Vermutlich hat alles mit Nathanael Hawthorne angefangen – mit beklemmenden Stories aus der amerikanischen Provinz, mit Geschichten von Wahn, Bigotterie, Gewalt, intellektueller und moralischer Enge, mit Hysterie und religiösem Fundamentalismus – »The Scarlett Letter«, »Der scharlachrote Buchstabe«, Sie wissen schon. Und seit dem sind die amerikanische Country Side und small town America unerschöpfliche Minen und Quellen fĂŒr Romane und Geschichten, die man am besten als „noir“ bezeichnet. DĂŒstere Gegenbildlichkeiten zu Idyllen, zu den berĂŒhmten „amerikanischen Werten“ wie Optimismus, Gleichheit oder Freiheit fĂŒr alle. Im „Country Noir“ treffen wir sie alle, die Saboteure an den jeweiligen Wertesystemen – Ambrose Bierce, William Faulkner, Ray Bradbury und wie sie alle heißen.

Jim Thompsons »The Killer inside me« – sicher einer der berĂŒhmtesten Roman dieser Sortierung – gab in den frĂŒhen 1950er Jahren die Marschrichtung vor – Gewalt, Religion und Obsession ohne den Ă€sthetischen Trost einer bestimmten literarischen Form. Robert Blochs Psycho, die in Cineastenkreisen eher belĂ€chelte Vorlage zu Alfred Hitchcocks Film und gerade bei Rowohlt wieder als Taschenbuch erschienen, etabliert den irren soziopathischen Killer als den netten Nachbarn in der Provinz, ĂŒber den selbst der Kleinstadtsheriff alles zu wissen glaubt und dessen ominöses Treiben die gesellschaftlichen Normen nicht herausfordert, sondern eher bekrĂ€ftigt. Norman Bates, der im Roman nicht aussieht wie Anthony Perkins, sondern eher ein mildes Dickerchen zu sein scheint, gilt als jemand, der sich von einem harten Schicksal nicht beirren lĂ€sst, sondern seinen Weg geht. Es ist natĂŒrlich ungerecht, heute ĂŒber den Roman zu reden, weil alle Welt den Film kennt und alle Schockmomente auch. Aber die sind sowieso im Buch eher lakonisch und wohltuend unspektakulĂ€r. Als literaturhistorisches Dokument auf jeden Fall ist es gut, dass »Psycho« greifbar ist.

Ein literarisch anderes Kaliber als der eher schlichte Bloch ist Daniel Woodrell, bestens bekannt durch seine BĂŒrgerkriegsromane (u.a. »Wer mit dem Teufel reitet«) und seine Erforschungen des Biotops „amerikanische Kleinstadt“ abseits der große und schicken Themen der urbanen oder gar metropolen Literatur. In Almas Augen (gerade bei Liebeskind erschienen und von Peter Torberg gewohnt gut ĂŒbersetzt) erzĂ€hlt Woodrell von einem verheerenden Brand in einen kleinen Kaff in Missouri. Im Sommer 1929, kurz vor dem Ausbruch der Great Depression fliegt die örtliche Dance Hall in die Luft und brennt total ab. 42 Menschen kommen uns Leben, alle Einwohner des StĂ€dtchens sind ihr Leben lang traumatisiert. Niemand weiß wirklich, wie der Brand entstanden war und warum. Nur Alma DeGeer Donahew, eine „einfache“, aber sehr kluge und eigenwillige Frau, deren geliebte Schwester unter den Opfer war, grĂ€bt und grĂ€bt und kann ihren Frieden mit den Ereignissen nicht machen, auch wenn sie zwischenzeitlich in eine Art Nervenheilanstalt, vulgo Irrenhaus eingesperrt wird. Obwohl wir am Ende des schmalen, knapp 190 Seiten dĂŒnnen BĂŒchleins eine gewisse Vorstellung haben, was an jenem Tag passiert sein könnte, ist »In Almas Augen« kein „Krimi“, kein Ermittler-Buch, obwohl es in der Tat um Ermittlungen geht. Woodrell splittet die Perspektiven, die ErzĂ€hlinstanzen, die Zeitebenen von 1929 bis 1965 (plus/minus, je nach den Vorgeschichten der Figuren, von denen die Rede ist) auf. »In Almas Augen« arbeitet nicht immer „linear“ und nicht immer „chronologisch“ und nicht immer buchhalterisch der einen oder anderen Figur zugeordnet. Und schon gar nicht ist Alma selbst die Garantin des ErzĂ€hlens. Auch hier keine Absicherung und Sinnstiftung durch ein bestimmtes Genre, der Country Noir erweist sich auch hier als freestyle-Unternehmen.

Selbst da, wo andere Genres in die NĂ€he rĂŒcken, kommen keine genre-reinlichen BĂŒcher heraus – Urban Waites »Die WĂŒste der Toten« (Knaur) ist so ein Fall: Eine klassische Westernkonstellation (dass der Western grundsĂ€tzlich auch einen tinge of noir hat, denken Sie an die Filme von Anthony Mann, zum Beispiel, mĂŒssen wir nicht großartig unterstreichen) – ein gescheiterter Verbrecher und ein gescheiterter Cop mĂŒssen nolens volens gegeneinander kĂ€mpfen, obwohl sie sich doch eigentlich blendend verstehen – wird ĂŒberlagert von der Politik: Von den Verheerungen einer neokonservativen Wirtschaftspolitik im New Mexico und den sozialpsychologischen Folgen, wenn dann Geld ins Land strömt, natĂŒrlich von den Narcos aus Mexiko, denen die USA ihre strukturschwachen Gebiete kampflos ĂŒberlĂ€sst. Die Country Noir-Aspekte Gewalt und Obsession sind hier an handfeste ökonomische Realien zurĂŒckgekoppelt und die beiden Cowboys, also der Ex-Gangster und der Ex-Cop fĂŒhren einen Krieg gegeneinander, den sie schon lĂ€ngt verloren haben.

Überhaupt Mexiko: Dieses merkwĂŒrdige Projektionsland amerikanischer Illusionen und Ängste. Country Noirs sind öfter in den Grenzlanden angesiedelt, oder wie im Fall von Jonathan Woods‘ »Die Tote von San Miguel« ganz in der mexikanischen Provinz. San Miguel bietet fĂŒr amerikanische KĂŒnstler und Intellektuelle – seit William H. Borroughs et al. Tijuana-Manie ein literarisch-geistesgeschichtlicher Topos – gĂŒnstige Lebenshaltungskosten und eine vermeintliche Toleranz gegenĂŒber bohĂšme-haften Lebensstils. Woods lĂ€sst seinen Roman auf den ersten Blick aussehen wie einen durchschnittlichen Serialkiller-Roman, mit möglicherweise aztekischen Schlachte-Riten, die eigentlich einen amerikanischen Profiler verlangen wĂŒrden, lockt den ebenfalls topischen mexikanischen Polizisten – korrupt, faul und versoffen – aus der Reserve. In der brĂŒtenden Hitze Mexikos, unter geheimnisvollen Killern und lasziven Frauen geht es knallhart zu und Business und Gesetz und Ordnung sind im Country Noir sowieso meistens WillkĂŒrakte. So auch hier, mit einem schönen diabolischen Dreh.

Woods konterkariert die Mexiko-Klischee, so wie sein Kollege Joe R. Lansdale in seinem Roman »Machos und Macheten« (im Original 2001, auf deutsch jetzt bei Golkonda) sie bedient. Mexikanische Frauen sind feurige Liebhaberinnen (wenn auch Schlampen), alle Kerle muchomacho mit fiesen Macheten, der Drogenboss unfassbar böse, der Killer unfassbar brutal und gemein, das Vieh. Die witzigen (oder oftmals witzelnden) Dialoge der Hauptfiguren – die Story um eine versaute Kreuzfahrt, die in Blut und Elend endet, ist nicht so rasend spannend – lassen einen ein bisschen ratlos zurĂŒck. Noir wĂ€re bei diesem Roman lediglich auf das erhöhte Gewaltlevel zu beziehen. Lansdale ist unter anderem ein begnadeter Horror-Autor, aber in diesem Buch bleiben die Schock-Momente aus. Also Schock in Sinne von Effekt als auch choque im Sinn von Walter Benjamin. Wobei sich der Roman aber durchaus behaglich wegknabbern lĂ€sst.

Unter Country Noir fallen in dieser Saison noch zwei Romane, die man dort nicht unbedingt vermuten wĂŒrde. Wobei man sieht, in wie vielen unterschiedlichen Kontextualisierungen eine solche Spielart der Kriminalliteratur auftreten kann. John Grishams »Die Erbin« (Heyne) lĂ€uft natĂŒrlich unter „Weltbestseller“, obwohl der Roman, der 1988 in Deep South spielt, wie so viele BĂŒcher des „Volksschriftstellers“ Grisham – den Begriff meine ich an dieser Stelle keineswegs ironisch. Er erzĂ€hlt eine rabenschwarze, böse Geschichte ĂŒber Schuld und SĂŒhne, ĂŒber Gewalt und Geschichte und den permanenten Rassismus. Aber eine kleine, bescheidene Geschichte von einem Testament, einem Selbstmord und anderen nicht sehr sensationellen Dingen und nicht sehr sensationellen Menschen. Grisham lĂ€sst sich Zeit und seziert peu Ă  peu eine kleine Stadt, mit ihren Leichen im Keller, mit den seltsamsten Beziehungsgeflechten, mit ihren bösen, kalten VerhĂ€ltnissen. Grishams SpezialitĂ€t ist natĂŒrlich der Gerichts-Thriller, aber dominant ist in diesem Buch das Unbehagen, das Ungute, der Neid und die Missgunst, die sich wie eine Giftinjektion durch alle Beteiligten schlĂ€ngelt.

Ein richtiger klassischer Country Noir ist »Wespennest« (Blanvalet) von Lee Child, wobei man bei Lee Child nie weiß, wo ein Buch enden wird – in der Prairie oder in einer Metropole. Hier auf jeden Fall haben wir wieder eine topische Westernkonstellation, in der Jack Reacher, Childs Serien-Held, eine Kleinstadt von ihren Tyrannen befreit, die die „anstĂ€ndigen“ Leute knechten und in ökonomischer AbhĂ€ngigkeit halten, wobei sie selbst deviante, miese Ekelpakete sind, wie man sich Kleinstadt-Tyrannen eben vorstellt. Aber mit der Isolation einer Kleinstadt irgendwo im bitterkalten Nebraska ist es nicht mehr weit her. Nebraska hĂ€ngt an der Pipeline des internationalen Verbrechens und Lee Child macht sich einen eher schwarzhumorigen Jux daraus, das Organisierte Verbrechen aufs Land zu schicken, damit Jack Reacher seinen Spaß mit hierarchisch gestaffelten Gangster-Crews hat, die nicht nur Reacher, sondern sich untereinander das Lebenslicht auspusten wollen.

Wenn der Country Noir im Gefolge von Jim Thompson, Daniel Woodrell und Co. immer auch etwas Pathetisch-Existentialistisch-Depressives hat (oder man zumindest den Eindruck hat, dies gehöre sich so), demonstriert Child wie komisch das alles sein kann. Wie ja ĂŒberhaupt die Überhöhungsgefahr bei Noir immer mitspielt. Anyway, Kriminalliteratur hat schon seit ewigen Zeiten einen starken regionalen Bezug – urban oder rural ist das erst einmal egal -, weil sie auf konkrete geographische, soziale, wirtschaftliche, ideologische und demographische Gegebenheiten literarisch reagiert. Die literarische Anamnese der country side (dazu kĂ€men noch backwood-Romane, die stĂ€rker mit Horror- und Gore-Effekten arbeiten) ist keine amerikanische SpezialiĂ€t, sondern in allen Kriminalliteraturen von Belang vertreten. Im deutschsprachigen Raum gibt es Ă€hnlich strukturierte Texte, von Alfred Komarek bis Robert HĂŒltner, Christine Lehmann oder Uta-Maria Heim. Am besten kapiert man aber das ganze Elend der deutsche „Regio-Grimmis“, wenn man sich die Country Noirs der Amerikaner anschaut – deren ganzes production design, die Sprach- und Einbildungskraft, die formale und thematische Vielfalt. Country Noir ist eine sehr flexible Art, die Welt zu schreiben.

© Thomas Wörtche, 2014

zur Übersicht zurück