In Gesprächen mit irischen Kriminalschriftstellern fällt früher oder später ein Name: Eoin McNamee. Er habe gezeigt, dass gute Kriminalliteratur aus Nordirland kommen könne. Hierzulande ist er hingegen kaum bekannt, obwohl mit „Blau ist die Nacht“ bereits sein vierter Roman in deutscher Übersetzung erschienen ist. Wurden sein Romandebüt „Resurrection Man“ (dt. „Belfaster Auferstehung“) noch bei Rotbuch und „The Blue Tango“ im Berlin Verlag verlegt, kamen „Orchid Blue“ (dt. „Requiem“) und „Blue is the night“ (dt. „Blau ist die Nacht“) bei dtv heraus. Aber es sind weniger die Verlagswechsel, die einem Durchbruch McNamees entgegenstehen. Vielmehr lässt sich sein Stil nicht einfach unter dem Label „Irish Noir“ fassen, das immer mehr zu einem generischen Begriff für „Irische Kriminalliteratur“ wird, obwohl sein Stil deutlich vom Noir geprägt ist.

Faction und Faszination
Eoin McNamee versteht sich selbst nicht unbedingt als Kriminalschriftsteller. „Ich weiß nicht, ob ich wirklich Kriminalliteratur schreibe“, erzählt er im Interview mit Polar Noir. Dabei hat er mit „Resurrection Man“ einen Serienkillerroman geschrieben, der während der Troubles spielt – ein Novum in der nordirischen Kriminalliteratur. „Traditionelle fiktionale Formen schienen ein unzureichendes Mittel zu sein, um über das zu schreiben, was im Norden passiert. Es gibt ein Zitat in „Resurrection Man“ – als die Verletzungen eines der Opfer der Butchers beschrieben wird, sagt der Pathologe, dass die Zunge bei der Wurzel getrennt wurde und „neue Zungen erfunden werden müssten“.“ Eoin McNamee hat eine eigene Form für seine Romane gefunden, denen stets ein wahrer Kriminalfall zugrunde liegt, die mit faction umschrieben wird, einer Mischung aus Fakten und Fiktionen. „Als ich das Buch über die Serienmorde der Shankhill Butchers geschrieben habe, habe ich Fakten verwendet, aber am Ende die Namen geändert. Im Nachhinein erschien mir das unaufrichtig, also habe ich die richtigen Namen in „Blue Tango“ behalten. Ich gehe von realen Ereignissen aus, weil es scheint, dass diese Geschichten und die Zeiten, in denen sie passiert sind, in dieser Art und Weise geschrieben werden müssen.“

Die nordirische Gesellschaft und ihre Spaltungen sind in Eoin McNamees „Blue“-Trilogie in jeden Satz eingeschrieben. Es gibt keine Kämpfer, Aktivisten, Terroristen oder Aufklärer, sondern geplagte Menschen und insbesondere einen Mann, der sich innerhalb dieses Systems bewegt und dadurch dessen Bedingungen und Auswirkungen ersichtlich macht: Lancelot Curran, Mitglied des Orange Order, Chief Whip und Richter am High Court. Jedoch zeichnet McNamee nicht dessen Werdegang nach, sondern beschäftigt sich mit dem Mord an Currans 19-jährige Tochter Patricia. „Als ich neun oder zehn Jahre alt war, fand ich eine alte Zeitung in einer Schublade zu Hause“, erzählt er. „Das Papier war gelb und brüchig. Die Schlagzeile lautete „Judge’s Daughter Slain“.“ Damit begann seine Faszination für diesen Fall: „Korruption. Mord. Abweichende Sexualität. Das Foto eines wunderschönen 19-jährigen Mädchens, ihr sinnlicher Mund mit traurigen Zügen, die Augen im Schatten, so dass man sich in ihrer unwiderstehlichen Leere verliert.“ Also begann er damit, den Fall in dem für den Booker Prize nominierten „The Blue Tango“ literarisch zu ergründen.

Der Fall Patricia Curran
Patricia Curran wurde am 12. November 1952 tot in der Auffahrt zu dem Haus der Currans (Glen House, Whiteabbey, County Antrim) gefunden. Auf sie wurde 37-mal eingestochen. Schnell wurde Iain Hay Gordon als mutmaßlicher Mörder festgenommen und auf der Grundlage eines erzwungenen und später widerrufenen Geständnisses sowie fehlenden Alibis verurteilt. Seine Strafe wurde dann zunächst wegen vorübergehender Unzurechnungsfähigkeit abgemildert, im Jahr 2000 wurde das Urteil schließlich aufgehoben. Der Fall wurde bis heute nicht aufgeklärt.

Von Anfang an gab es Widersprüche und Irritationen bei diesem Fall, denen McNamee insbesondere nachgeht. Patricias Vater, Richter Curran, war ein Spieler, hoch verschuldet, er hat kurz vor Patricias Tod mit ihr gestritten, weil er das Haus verkaufen wollte, und ihre finanzielle Unterstützung gestrichen. Außerdem rief er bei ihrem Freund an, ob er wisse, wo Patrica bleibe, obwohl er ihre Leiche bereits in der Auffahrt gefunden hatte. Augenscheinlich wurde die Leiche zudem bewegt, und es gibt Hinweise, dass der Tatort verändert wurde. Patricias Mutter wirkte eingeschüchtert, gab sich gleichermaßen moralisch überlegen und voller Rache; ihr Bruder Desmond schien von Gordon, dem vermeintlichen Mörder, fasziniert. Die Currans erscheinen somit weitaus verrückter als der damalige Hauptverdächtige – und Patricia scheint noch die Vernünftigste von ihnen zu sein, obwohl sie als wildes Kind und amoralischer Teenager galt. Doch McNamee ist nicht nur an dieser Familie interessiert, die sich aufführt, „als inszenierten sie ihr eigenes Theaterstück“, er blickt zudem auf die Ermittlungen, auf einen hochrangigen Polizisten, der Patricias Vater beruhigen will und ihn deshalb deckt, und auf eine Kleinstadt, die von der Aufregung ob eines solchen Falls ergriffen wird.

Weitere Mordfälle
Als er das erste Buch beendet hatte, erfuhr McNamee, „dass Curran dem Prozess gegen McGladdery wegen des Mordes an Pearl Gamble vorsaß und dessen Todesurteil verhängt sowie 1949 gegen Robert Taylor wegen Mordes ermittelt hat.“ Damit war Lancelot Curran an zwei zentralen Mordfällen der nordirischen Geschichte beteiligt. Diese beiden Fälle bearbeitet McNamee in den beiden nachfolgenden Büchern, die sich stets innerhalb des Subtextes des Mordes an Patrica bewegen.

Allein schon die Grundkonstellation von „Orchid Blue“ (dt. „Requiem“) ist gleichermaßen historisch korrekt wie erstaunlich: Im Jahr 1961, also neun Jahre nach der Ermordung seiner Tochter, saß Lancelot Curran als Richter einem Prozess vor, bei dem über den mutmaßlichen Mörder der 19-jährigen Pearl Gamble geurteilt wurde, die nicht nur im selben Alter wie seine Tochter war, sondern ebenfalls erstochen wurde. Pearls Heimatstadt ist sich trotz fehlender Beweise einig, dass Robert McGladdery der Täter sein muss. Der von außen hinzukommene Inspector Eddie McCrink hat ernsthafte Zweifel an den Beweisen und den Zeugenaussagen, erreicht aber nichts. Vielmehr sagt ihm ein Ortsansässiger von vorneherein, dass er nicht herausfinden werde, was in der Nacht passiert sei. Das sei Aufgabe des Ortes – und der Ort werde sich darum kümmern. Tatsächlich endet der Prozess trotz der Widersprüche mit einer Verurteilung McGladderys und dem letzten Todesurteil in Nordirland durch Erhängen. Dabei legt McNamee in „Orchid Blue“ abermals offen, wie Vorverurteilungen die Ermittlungen in einem Mordprozess behindern und wie fatal sich Einflussnahme auswirken kann. Da sich die Vorurteile über alle gesellschaftlichen Schichten erstrecken, liefert er zudem eine ernüchternde Analyse der sozialen Ordnung in Nordirland.

In „Blue is the night“ werden Ereignisse auf zwei Zeitebenen verhandelt: Im Jahr 1949 wird die katholische Mary McGowan in ihrem Haus überfallen und stranguliert. Als Täter wird der Protestant Robert Taylor verdächtigt, der einige Wochen zuvor Malerarbeiten in ihrem Haus verrichtet hat. Die Beweise sind erdrückend, zudem hat er kein Alibi. Damals war Lancelot Curran noch Staatsanwalt mit vielversprechenden Aufstiegschancen – und er hat ein Ziel: Er will Taylor hängen sehen. Aber Harry Ferguson, Currans Verbündeter und Hintermann, weiß, dass ein Schuldspruch zu Aufständen führen wird, die der Karriere von Lancelot Curran irreparabel schaden werden. Egal, wie schuldig Robert Taylor ist: Im Jahr 1949 kann kein Protestant mit dem Tod für die Ermordung einer Katholikin bestraft werden. Abermals nehmen also politische Überlegungen Einfluss auf einen Prozess, verhindern Eingriffe eine faire Verhandlung. Verbunden werden diese Ereignisse erneut mit der Ermordung von Patricia Curran, der Ferguson im Jahr 1961 nachzugehen versucht.

Die Handlungsstränge sind verbunden von Wahnsinn und Perversität, Betrug und Korruption sowie politische Machenschaften mit fatalen Folgen. Sie erzählen von einer Gesellschaft, in der Religion Einfluss auf die Rechtsprechung hat, und einem Mann, der für dieses System fast paradigmatisch steht. Lancelot Curran „spielt mit seinem Leben und gewinnt, aber sein Preis besteht aus einer erschlagenen Tochter, einem Sohn, der in Rom Priester wird, und einer Ehefrau in einer Irrenanstalt.“

Geplagte Seelen
McNamee liefert keine Aufklärung der Fälle, er beteiligt sich nicht an Spekulationen, weil diese zu viele Unschuldige ins Gefängnis gebracht haben. Vielmehr macht die „Blue“-Trilogie sehr deutlich, dass in Nordirland – und vielen anderen Gesellschaften – Mauern und Zäune gebaut werden, damit der Feind, das Andere außen vor bleibt, nicht eindringen kann. Jedoch befindet sich der Feind bereits innerhalb der Gesellschaft, er ist mitten unter uns. Einzelne begehren dagegen auf, doch „das Schicksal ist entschieden, bevor man handelt, und was man tut ist vergeblich, der Noir-Protagonist erhebt dennoch seine Faust gegen sein Schicksal, gegen Gott und das Universum und gelobt nutzlos Missachtung im Namen der Moral.“ Und Eoin McNamees Figuren haben wahrlich eine innere Düsternis.

Sonja Hartl (c) 08/2016

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