Eine kleine Einordnung zu Paco Igncacio Taibo II

Hohe QualitÀten
Die deutsche Publikationsgeschichte von Paco Ignacio Taibo II ist so anarchisch wie seine Romane. Nach langem MĂ€andern durch Großverlage, Mittelverlage, Kleinverlage und Winzverlage (in der Spannweite u. a. von Bertelsmann ĂŒber Rotbuch zum EisbĂ€r) scheint er so allmĂ€hlich bei der engagierten Assoziation A in verlĂ€sslichen und sinnvollen HĂ€nden zu sein. Auch wenn es nach wie vor zu netten, paradoxen Situationen kommt und wir PIT II’s Roman Der Schatten des Schattens aus dem Jahre 1986 jetzt, 2010, lesen dĂŒrfen, die Quasi-Fortsetzung Die RĂŒckkehr der Schatten aber schon seit 2004 kennen dĂŒrfen.

Aber was soll solch kleinbĂŒrgerlicher chronologischer Ordnungszwang, zumal es auch in Taibos BĂŒchern nicht gerade schablonenhaft geordnet zugeht. Und das ist schon einmal eine ihrer großen QualitĂ€ten. In Taibos Opus Magnum Cuatro Manos (Vier HĂ€nde, 1990) war es voll ausgefaltetes Prinzip, spannende Geschichten so disparat wie möglich zu erzĂ€hlen. Hier im Schatten der Schatten ist schon in nuce zu sehen, wie brillant Taibo aus Fragmenten von Kriminal- und Abenteuergeschichten einen komplexen Text montiert, der sowohl als historischer Roman taugt, als Abenteuerroman, als Kriminalroman und als politischer Roman gleich mit.

Pistoleros in De Efe
Wir sind im Mexiko City des Jahres 1922 – seit zwei Jahren ist der BĂŒrgerkrieg offiziell vorĂŒber, aber die mexikanische Gesellschaft und speziell die urbane Metropolen-Gesellschaft von „el De Efe“ ist noch lange nicht stabil. Pancho Villa, der sozialrevolutionĂ€re BĂŒrgerkriegsgeneral und populĂ€rkulturelle Groß-Mythos, war noch nicht ermordet – das passierte erst 1923, ein Jahr nach unserer Handlung. Aber Villa ist allgegenwĂ€rtig. (PIT II hat eine brillante Biografie ĂŒber ihn geschrieben: Pancho Villa. Una biografĂ­a narrativa, 2007 leider noch nicht ĂŒbersetzt, weshalb Menschen, die englisch können, sich noch mit Friedrich Katz’ monumentaler, vor Material ĂŒberquellenden Biografie The Life & Times of Pancho Villa von 1998 begnĂŒgen mĂŒssen).

Die Regierung des Revolutionsgenerals Álvaro ObregĂłn saß noch alles andere als sicher im Sattel. Die amerikanischen Erdölgesellschaften machten Druck und waren selbst unter Druck durch aggressive englische und hollĂ€ndische Konsortien; die forcierte Industrialisierung einer außerhalb der StĂ€dte wesentlich agrarischen Gesellschaft fĂŒhrte zu den erwartbaren KĂ€mpfen; immer putschbereite MilitĂ€rs, ein korruptes Polizeiwesen, individuelle und BandenkriminalitĂ€t, die UbiquitĂ€t von Schusswaffen und die zunehmende Beschleunigung des Lebens – das alles ergibt wunderbare Motive fĂŒr Taibos Stadtmosaike und -tableaux.

Mexiko City war auch gleichzeitig eine Stadt mit einem extrem gĂŒnstigen Klima fĂŒr Kunst- und Lebensformavantgarden, es war, wie ganz Mexiko fĂŒr den europĂ€ischen Blick „der surrealistische Ort“ schlechthin, wie AndrĂ© Breton ein paar Jahre spĂ€ter schwĂ€rmen sollte. Frida Kahlos Fotosammlung und die Biografie ihres GefĂ€hrten Diego Rivera von Patrick Marnham vermitteln einen schönen Eindruck, wie Taibos Setting ausgesehen haben mag, und wie belebt und sinnentrĂ€chtig er diese Zeit beschreibt.

Vier Amigos
Und in diesem Hexenkessel spielen sie Domino: Der Journalist Poiquinto Manterola, der im Journalismus „die Poesie des Jahrhunderts“ sieht, der Dichter FermĂ­n Valencia (nicht zufĂ€llig wie Taibo und vor allem Taibos Vater Paco Ignacio Taibo I – BĂŒrgerkriegsflĂŒchtling, weil kritischer Journalist – im asturianischen GijĂłn geboren), der als alter Kampfgenosse Pancho Villas in der Norddivision mit seinem 45er Colt bestens umgehen kann; der Chinese TomĂĄs Wong, der kein Chinesisch kann, kein chinesisches Essen mag, ein hartgesottener KĂ€mpfer fĂŒr die Sache der Arbeiterklasse ist und mit karikaturhaft-chinesischem Akzent splicht; dazu der Anwalt Verdugo, der sich in allen Bereichen der demi-monde herumtreibt und fĂŒr Huren, RevolutionĂ€re und diverse NachschattengewĂ€chse den Rechtsbeistand gibt.

Diese vier Herren nun schliddern, nicht ganz gegen ihren Willen, in höchst rĂ€tselhafte Umtriebe, die allesamt mit Leichen zu tun haben – einem erschossenen MilitĂ€rmusiker, einem aus dem Fenster gefallenen Obersten und so weiter 
 Die vier Amigos werden angegriffen, beschossen, stĂŒrzen durch FalltĂŒren in Kellergewölbe, belauschen in Bordellen merkwĂŒrdige Sexualpraktiken, mĂŒssen sich mit geschniegelten Offizieren prĂŒgeln und mit Pistoleros herumschießen und kommen zum guten Ende einem veritablen und sehr realpolitischen Komplott auf die Spur.

Spiel und Hintersinn
Was manchmal durchaus beabsichtige AnklĂ€nge an EugĂ©ne Sue hat – wer unbedingt auch die Musketiere von Dumas pere im Spiel sehen will, unsere vier Domino-Spieler wĂŒrden sich nicht arg widersetzen – und ganz offen auf den Italiener und Sandokan-Erfinder Emilio Salgari – eine Art Karl May der Romania – anspielt, ist trotz aller Assoziations- und Spielfreude nicht „meta“. Klar, man muss grinsen, wenn ein Schurke in Uniform ausgerechnet MartĂ­nez Fierro heißt. MartĂ­n Fierro ist der Titel eines episch-breiten, von 1872 bis 1879 entstandenen Gedichts, die GrĂŒndungsschrift des Gaucho-Mythos in Argentinien aus der Feder von JosĂ© Hernandez. NatĂŒrlich ist der Gaucho MartĂ­n Fierro ein Rebell, einer, der aus dem Zwang der UmstĂ€nde heraus Verbrechen begehen muss – also genau das Gegenteil von Schurke Fierro bei Taibo. Wer sucht, der findet solche Scherze in HĂŒlle und FĂŒlle.

Aber so hĂŒbsch der Einfall sein mag, nur ein Joke fĂŒr Eingeweihte ist er nicht – er verweist auf eine Tradition von Literatur (und da kommen dann auch Salgari, Dumas, Sue und Co. ins Spiel) die als „marginal“ gilt. Und insofern mit der Kriminalliteratur sozusagen natĂŒrlich verbĂŒndet ist. Taibo hat das in Interviews und Essays immer wieder betont: Alle seine Romane, nicht nur die aus dem Zyklus um den Privatdetektiv HĂ©ctor Belascoaran Shayne, gehören zur Kriminalliteratur, ungeachtet dessen, welcher Formen und Traditionen sie sich sonst noch im Einzelfall bedienen. Sie sind deswegen bewusst „marginal“, weil Kriminalliteratur damit immer in Oppostion zum Nicht-Marginalen, zum Offiziellen steht. Da gehört sie hin.

Und die ganzen Cluster von Verweisen, Querverweisen, Anspielungen, benannten oder unbenannten HintergrĂŒnden, die Taibo aufbietet, stehen ganz im Dienste seiner erheblichen FĂ€higkeit, mit diesen ausgefuchst Ă€sthetischen Mitteln komplex und gleichzeitig unterhaltend, witzig, lehrreich, spannend und sehr intelligent zu erzĂ€hlen.

Poesie
Hin und wieder ist Taibo so souverĂ€n, einen einmal eingeschlagenen Duktus zu verlassen, und ErzĂ€hlhöhe und -ton jĂ€h zu verlassen – dann schwimmen plötzliche einzelne kurze Kapitel wie Eisschollen im blauen Meer der opulenten narration. Sequenzen, die keine Verbindung zu irgendetwas zu haben scheinen. Irritierend und opak, wie zum Beispiel das 33. Kapitel dieses Romans, in dem ein weibliches Ich sich vergeblich zu bestimmen versucht. Die Botschaft – neben der poetischen QualitĂ€t, die diese Passage per se hat,– zielt auf Verwirrung, auf Skepsis auch dem ach so realistisch ErzĂ€hlten gegenĂŒber. Die Poesie hat eine mĂ€chtige Eigendynamik 


Der Schatten des Schattens gehört in die Reihe von Texten, die in den 1980ern anfingen, die Potenziale von „Kriminalroman“ ernsthafterweise auszuschöpfen. Jerome Charyn, William Marshall, Derek Raymond oder Andreu MartĂ­n gehören u. a. in diese Reihe. Taibo-BĂŒcher haben alle das subversive, spezifisch sozialkritische Moment, das alle wirklich gute Kriminalliteratur auszeichnet. Das Argument, das an dieser Stelle gerne dumpf wiedergekĂ€ut kommt: Kriminalliteratur mĂŒsse/solle keine Botschaft haben, möchten wir bitte endgĂŒltig einmotten: Eine Botschaft oder einen radikalskeptischen Blick auf die Welt zu haben, sind kategorial unterschiedliche Dinge. Taibo hat keine Botschaft. Stattdessen arbeitet er mit Witz und Geist, und die Methode braucht Formen, die nicht im (allzu) Kanonischen festgefahren sind.

Der Schatten der Schatten ist ein sehr komisches und sehr, sehr vergnĂŒgliches Buch. Das sind hohe QualitĂ€ten.

(c) Thomas Wörtche, 2010 (CulturMag)

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