Malet ist der Erfinder des Polar

Im großen Bestiarium der Kriminalliteratur ist Léo Malet mit der Dronte vergleichbar: Ein merkwürdiger Vogel, über den wilde und seltsame Geschichten im Umlauf sind. Auch über Malets Existenz besteht eine gewisse Unklarheit. Viele kennen ihn überhaupt nicht, für sie ist es gleich, ob die Dronte – oder Malet – ausgestorben ist oder noch in einem versteckten Winkel der Erde überlebt hat.

Im deutschsprachigen Raum verbreitete Standardwerke wissen nichts über Léo Malet: Weder bei Jochen Vogt („Der Kriminalroman I + II“) noch bei Julian Symons („Am Anfang war der Mord“) oder bei Jochen Schmidt („Gangster, Opfer, Detektive“) kommt er vor. Auch große internationale Kompendien wie Ashleys „Encyclopedia of Modern Crime Fiction“ kennen keinen Autor diesen Namens. Andererseits: Fast jeder Leser von Kriminalliteratur hat den Namen des Detektivs, den Malet erfunden hat, schon einmal gehört. Nestor Burma, da klingelt doch was. War das nicht der Detektiv, der in jedem Arrondissement von Paris einen Fall löste?

Nur auf einem kleinen Flecken der kriminalliterarischen Landkarte wird Léo Malet verehrt: in Frankreich. Zu recht denkt man an ein widerständiges Dorf in Gallien. Aber auch dort ist die Verehrung beschränkt auf den kleinen Kreis von Kennern und Liebhabern der schwarzen Literatur.

Unter denen allerdings gilt er als der Größte, einigen sogar als der Einzige. So deklarierte der Autor und Theoretiker Jean-Patrick Manchette 1979: „Der französische Polar [im Französischen generell für: Kriminalroman, bei Manchette enger: roman noir in der Hard-boiled-Tradition, TG] beginnt mit Léo Malet. Dieser Mann für sich allein verkörpert die erste Epoche des französischen Polars.“

Im Zuge der Rückbesinnung auf sozialkritische und revolutionäre Traditionen der französischen Kriminalliteratur, in der Manchette selbst maßgeblich an der Schaffung des „Néo-Polar“ beteiligt war, wurde auch ihr Begründer und Antipode Léo Malet wiederentdeckt. Noch heute, rund siebzig Jahre nach dem Erscheinen des ersten Nestor-Burma- Romans 120, rue de la gare (1943), hält François Guérif, einer der wichtigsten Herausgeber, Kritiker und Kenner von Kriminalliteratur und -film in Frankreich, fest: „Vergessen wir nicht Malet (…) Er ist höchstwahrscheinlich der Erfinder des französischen Roman Noir.“ („Du polar, entretiens aved Philippe Blanchet“, S. 89) Und Manchette setzte noch einen drauf, als er Malet als „einen der beiden großen französischen Polar-Schreiber (der andere ist Simenon)“ bezeichnete – wobei ihm sicher allzu bewusst war, dass Simenon aus Belgien stammte.

Stoff fĂĽr viele BĂĽcher

Das Leben ist zum Kotzen. Der Titel klingt nach rüder Provokation und pubertärem Erstlingswerk. Doch als dieser erste Roman der später „Trilogie Noire“ genannten Reihe 1948 erschien, war Léo Malet längst ein erfahrener Autor, der durch eine harte Schule des Lebens gegangen war.

Léo Malet wurde 1909 in einem Vorort von Montpellier geboren und war bereits mit drei Jahren Vollwaise. Seine Eltern (der Vater war kaufmännischer Angestellter, die Mutter Schneiderin) und sein jüngerer Bruder Marcel starben an Tuberkulose. Malet wurde von seinem autodidaktisch gebildeten Großvater Omer Refreger erzogen, der ihn früh Lesen und Autonomie lehrte. Malet ehrte seinen homerischen Erzieher, indem er seinen Namen mehrfach als Pseudonym verwendete, und auch „Jean Fraiger“, der Name des Protagonisten von Das Leben ist zum Kotzen, klingt an Refreger an.

Mit sechzehn wird der Banklehrling Malet von seinen Chefs gemaßregelt, weil er in seiner Freizeit anarchistische Schriften vertreibt. Malet schmeißt hin und haut ab nach Paris, schließt sich dort den Anarchisten und speziell dem verehrten 6 anarchistischen Literaten André Colomer an und verdient ein wenig Geld als jüngster Chansonnier der Metropole. Auf diesen Lebensabschnitt wird sich später der zweite Roman der Trilogie Die Sonne scheint nicht für uns beziehen. Malet schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch, wird wegen Landstreicherei eingesperrt, gründet mit seiner Lebensgefährtin (und seit 1940 Ehefrau) Pauline Doucet das Kabarett „Poète Pendu“ (Der gehenkte Dichter) und wird in den elitären Zirkel der Surrealisten aufgenommen. Deren spiritus rector André Breton mag Malets Gedichte. Malet veröffentlicht zwei Lyrikbände, erweitert das künstlerische Repertoire der Surrealisten um die »Decollage« 7 und stellt sich 1935 bei der politischen Spaltung der surrealistischen Bewegung auf die antistalinistische Seite. (vgl. Andy Breton, Die Manifeste des Surrealismus. Malet ist Mitunterzeichner der Abrechnung von 1935 „Als die Surrealisten noch Recht hatten“) Nach der Ermordung von Trotzkis Sekretär Rudolf Klement, dem er ein Zimmer in seiner Wohnung als klandestines Büro zur Verfügung gestellt hatte, erbt er dessen Schreibmaschine, von Salvador Dalí übernimmt er einen Eichenschreibtisch.

Vervollständigt wird die Erziehung des zukünftigen Romanciers durch die kurzzeitige Verhaftung als Aufrührer durch französische Behörden und – nach der Freilassung – durch die deutsche Besatzungsarmee als Kriegsgefangener, obwohl Malet dienstuntauglich und daher Zivilist war. So lernt Malet Deutschland kennen: Von 1940 bis 1941 ist er achtzehn Monate im Stammlager XB bei Sandbostel interniert. Durch die Hilfe des Arztes Robert Desmond, dem Malet seinen ersten Roman mit dem Helden „Dynamit-Burma“ widmet, kommt er frei und widmet sich in den folgenden zwanzig Jahren seiner „wahren Berufung“, dem Schreiben von Kriminalromanen. Zunächst passt er sich den Bedingungen der Besatzung an und schreibt, wie damals gang und gäbe, unter dem englischen Pseudonym Frank Harding (zu dem etliche andere kommen werden) gegen den Mangel an angelsächsischer Importliteratur an: Johnny Metal. (vgl. Malet, Stoff für viele Leben. Es heißt, Malet habe mehr als fünfzig Kriminalromane verasst. Aufgrund mangelnder bibliografischer Erschließung kann man nur schützen: unter diversen Pseudonymen hat er mindestens zehn Titel publiziert. „Metal“ ist ein Anagramm von Malet) Hammett und Hemingway sind Lehrer für knappe Sätze und rabiate Handlung.

Die Trilogie Noire: Besinnungspause nach Kriegsende

Doch dann geht es Schlag auf Schlag. Malet wendet das aus den USA importierte Gelernte auf sein Lebensumfeld an. Von 1943 bis 1948 schreibt er rasch sechs Romane mit dem Pri-vatdetektiv Nestor Burma und seiner schon seit der Vorkriegszeit bestehenden Agentur Fiat Lux. Der französische Polar ist geboren. Ein französischer Privatdetektiv operiert nach amerikanischem Muster in Frankreich unter deutscher Besatzung. Eine absurdere und schwärzere Ausgangssituation für einen roman noir ist schwerlich denkbar.

Es ist zugleich die Literatur eines Davongekommenen. 120, rue de la Gare beginnt in der Gefangenschaft. Wie sein Erfinder Malet befindet sich Nestor Burma im StaLag, wo ihm ein namenloser Mann im Sterben die titelgebende Pariser Adresse zuraunt. „Seine Stärke und sein Talent sind, daß Malet der Form des Polars sogleich einen typisch französischen Inhalt verpaßt, unter dem doppelten Einfluß seiner Erfahrung als Pariser Vagabund und als deklassierter und rebellischer Intellektueller. Seine Lieblingswaffe, ›der automatische Revolver, Kaliber 7.35‹, ist eine phantastische Waffe von unerhörtem Kaliber.“ (Jean-Patrick Manchette, Chroniques. S. 67f. Das Kaliber 7.35 existiert nicht. Ebenso wenig wie die Erstschlagwaffe „Primamata“, mit der Jean Fraiger mordet.) Der Weg ist offen für sehr spezielle Abenteuer der Phantasie.

Doch bevor er mit Nestor Burma richtig loslegt, verfasst Malet die Schwarze Trilogie. In seiner Autobiografie gibt er sich lässig. Angeblich wollte er es nur mal mit einem »pechschwarzen« Roman versuchen, um Erfolg zu haben. „Ich hatte keine besonderen Ambitionen, als ich diese Romane schrieb, ich wollte nur Gefühle oder Gedanken ausdrücken, die mich schon lange beschäftigten.“ Im Rückblick stellt sich die Sache anders dar. Die drei Romane der Trilogie Noire bilden chronologisch wie inhaltlich und werkbiografisch ein Gelenkstück zwischen der ersten kurzen Phase des Experimentierens mit dem Genre während der Besatzungszeit und den Nouveaux Mystères de Paris, die Malets Ruhm begründeten und seine Bedeutung in der internationalen Kriminalliteratur ausmachen. Um dieses grandios verspielte Konvolut von Metropolen-Epos, Detektiv-Spiel und Soziogramm einer untergegangenen Epoche schaffen zu können, musste Malet erst einmal aufräumen.

Biografisch, politisch und ästhetisch sind die Romane der Schwarzen Trilogie, zusammen mit dem historischen Noir Der letzte Zug von Austerlitz (La dernier train d’Austerlizt), Dokumente einer Neubestimmung des Standorts nach dem Krieg. Waren nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus die politischen Ideen der Vorkriegszeit noch realitätstauglich? Konnte nach Chaos, Willkür und Befreiung noch guten Gewissens eine populäre Literatur verfasst werden, die von der Wiederherstellung der Ordnung und einem Sieg der Vernunft handelte?

Malets Antwort war die Trilogie Noire. Ihre Helden sind Deklassierte, Außenseiter, verzweifelte Verbrecher, deren individueller Untergang noch einmal die Frage aufwirft, die André Colomer in seinen Schriften gestellt hatte: Wer ist schuldig? Die Gesellschaft oder der Bandit? In allen drei Romanen wird der Ich-Erzähler getötet. Im ersten wird er beim Angriff auf eine Polizeiwache erschossen, im zweiten endet er als jüngster Mensch, der je in Frankreich guillotiniert wurde, und im dritten stirbt er, zuvor der meistgesuchte Staats- feind, den sozialen Tod der Kapitulation vor der Staatsgewalt. Der Untergang der Protagonisten ist auch der Untergang ihrer Hoffnungen, auf Befreiung, auf Solidarität und Liebe. Zurecht wurden die drei Romane im Nachhinein als „noir“ angesehen, nicht im Sinne einer filmisch ästhetischen Mode, sondern als Ausdruck einer tief pessimistischen, skeptischen, ja misanthropischen Weltsicht, die literarisch in der Kriminalliteratur völlig neu war.

Geschrieben wurden die drei Bände 1947, 1948 und 1949, die ersten beiden, Das Leben ist zum Kotzen und Die Sonne scheint nicht für uns, erschienen kurz nacheinander, der dritte, Angst im Bauch, erschien erst zwanzig Jahre nach Beendung des Manuskripts, während der ersten Wiederentdeckungswelle Malets in Frankreich. Nach Abschluss der Trilogie schwieg Malet, von zwei weiteren Burma-Romanen im alten Stil abgesehen, bis 1954.

Dann wurde, im März dieses Jahres, der Vertrag zu den Nouveaux Mystères de Paris geschlossen, im Dezember erschien der erste Band. (Lacassin, Sous le Masque de Léo Malet: Nestor Burma) Geplant war, dass Nestor Burma in jedem der zwanzig Pariser Arrondissements einen Fall löst, fünfzehn davon wurden realisiert. Malet knüpft damit an große Vorgänger des 19. Jahrhunderts an: Eugène Sue (dessen Serienroman Les Mystères de Paris eine der großen Inspirationsquellen insbesondere für ethnographisch orientierte Kriminalliteratur ist), Baudelaire, Balzac, Zola. Malet führt darin so unterschiedliche Tendenzen wie die des phantastischen Abenteurer-Verbrechers Fantômas (Malet hatte alle Filme von Louis Feuillade gesehen) und seines surrealistischen Kollegen Aragon ( Le Paysan de Paris ) zu einer neuen Art von Großstadt-Epos zusammen, die zahllose Autoren inspirierte.

Lacenaire: Leben zum Tod

Das Motto, das Malet Das Leben ist zum Kotzen, dem ersten Roman der Trilogie Noire, voranstellt, gibt Leitmotiv und Struktur vor: „Von da an war mein Leben ein langer Selbstmord.“ Und zitiert damit einen gewissen Lacenaire. 1948 war dieser Lacenaire zumindest dem interessierten Publikum nicht unbekannt.

Pierre-François Lacenaire war ein 1836 hingerichteter Raubmörder. Als eine der Hauptfiguren in Marcel Carnés 1945 uraufgeführtem und viel beachteten Film Die Kinder des Olymp war er wieder ins kollektive Bewusstsein gerückt. Lacenaire war ein „poète-assassin“. Das faszinierte den Dichter Malet, der nach eigenen Angaben zeitweilig mit dem Gedanken gespielt hatte, zur Waffe zu greifen. Darüber hinaus war Malet seit Jahren mit dem Thema vertraut: Carnés Drehbuchautor Jacques Prévert war ein Freund, Nachbar und Trauzeuge Malets.

Lacenaire war kein Verbrecher aus verlorener Ehre wie bei Schiller, sondern ein modernerer Übeltäter. Er sah sich als Opfer des Kapitalismus, der seine wohlhabende Familie ruiniert hatte. Der depravierte Bourgeois raubte, entführte und mordete aus Verachtung, er war vielleicht der erste Verbrecher aus Ekel an der Gesellschaft. Bevor er hingerichtet wurde, verfasste er im Gefängnis seine Memoiren. Seine Lieder wurden Schlager. Das „monstre bourgeois“ war eine Massenattraktion. Ganz anders geht es seinem Nachfolger Jean Fraiger. Wie aus den Pressemeldungen am Ende des Romans hervorgeht, ist der vorausgehende, in Ich-Form verfasste Haupttext ein „ausführliches Bekenntnis“, das bei der Leiche des „Killers“ entdeckt wurde. Selbst der fragwürdige Ruhm des Vorgängers bleibt dem Nachfolger versagt.

Jean Fraiger ist unverkennbar ein Alter Ego Malets: Jean ist sein zweiter Vorname, Refreger war der seines Großvaters, beide sind Waisen. Doch sind dies nur Ähnlichkeiten. Malets Roman ist, das Spiel mit Realitäten eingeschlossen, eine phantastische Reise in die Grenzgebiete zum Tod, eine Reise im Frieden, nachdem die Todesgefahr überstanden ist.

Anarchist/Surrealist

In der Zwischenkriegszeit, in der Malet groß wurde, war der Anarchismus eine massenhafte Bewegung. Dass ein aufgeweckter und belesener Lehrling Zeitschriften wie L’Insurgé (Der Aufständische) verkaufte, war so außergewöhnlich nicht. Ein linker Individualist wie Malet, dem die Massenorganisationen der Gewerkschaften und Kommunistischen Partei fremd waren, konnte seinen Freiheitswillen nur libertär verwirklichen. Aber er war nicht allein.

Die Geschichte Jean Fraigers in Das Leben ist zum Kotzen ist auf der ersten Ebene eine Blitzabrechnung mit der Idee der direkten Aktion, mit der der „selektive Anarchist“ (Michelle Emanuel, From surrealism to less-exquisite cadavers, Léo Malet and the evolution of the French Roman Noir, S. 86) Malet kurzzeitig gespielt hatte. Inzwischen lehnte er sie ab, erkannte aber im Dichter-Mörder Lacenaire oder in der Bonnot-Bande, die unter anarchistischer Fahne 1911 den ersten Raubüberfall per Automobil in Europa verübte, charismatische Rollenmodelle. Diese „anarchistes expropriateurs“ waren in Liedern, Filmen und Sensationsgeschichten Bestandteil der Folklore einer „vorstädtischen Subkultur“ (Horst Stowasser, Anarchie, S. 319), der sich auch Malet mit seinen Romanen angehörig fühlte. Sein Konzept war ja die schockartige Konfrontation von hoch und niedrig, Argot und subtiler literarischer Anspielung, Eleganz und Rüpelei.

„Die tragischen Banditen waren eine literarische Falle!“, resümiert Malet im Rückblick (ders. Stoff für viele Leben). Aber sie verkörperten „doch eine spezielle Art der Revolte, die von einer Hoffnung ausging. Wenn jedoch der Illegalismus lediglich darin besteht, aus ideologischen Gründen einen Geldboten oder eine Bank zu überfallen und dann zwanzig Jahre lang hinter Gittern zu sitzen, ist das vielleicht nicht der beste Weg, seine Individualität zu beweisen.“ (ebd.)

Fraigers langsamer Selbstmord führt über die Etappen Raub aus Solidarität, Mord aus vermeintlicher Notwehr (unwillentlich am Vater seiner imaginierten Geliebten Gloria) zu kometenhaftem Glanz als Verbrecher und Volksheld zum Absturz: Prostituiertenmörder, Vergewaltiger, Geiselnehmer. Diese Story ließe sich auch moralisierend-schaudernd als Moritat erzählen, als Lehrstück vom missverstandenen oder irregeleiteten Individualismus.

Malet, mit den Wassern des Surrealismus gewaschen, wählt jedoch die Ich-Perspektive, es ist die des schwarzen Humors. Im Vorwort zu seiner berühmten Anthologie zitiert Malets Vorbild André Breton Freud: „Das Großartige [am Humor, TG] liegt offenbar im Triumph des Narzißmus, in der siegreich behaupteten Unverletzlichkeit des Ichs. Das Ich verweigert es, sich durch die Veranlassungen aus der Realität kränken, zum Leiden nötigen zu lassen, es beharrt dabei, daß ihm die Traumen der Außenwelt nicht nahegehen können, ja es zeigt, daß sie ihm nur Anlässe zu Lustgewinn sind.“ (André Breton, Anthologie des Schwarzen Humors. S. 18.; Sigmund Freud, Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten, S. 254) Der erste Teil von Das Leben ist zum Kotzen ist ein einziger Triumphzug dieser „siegreich behaupteten Unverletzlichkeit des Ichs“ über die beschissene Realität. Je heftiger allerdings das vermeintlich unverletzliche Ich mit der Realität kollidiert, desto weniger klingt die bis zum Erbrechen wiederholte Formel vom Leben, das zum Kotzen ist, nach der anarchistischen Arroganz des sich überlegen fühlenden Einzelgängers. Als Fraiger seinen verletzten Komplizen Marcel erledigt, klingt sie schon sehr nach dem exkulpatorischen „Da kann man nichts machen“, das Malet als Rechtfertigung aller Sorten von Mitläufern nur allzu bekannt war. „Das Leben ist eben zum Kotzen. Es hat seine Zwänge.“

Das Leben ist zum Kotzen ist als (Kriminal-)Roman revolutionär. Er endet weder mit dem Triumph des Verbrechers, der nach Überlistung seiner Feinde und dummen Mitganoven zum nächsten Coup davonzieht, noch mit dem Triumph der Staatsmacht: Die darf nicht einmal erklären, was geschehen ist – Fraiger hat es mit Hilfe des Psychotherapeuten Clapas längst getan. „Bei Malet wie bei Sade ist die Ordnung das Böse. Und man kann dem Bösen nur entkommen, indem man Böses tut. Diese Fatalität verarbeitet Malet mit seiner Erfahrung der Anarchie: Es gibt nur zwei Menschenkategorien. Die Sklaven der sozialen Ordnung. Und die Rebellen gegen diese Ordnung: Aber die werden in jedem Fall von ihr zermalmt.“ (Lacassin, S. 142)

Auch das berauschende Spiel mit der Gewalt fällt nach den Erfahrungen von Krieg und Holocaust nicht mehr so leicht. Fraiger liquidiert kaltblütig: aus Notwehr, aus dem Zwang, Zeugen zu beseitigen, aus Menschenhass, aus Frauenhass, aus Verachtung. Dann kann er nicht mehr. Mit der Darstellung seines Niedergangs greift der Erzähler Malet den Überlegungen des Philosophen Albert Camus voraus, der nur wenige Jahre später grundsätzlicher mit der ästhetizistischen Leichtfertigkeit abrechnet, die sich die Surrealisten einst auf die Fahnen geschrieben hatten. Camus: „Das ist das Wort, das André Breton seit 1933 bereuen muß, die einfachste surrealistische Tat bestehe darin, mit dem Revolver in der Hand auf die Straße zu gehen und blindlings in die Menge zu schießen. Wer jede andere Determination ablehnt, außer der des Individuums und seiner Begierden, und jeden Vorrang, außer dem des Unbewußten, dem steht es in der Tat zu, gleichzeitig gegen die Gesellschaft und die Vernunft zu revoltieren. Die Theorie der grund- und zwecklosen Handlung krönt die Forderung nach absoluter Freiheit. Was tut es, wenn diese Freiheit am Schluß in der Einsamkeit aufgeht, von der Jarry sagt: ›Wenn ich alles Geld zusammengerafft habe, werde ich alle töten und meines Weges gehen.‹“ (Camus, Der Mansch in der Revolte, S. 111) Diese letzte Ausflucht hat Malet seinem kastrierten Alter Ego versperrt.

Tristan als Vampir

Den zweiten Roman der Trilogie Noire Die Sonne scheint nicht für uns hat Malet im Untertitel einen „roman doux“ genannt, einen zarten, einen Liebesroman. In seiner Autobiografie hebt er hervor, in Das Leben ist zum Kotzen habe er „versucht, einen gewaltigen und brutalen Schrei nach Liebe auszustoßen, denn dieses Buch ist letztlich (…) eine verzweifelte Suche nach dem affektiven Absoluten“. Auch für den heutigen Leser ist Fraigers Verzweiflung nachvollziehbar, die Symbolwelt, derer sich Malet, in sexualibus doch eher ein Mann des langen 19. Jahrhunderts, bedient, hingegen kaum. Das frauenfeindliche Ressentiment übertönt alles, Fraigers Pendlertum zwischen Heiligenverehrung und Hurenverachtung ist heute unfreiwillig komisch. Die Darstellung der Liebe zwischen dem Buckligen und Gisèle ist dominiert vom Horror vor erfüllter Sexualität. Die Bildwelt scheint inspiriert von Charles Baudelaires „Verwandlungen des Vampirs“ (Baudelaire, Die Blumen des Bösen) . Die Andeutung einer nekrophilen Disposition Fraigers unterstreicht die Todessehnsucht dieses Tristan der Vorstädte. Im Kontext der vulgarisierten Rezeption von Psychoanalyse (Mutterverlust, sexuelle, emotionale, politische Kastration), die der freudianische Detektiv (so sieht es Malet in seiner Autobiographie) Clapas seinem Geiselnehmer verklickert, haben Fraigers Misogynie und Nekrophilie noch eine gewisse Plausibilität. Aber dem Leser, der Leserin von heute stößt die Abwesenheit jeder Art von Humor doch auf. Der Revolver als Penisersatz – 2015 zündet das weder als Joke noch als Erkenntnisblitz.

Ich hätte so gerne gelebt

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Léo Malet und Jim Thompson einander gelesen haben. Umso bemerkenswerter ist die transatlantische Koinzidenz, dass der Amerikaner nur wenige Jahre nach dem Erscheinen von Das Leben ist zum Kotzen einen Roman veröffentlichte, in dem die Idee eines psychopathischen bzw. psychisch gestörten Mörders, die Malet eher andeutet als ausführt, mit größerer Radikalität realisiert wurde: The Killer Inside Me erschien 1952. Der Ich- Erzähler dort ist ein Sheriff, der unter der Maske des devot- wohlwollenden Dorfpatriarchen seinen Größenwahn durch Betrug, Vergewaltigung und Mord füttert, bis er sich während eines zwischen Wahn und Selbsterkenntnis changierenden Monologs selbst tötet.

Auch dies ein Schrei nach Liebe, auch dies eine schrille, aufrĂĽttelnde Klage gegen hermetisch verlogene BĂĽrgerlichkeit. Es lag in der Zeit. So musste geschrieben werden, um der Verzweiflung Ausdruck zu verleihen. Thompson wie Malet waren Hellseher. Sie sahen schwarz.

Fraigers letzter Satz „Ich hätte so gerne gelebt“ ist der Schrei eines Mannes, der keine Chance hatte. Malet schon – er nutzte sie, zunächst für zwei weitere schwarze Romane, dann für den „détective de choc“ und Wirbelwind Nestor Burma.

(c) Tobias Gohlis, 2015

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