Hoffentlich ist der Spruch auf dem Cover von Rick De Marinis „Götterdämmerung in El Paso“, der Roman versöhne Hardcore mit Metaphysik, ironisch gemeint. Denn weder das eine noch das andere hat etwas mit diesem großartigen Stück Kriminalliteratur zu tun, das irgendwo zwischen Satire (auf Kriminalromane und deren gesellschaftlicher Relevanz), Parodie (von Kriminalromanen) und richtigem Kriminalroman herumtanzt und so ziemlich über alles spottet, was irgendwie an Emphase, Pathos und – eben – Metaphysik und Hardcore erinnert.

„Scherz, Satire und tiefere Bedeutung“ in Reinform also, wobei das mit der tieferen Bedeutung so eine Sache ist.

Zunächst einmal ist alles ganz und gar klassisch: J.P. Morgan (natürlich ist der Name schon eine ziemlich unernste Veranstaltung, wie die Herleitung erzählt) ist der typische abgehalfterte PI, ein ehemaliger Versicherungsdetektiv und Golfkriegsveteran (2. Golfkrieg), der sich in El Paso durchs Leben schlägt. Sein Klient und Freund Luther Penrose ist ein fetter, heruntergekommener Millionenerbe und Möchtegernschriftsteller, eine Mischung aus Roger Wade (der Figur aus Chandlers „The Long Goodbye“ – ein Roman, der bei De Marinis als verzwirbelter Subtext mitläuft), Ernest Hemingway (einschließlich des Hantierens mit einer Flinte) mit einem Schuss Marlon Brando oder Orson Welles oder Falstaff.

Auf jeden Fall eine sehr synthetische Figur, die sich die Zeit damit vertreibt, den ultimativen Roman über Adolf Hitler und Richard Wagner zu schreiben, der völlig bescheuert ist (Hitler und Wagner lassen sich von Dr. Morrell auf dem Berghof irgendwelche viagraanalogen Drogen – „Vitamultin“ – in den nackten Hintern spritzen) und am Ende dem Kulturbetrieb zum Opfer fällt, den De Marinis verspottet: Denn so stellt man sich in USA einen tiefen, deutschschwangeren Roman vor: Hitler sells, Wagner ist too sophisticated.

Across the borderline
Und wenn wir schon bei Spott und Frohsinn sind: Der Roman spielt in El Paso („I am just an asshole from El Paso“, wie Kinky Friedman zu Recht singt), der Grenzstadt zu Mexiko, am Rio Grande, auf dessen anderer Seite Juárez liegt, einer der Orte mit der höchsten Mordrate der Welt und wichtiger Schauplatz im mexikanischen Bürgerkrieg, den die Amis bequem von der sicheren Seite des Flusses aus zu betrachten pflegten.

De Marinis schickt seinen Helden J.P. Morgan und ein paar ausgemacht scheußlich rassistische Karikaturen von Schurken (man kann sie ganz einfach umbringen, wenn man kapiert hat, wie blöd sie sind) immer wieder über die mythische crystal frontier (natürlich zitiert er Calexico), um sie dort einem kreuzkomischen sprachlichen Verhau aus spanischen Wortfetzen auszusetzen:

„Diese gringos kamen hierher wegen puta y mota, aber die Sache entwickelte sich loco. Passiert oft mit diesen culos aus el norte. Sie sind aufeinander los como tollwütige Hunde. El mundo ist ohne sie besser dran, sí? Nicht einmal ihre mamacitas werden pendejos wie die hier vermissen, verdad?“

Besonders perfide geht De Marinis mit dem Muchomacho-Gestus des SĂĽdwestens und Mexikos um: Der Superschurke, der Dermatologe und GroĂźrassist Selbiades (natĂĽrlich mit allen Merkmalen von KZ-Ă„rzten ausgestattet, auch er ein wandelndes Zitat), dessen wahnsinnige Gattin Anlass fĂĽr wunderbar irre Dialoge und abgedrehte Szenen gibt, operiert einen stolzen Mexikaner zu einer perfekten Frau um, was der natĂĽrlich nicht gut aufnimmt. Aber dass ein Geschlechterwechsel als Gipfel der Perversion dasteht, ist in diesem Kontext schon genial gesetzt.

Vis comica
De Marinis komische Akzentuierungen von ziemlich allen Handlungselementen, die durchgehende Zitathaftigkeit seiner erzählten Welt, das Plündern sämtlicher Repertoires, das ständige Rekurrieren auf die Erzählmatrix „pi novel“ weichen die „realistische“ Authentizität auf, die man bei dem Thema „Mexiko“, „Rassismus“, „Götterdämmerung“ und politische Aktivitäten (darum geht der Hauptplot: um die Verheerungen, die die Grenze zwischen Arm und Reich, zwischen Mexiko und den USA unter Menschen anrichtet) erwartet.

Dennoch funktioniert der Roman: Nicht, weil er sich über die Themen an sich lustig macht, sondern weil er weiß, dass ein Sozialreport als PI-Roman getarnt, ästhetisch langweilt und somit auch moralisch verpufft. Also nimmt De Marinis die Standards und Klischees bestimmter Erzählkonventionen aufs Korn und siehe: In der komischen Negierung behaupten sich ein paar Muster durchaus robust und vital.

Der Hinweis, dass Erzählen nicht voraussetzungslos passiert, sondern sich zumindest genauso auf Literatur und andere fiktionale Welten bezieht wie auf Realitäten, schützt vor naiven Lektüren und einem frommen Glauben an die einfache Abbildbarkeit von Welt. Rick De Marinis ist ein extrem cleverer Nutznießer dieser Tatsache und erfreut uns durch seine ironische Virtuosität im Umgang damit.

(Thomas Wörtche)

(c) Thomas Wörtche, 2012 (CulturMag)

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