuld und Einsamkeit
In seinen Romanen erzĂ€hlt James Sallis von einsamen MĂ€nnern, von Außenseitern der Gesellschaft. In seinem ersten Kriminalroman steht der afro-amerikanische Privatdetektiv Lew Griffin im Mittelpunkt, der in New Orleans nach vermissten Personen – oft Kinder –sucht. Außerdem ist Griffin ein Autor, daher geht es in den Romanen auch um das ErzĂ€hlen und die Literatur. Nachdem Lew Griffin sich beispielsweise die Frage gestellt hat, wie viel Dylan Thomas trinken musste, um am Suff zu sterben, sinniert er betrunken ĂŒber Kakerlaken, die „die wahren Herren von New Orleans (sind). Unser ganzer Stolz, unsre eigentliche raison d`etre“ und entwickelt seine Überlegungen zu New Orleans. In seinen Ermittlungen folgt er nicht eindeutigen Hinweisen, sondern mehr Ahnungen und Beobachtungen, entsprechend ist „The Long-Legged Fly“ („Die langbeinige Fliege“; „Stiller Zorn“) nicht geradlinig erzĂ€hlt, sondern verwoben, verdichtet und verrĂ€tselt.

Den verlorenen MĂ€nnern bleibt Sallis in seinen BĂŒchern treu. In seiner Turner-Trilogie ist es der Cop Turner, der sich in Cypress Grove niedergelassen hat. Zu Beginn des ersten Teils, „Dunkle Schuld“, sitzt er auf der Veranda seines Hauses im Hinterland von Memphis. Ein Mann kommt hinzu, sie sitzen schweigend zusammen, dann fasst Turner seine Existenz zusammen: „Ich war ein Bulle. Habe elf Jahre im GefĂ€ngnis verbracht. Habe einige Jahre mehr als nĂŒtzlicher BĂŒrger verbracht. Dann habe ich mich zur Ruhe gesetzt und bin hergekommen.“ Mit vier SĂ€tzen ist Turner charakterisiert, dann beginnt die Handlung: Der örtliche Sheriff braucht Hilfe bei einem Tötungsdelikt, zugleich erzĂ€hlen rĂŒckblickende Kapitel von Turners Vergangenheit. Durch die Ermittlungen findet Turner einen Weg zurĂŒck in die Gesellschaft, jedoch sind mit dieser RĂŒckkehr weitere Verluste verbunden, denen er zum Trotz weiterzuleben versucht. Bei Sallis stehen nicht die KriminalfĂ€lle im Mittepunkt, sondern die Frage, wie ein Mensch mit all dem Leid und der Schuld weiterleben kann. Deshalb sind seine Charaktere Hauptantrieb der Handlung und des Schreibens. Oftmals lassen sie ihn am Ende eines Buches nicht los, daher hat er sechs Teile mit Lew Griffin, drei mit Turner und zwei ĂŒber Driver geschrieben, den namenlosen Stuntfahrer, der sich mit den falschen Leuten anlegt. Es gebe immer etwas, was er ĂŒber sie noch erfahren will, sagte er im Interview. Deshalb erkundet er die dunklen Stellen seiner Protagonisten und unserer Existenz, „die Kanten, die Grenzen, (
) die RĂ€nder dessen, was wir denken und wissen.“

ErzÀhlweise und Plots
In nebeneinandergestellten, kurzen und kunstvoll montierten Szenen erforscht James Sallis die undringlichen Motiven und Verhaltensweisen seiner Protagonisten. Es wĂŒrde zu kurz greifen, seinen ErzĂ€hlstil als knapp zu bezeichnen. Jeder Dialog ist auf den Punkt gebracht, mit jeder Nebenfigur ist eine Geschichte verbunden. Dabei interessieren James Sallis keine ErklĂ€rungen, Deutungen oder Einordnungen, sondern er lĂ€sst die Handlung fast organisch entstehen. „Ich gehe immer nach meinem BauchgefĂŒhl, improvisiere – stelle nicht zusammen, wĂ€hrend ich vorangehe, sondern finde.“
Dennoch sind die Plots in seinen BĂŒchern sehr raffiniert. „Driver“ endet mit einem Blick in die Zukunft: „Driver war noch weit vom Ende entfernt. Es dauerte Jahre, bevor er um drei Uhr an einem klaren Morgen in einer Bar in Tijuana zu Boden ging, bevor Manny Gilden sein Leben verfilmte. Bis dahin wĂŒrde es noch weitere Morde geben, andere Leichen.“ Zum Erscheinungstermin von „Driver 2“ war nun das Leben Drivers tatsĂ€chlich verfilmt worden – von Nicolas Winding Refn – und James Sallis baut seine Handlung in dem zweiten Roman auf diesem Absatz auf. Meisterhaft sind in „Der Killer stirbt“ die drei HandlungsstrĂ€nge um einen sterbenden Killer, der einen letzten Auftrag zu erfĂŒllen hat, einen Polizisten, der seine Frau pflegt, und einen Teenager, der sein Leben ohne seine Eltern bestreitet, verwoben. Außerdem können bei James Sallis einzelne Worte eine besondere Bedeutung entfalten, so wird „sollte“ bereits von dem Protagonisten in „Deine Augen hat der Tod“ – einem Ex-Agenten – als gefĂ€hrliches Wort bezeichnet. „Viele der grĂ¶ĂŸten Übel der Welt, so scheint es mir, lassen sich von dem „sollte” ableiten, entweder solchen „sollte”, die aus der Religion, Politik, sozialen Theorie entstammen, oder einfach der alltĂ€glichen Intoleranz. „Sollte” schließt den Geist kurz, verbietet Gedanken, verbietet (vielleicht das wichtigste) unsere Versuche uns mit anderen zu identifizieren. Und es sind diese verzweifelten SprĂŒnge aus dem KĂ€fig unserer eigenen Geistes, durch die wir am menschlichsten werden.“

Beim Schreiben folgt James Sallis zwei Hauptprinzipien: „Zum einen haben wir von Tschechow gelernt, dass das prĂ€zise und aufschlussreiche Detail einen ganzen Absatz ersetzen kann und dass wir den Leser nicht als passiven Beobachter, sondern als Sammler mit einbinden sollten. Zum anderen, das erzĂ€hle ich immer meinen Studenten, ist Schreiben von Anfang bis Ende ein Kampf gegen Klischees. Nicht nur gegen sprachliche Klischees, sondern auch im Plot, der Charaktere, VorfĂ€lle und erzĂ€hlerischer Wahlmöglichkeiten. Man sollte sich immer bemĂŒhen, den Leser zu ĂŒberraschen, es interessant zu machen. Es gibt tatsĂ€chlich einige Seiten in meinen BĂŒchern, die so viel „plot” wie andere Romane haben. Dennoch habe ich viele der ĂŒblichen Wege, eine Geschichte zu erzĂ€hlen, zurĂŒckgewiesen und stattdessen frischere, interessantere Wegen gewĂ€hlt.“ Daher berĂŒhren sich die drei HandlungsstrĂ€nge in „Der Killer stirbt“ lange Zeit nicht oder steht der RaubĂŒberfall bei „Drive“ am Anfang des Buchs.

In Sallis Romanen geht es immer wieder um existentialistische Fragen, obwohl Sallis selbst mit dem Wort Schwierigkeiten hat: „Existenzialismus ist – wie Jazz und noir – ein Wort, das so ĂŒbergeanstrengt wurde, das es als Topos verbraucht ist. Aber sein Kern enthĂ€lt die Vorstellung, dass das Leben, das Sein ohne wesentliche Bedeutung, ist, was wir daraus machen. Und vieles was wir daraus machen – was wir aus uns selbst machen – hĂ€ngt mit Geschichten zusammen. Die Geschichten, die uns unsere Gesellschaft erzĂ€hlt, die Geschichten, die wir akzeptieren oder zurĂŒckweisen, die Geschichten, die wir uns selbst erzĂ€hlen.“ Und in diese Geschichten, die James Sallis in seinen Romanen erzĂ€hlt, stellen sich seine Figuren ungeachtet ihrer Verfehlungen und Erfahrungen auf die moralische Seite der Gesellschaft; deshalb will Griffin die Verschwundenen finden, versucht Turner, die wahren Schuldigen zu ĂŒberfĂŒhren und wagt Driver alles fĂŒr seine Freiheit. Ihre Vorhaben fĂŒhren zu einem romantischen Kern in Sallis‘ Romanen, der inmitten der dĂŒsteren RĂ€nder leicht zu ĂŒbersehen ist. „Bin ich ein Romantiker? Oh ja. Die Welt ist ein herzzerreißender Platz, herzzerreißend in ihrer Schönheit wie in ihrer unerklĂ€rlichen, unpersönlichen Gewalt.“ Deshalb heißt es am Ende von „Driver 2“ einfach nur: „Er schaltete das Radio ein. Er lĂ€chelte. Er fuhr.“ – wohlwissend, dass ihm seine Verfolger dicht auf der Spur sind.

Sonja Hartl (c) 07/2015

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