Getreu der auteur-Theorie hat sich die Reihe zu Orson Welles und dem Film noir bisher auf die Filme beschrĂ€nkt, bei denen er Regie gefĂŒhrt hat. Jedoch erscheint sie ohne den Film unvollstĂ€ndig, den er trotz einer Leinwandzeit von ungefĂ€hr 17 Minuten beherrscht wie kein anderer. Im Jahr 2012 zum besten britischen Film aller Zeiten gewĂ€hlt, zeigt „The Third Man“ zum einen die Macht des Schauspielers Welles‘ und zum anderen erlaubt er erste Einblicke in den britischen Film noir.

Lime is a shade of green – Welles und „Der dritte Mann“
Mit nur wenigen Bildern macht Carol Reeds „The Third Man“ am Anfang deutlich, dass die alte Weltordnung nicht mehr stimmt: Erinnern die ersten Bilder vom Stephansdom und der DenkmĂ€ler an das alte Wien, folgt die Aufnahme eines SchwarzmarkthĂ€ndlers, der laut Off-Kommentar (in der europĂ€ischen Version von Regisseur Carol Reed, in der amerikanischen mit leicht verĂ€nderten Worten von Martins-Darsteller Joseph Cotton) alles verkauft, was verkauft werden kann. Darauf folgt ein Bild einer Leiche in der Donau, „a situation like this does tempt damages“, kommentiert die Stimme zynisch, dieser Mann sei wohl kein Profi gewesen. Danach fĂ€hrt sie fort, die Situation in Wien zu beschreiben: Die Stadt ist aufgeteilt zwischen vier MĂ€chten, die jeweils eine Zone haben sowie gemeinsam die internationale Zone im Zentrum verwalten. Es folgen Bilder zerbombter GebĂ€ude, dann kommt auch schon Holly Martins mit dem Zug an, „happy as a lurk“, eingeladen von seinem Freund Harry Lime, der ihm einen Job anbieten wollte. Jedoch muss er erfahren, dass Harry Lime tot ist – und fortan wird Martins versuchen, den Unfalltod seines Freundes aufzuklĂ€ren, seinen Namen reinzuwaschen und den „dritten Mann“ zu jagen.

Das Licht und der Ton, die Mise en ScĂšne, die KamerafĂŒhrung, die Charaktere und die allgegenwĂ€rtige Korruption reprĂ€sentieren die Spannung und Isolation des Nachkriegs-Wien, sie reflektieren die Trostlosigkeit, die Angst und Zerstörung des Krieges. In diesen Ruinen und TrĂŒmmern entwickelt sich in durch Scheinwerfer effektvoll aufgehellten Nachtszenen ein Versteckspiel, in dem sich alles um Harry Lime dreht. Bis zu Minute 65 ist er nicht zu sehen, dennoch ist er der Drehpunkt der Handlung. Als Holly Martins sich dann von Harrys Freundin Anna (Alida Valli) verabschiedet und ihr Haus verlĂ€sst, sind ein paar Schuhe in einem gegenĂŒberliegenden Hauseingang zu sehen, an denen sich eine Katze reibt. In einem trunkenen Fall von Mut schreit Martins diesen Mann an, er solle sich zeigen. Eine Anwohnerin empört sich ĂŒber den LĂ€rm, schaltet das Licht in ihrer Wohnung an – und wie ein Knall wird das Gesicht des Mannes in der berĂŒhmtesten Szene des Films enthĂŒllt: Es ist Harry Lime, verkörpert von Orson Welles. Er schaut hoch zu dem Licht, dann zu Martins und lĂ€chelt. Dieses LĂ€cheln kann alles bedeuten, es ist unbekĂŒmmert, freundlich, ĂŒberrascht, gerissen und traurig, vor allem aber rĂ€tselhaft. Dann kreuzt ein Wagen die Straße, die zwischen Martins und Lime ist – und schon ist Lime nur ein Schatten, der durch die nĂ€chtlichen Straßen rennt. Fortan werden sie ihm hinterherjagen, doch es ist Abwesenheit, die ihm StĂ€rke verleiht.

Diese Rolle sei ein star parthat Orson Welles laut Peter Bogdanovich gesagt, eine Rolle, in der lange Zeit nur ĂŒber die Person geredet wird, so dass das Publikum so gespannt ist, sie zu sehen, dass es sie in Erinnerung behĂ€lt. Aber nicht nur deshalb wird Harry Lime bzw. Orson Welles als erstes mit diesem Film assoziiert. Eigentlich ist Lime der Gegenspieler, dennoch ist es sein Schicksal, das interessiert. Das liegt erstens daran, dass er seine Taten nicht abstreitet, sondern mit dem psychopathischen Charme erklĂ€rt und sein Gesicht bei der finalen Jagd in der Kanalisation in Großaufnahme zu sehen ist, seine Emotionen in Bilder gefasst werden. Zweitens wird Harry von seiner Geliebten Anna und seinem Freund bewundert. Die traurige, einsame und loyale Anna wird von Alida Valli hervorragend gespielt, ihre Treue und Zuneigung ist erstaunlich. Auch Joseph Cotton brilliert als Holly Martins, er knĂŒpft hier an seine Rolle in „Citizen Kane“ und der abseits der Leinwand bestehenden Freundschaft zu Welles an. Dabei sollte Holly Martins eigentlich der Held des Films sein. Jedoch ist er auch ein Narr, der glaubt, das RĂ€tsel um Harrys Tod zu lösen, die Frau zu retten und dann wiederum Harry ĂŒberfĂŒhren zu können. Er hat den Krieg nur aus der Ferne miterlebt und versteht deshalb den Zynismus, die Hoffnungslosigkeit und GleichgĂŒltigkeit nicht, deshalb wird er niedergeschlagen und von einem Papageien gebissen, entdeckt er die Wahrheit ĂŒber Harrys Ableben in einem Moment des falschen Muts. Holly Martins ist einer der Figuren Graham Greenes, die durch ihre Arglosigkeit die Handlung vorantreiben und erst allmĂ€hlich lernen, die harsche Wirklichkeit zu akzeptieren. Jedoch findet sich auch Überheblichkeit in seinem Verhalten, so glaubt er doch, ein Recht auf die Wahrheit zu haben und Major Calloway (Trevor Howard) bloßstellen zu können. Sein Verrat am Ende scheint richtig und vernĂŒnftig, dennoch bleibt ein kleiner Makel an ihm haften – und ihm klugerweise im Film das Happy End verwehrt.

Und drittens liegt die Allgegenwart von Harry Lime an der PrĂ€senz von Orson Welles. Schon in „Citizen Kane“ und „Touch of Evil“ hat er die bösen Charaktere gespielt, sie haben jedoch immer ein gewisses Maß an Verletzlichkeit offenbart – so vermisst Kane die UnbekĂŒmmertheit seiner Kindheit, sehnt sich Quinlan nach den Abenden mit Tanya zurĂŒck und steht Harry Lime bei seinem ersten Auftritt vor dem Haus seiner Geliebten. Wie Kane und Quinlan flieht auch Lime vor seiner Vergangenheit und kann ihr nicht entkommen, er ist Zeuge seines eigenen Niedergangs. Sie sind furchtbare Menschen, die man hassen und lieben muss.

Diese OmniprĂ€senz von Orson Welles hat zu Spekulationen verleitet, wie groß sein Anteil an der Regie des Films gewesen ist – obwohl er selbst betont hat, dass er abgesehen von der berĂŒhmten Kuckucksuhr-Rede keinen Einfluss auf die Produktion hatte. Sicherlich erinnert insbesondere die Bildgestaltung mit der chiaroscuro-Beleuchtung und den schiefen Kamerawinkeln an „Citizen Kane“ und „The Lady from Shanghai“, aber auch an andere Filme der 1940er Jahre. Es ist eine scheinbare Eindeutigkeit, die erzielt werden soll, wenn diese Stilmittel lediglich auf eine Quelle zurĂŒckgefĂŒhrt werden. Außerdem war Carol Reed ein hochtalentierter Regisseur, der leider im Verlauf seiner Karriere nicht immer die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Aber er war es, der darauf bestanden hat, in Wien zu drehen, das fast zu einer Figur in diesem Film wird. Er hat sich Selznicks Einfluss erwehrt und Anton Karas entdeckt, er hat mit der Zither-Musik und den großartigen Schwarzweiß-Bilder von Kameramann Robert Krasker das undurchdringbare Labyrinth in den Wiener Straßen geschaffen und die Kanalisation in ein Mysterium verwandelt. Denn die Unterwelt ist in dieser von vier MĂ€chten beherrschten Stadt ĂŒberall.

Ein britischer Film noir
Die Welt in „The Third Man“ ist voller enttĂ€uschter Romantiker und Idealisten, die ihren Schmerz ĂŒber die böse und korrupte Gesellschaft hinter Zynismen verbergen. Damit verweist der Film auf ein Thema, das im britischen Film noir prĂ€sent ist: die Traumatisierung durch zwei Weltkriege. Zerbombte GebĂ€ude, zurĂŒckkehrende Soldaten sind in den britischen Werken des Noir hĂ€ufig zu finden, Harry Lime spielt mit seinen Worten auf dem Riesenrad, dass die Menschen „dots“, Punkte, seien, auf die Wahrnehmung von Bomberpiloten an. Das BedĂŒrfnis nach Sicherheit trifft auf dunkle GeschĂ€fte, deshalb gibt es im britischen Film noir Spione und Erpresser hĂ€ufiger als Privat- und Versicherungsdetektive. Auch die femme fatale ist selten anzutreffen, weit hĂ€ufiger eine Frau in einer Notsituation.

Typisch fĂŒr den Brit Noir ist in „The Third Man“ zudem die Bildsprache, hier greifen die britischen Filme auf die gleichen Traditionen wie bspw. die Amerikaner zurĂŒck, wenngleich der Einfluss des Melodrams und Poetischen Realismus in den britischen Filmen grĂ¶ĂŸer ist. Zudem geht es in den britischen Filmen oft um Gerechtigkeit, die erzielt wird, nachdem das Böse Schaden angerichtet hat – sei es die Ermordung eines unschuldigen Menschen oder den Missbrauch der Macht. Auch in „The Third Man“ strebt Martins im kriegsgebeutelten Wien zunĂ€chst nach Gerechtigkeit fĂŒr Harry Lime. Sie ist jedoch erst durch einen weiteren Verrat zu erzielen, der hohe Kosten fĂŒr Holly Martins mit sich bringt. Und mit dieser desillusionieren Weltsicht sind die Noirs der verschiedenen LĂ€ndern eng verbunden.

Sonja Hartl (c) 09/2015

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