Ausgerechnet das sonnige Los Angeles ist der literarische Ort der Gegenentw├╝rfe zum amerikanischen Traum. Los Angeles ist der Ort des Noir – seit den Zeiten von Horace McCoy, Raoul Whitfield, James M. Cain, Nathanael West und deren Folgen f├╝rs Kino bis zu Ridley Scotts ┬╗Blade Runner┬ź oder Friedkins ┬╗Live And Die in L.A.┬ź. Raymond Chandler war ein besonderer Chronist der Stadt, denn in seinem Werk artikulierte sich auch eine gewisse Paranoia, die neben seinen oft kommentierten misoygnen und homophoben Z├╝gen auff├Ąllt: Latinos, Asiaten und Schwarze gibt es bei Chandler nur derart am Rande, da├č die Verdr├Ąngungsleistung beachtlich ist. Dabei hatte ein schwarzer Autor Anteil an dieser Tradition – Chester Himes 1945 bzw. 1947 mit zwei kapitalen Romans noirs – also im doppelten Sinn – ├╝ber die Stadt der Engel: ┬╗If He Hollers Let Him Go┬ź und ┬╗Lonely Crusade┬ź.

1948, ein Jahr nach Chester Himes, setzt Walter Mosley seine schwarze Chronik von L.A. an: ┬╗Teufel in Blau┬ź (die Verfilmung mit Denzel Washington in der Hauptrolle ist gerade bei uns in den Kinos) ist der erste Band einer auf neun B├╝cher konzipierten Serie ├╝ber die Geschichte der schwarzen Bev├Âlkerung von L.A., insbesondere von Watts, und gleichzeitig der Biographie von Mosleys Helden Ezekiel „Easy“ Rawlins. Rawlins kommt aus Europa zur├╝ck, wo er in der Army gegen die Deutschen gek├Ąmpft hatte. Er geh├Ârte zu einem der Truppenteile, die ein Konzentrationslager befreit hatten, was f├╝r Walter Mosley, dessen Mutter J├╝din ist, eine noch sch├Ąrfere Akzentuierung der Diskrimierungsproblematik bedeutet. Easy Rawlins kennt zwar genug Wei├če, sieht aber auch, da├č im idyllischen Southern California, im Moloch Los Angeles sich die Fronten eines Krieges zwischen den Ethnien zu bilden beginnen. 1965 wird Watts brennen, 1992 South Central, und Clintons neue Sozialgesetzgebung zeichnet die n├Ąchsten Gewaltwellen schon unweigerlich vor.

Nach „Roter Tod“ und „Der wei├če Schmetterling“ ist in Deutschland jetzt der vierte Band der Saga, ┬╗Black Betty┬ź erschienen (in den USA der f├╝nfte, ┬╗A little yellow dog┬ź). Er spielt in der Anfangszeit des Pr├Ąsidenten John F. Kennedy, also um 1961, als sich in den S├╝dstaaten und anderswo die B├╝rgerrechtsbewegung schon energisch zu formieren beginnt, als sich die Wirtschaft ein wenig konsolidiert und als die neuen gro├čen Immigrationssch├╝be aus Mexiko und Mittelamerika in Kalifornien eintreffen.

Mosleys konzeptuelles Gesamtwerk legt historisch geschickt und genau beobachtet die Spuren der Entwicklungen, die die Geschichte der Stadt in den n├Ąchsten Dekaden pr├Ągt: Das Immobiliengesch├Ąft, das die gesamte ├ľkonomie Kaliforniens dominieren wird, die Stadtentwicklung, die zu disparaten Ghettos innerhalb und au├čerhalb anderer Ghettos und reichen Vierteln f├╝hren wird, und die Politik, die Geld, Macht und die tentativ rassistische Polizei von Los Angeles zu immer engeren Verstrickungen und zu einem letztlich untrennbaren, waffenstarrenden Konglomerat verknoten wird, wie es Mike Davis in seinem Buch ┬╗City of Quartz┬ź f├╝r das Los Angeles von heute beschreibt. In ┬╗Black Betty┬ź wird Easy Rawlins, der einst g├╝nstig an Immobilien herangekommen war, Opfer skrupelloser Spekulation und ger├Ąt, weil er immer mal wieder als Privatdetetiv ohne Lizenz arbeitet, zwischen die Fronten eines Verteilungskampfes innerhalb eines wei├čen Familienclans. Sowas endet f├╝r Schwarze immer ├╝bel. Mosley verteilt die Eigenschaften gut und b├Âse grunds├Ątzlich nie nach der Hautfarbe auf sein Personal, sondern arbeitet mit analytischer Sch├Ąrfe und Deutlichkeit. Rassismus ist ├╝berall, seine Manifestationen zerst├Ąuben sich in hunderttausend kleine und kleinste Splitter. Als Easy Rawlins mal wieder als „Boy“ angeredet wird, ist klar, da├č er unmi├čverst├Ąndlich reagiert. Auch wenn er die wei├če Dumpfbacke niederbr├╝llt und als verbaler Sieger den Schauplatz verl├Ą├čt, bleibt doch die bittere Einsicht: „Hier in diesem Raum spielte sich ein winziges St├╝ck Geschichte ab, ├╝ber das nie berichtet werden w├╝rde“.

Das Zitat steht auch f├╝r Mosleys Methode. Hunderte solcher Geschichten verkn├╝pfen die Romane zu einem gro├čen, panoramischen Mosaik. Von Buch zu Buch kommt mehr Personal in ihrem zerfransten Universum zusammen: Wir interessieren uns beinahe mehr als f├╝r die jeweilige Handlung f├╝r das weitere Schicksal von Rawlins‘ Freund Raymond „Mouse“ Alexander, der zwar ein b├Âsartigen Killer, aber der beste Freund des Helden ist, f├╝r Mofass, den schwitzigen Verwalter der Rawlinsschen Immobilien, f├╝r Etta Mae und ihre Kinder, f├╝r Jackson Blue, den feigsten und miesesten Dealer der Stadt, f├╝r Easys Pflegekinder und so weiter.

Mit der ├╝blichen Lesehilfe „Kriminalroman“ kommt man bei Mosleys Projekt nicht weiter. Das Fatalste, was man ihm antun kann, ist der unangemessene Vergleich mit Chandler. Mosley romantisiert nicht. Sein ├Ąsthetisches Programm lehnt sich an die schwarze Musik, an Jazz, Blues und Rhythm & Blues an, er schl├Ągt Funken aus den verschiedenen Sprachebenen und -gesten, die logischerweise aufeinanderprallen und bedauerlicherweise in den ├ťbersetzungen kaum sichtbar werden. Rhythmus strukturiert die Texte. Man m├╝├čte im Grunde die Romane von Mosley selbst vorgelesen bekommen, um ihren Anteil von „Oral History“ zu verstehen.

Bill Clinton hat im Wahlkampf ’92 Mosley zu seinem „Lieblingsautor“ ernannt, ein bl├Âder Trick, der allzu taktisch nach den schwarzen W├Ąhlern schielte (f├╝r die alten „Lefties“ z.B.schm├╝ckte Clintons sich mit Ross Thomas), was Mosley zwar eine Menge kurzlebiger Prominenz einbrachte, bei dem zu der Zeit enstandenen ┬╗Wei├čen Schmetterling┬ź aber zu einem deutlichen Qualit├Ątseinbruch f├╝hrte. Das Get├Âse ist inzwischen abgeklungen, f├╝r ┬╗Black Betty┬ź ein Segen.

┬ę Thomas W├Ârtche, 1996 (Wochenpost)

zur Übersicht zurück