Jack Laidlaw ist Polizist in Glasgow. Seine Ehe ist gescheitert, seine Vorgesetzten halten ihn für einen grüblerischen Eigenbrötler und er ist einsam. Im Verlauf der drei Romane von William McIlvanney entfernt sich Laidlaw zudem immer mehr von den Menschen in seinem Leben. Er ist – wie die besten fiktionalen Polizisten – eine romantisierte Figur, ein Polizist, der Kierkegaard und Camus liest, einer Mutter aus der Arbeiterklasse keinen Wunsch abschlagen kann und immer auf der Seite der Schwachen steht. Für ihn ist das Verbrechen nicht nur Teil der Gesellschaft, sondern sie trägt zudem die Verantwortung für verbrecherische Taten. Deshalb erforscht er in seinen Ermittlungen auch das Leben der Menschen in Glasgow.

Wahrheiten und Gerechtigkeiten
In den Fällen, in denen Laidlaw ermittelt, spielen moralische und philosophische Überlegungen eine wichtige Rolle; sie sind weit entfernt von einfachen Rätselgeschichten oder whodunits. In dem ersten Teil „Laidlaw“ ist der Mörder einer junger Frau von Anfang an bekannt, im Mittelpunkt steht indes die Frage, wer ihn zuerst fasst: Laidlaw, der ihn der Justiz übergeben will, oder der trauernde Vater, der Rache üben will. Unbeirrt untersucht Laidlaw die Umstände, die zum Tod der jungen Frau führten – und kommt auf diese Weise einem Täter auf die Spur, dessen Motiv für die Tat in der eigenen sexuellen Verwirrung zu finden ist. Die Ausübung von Gewalt war für ihn die einzige Ausdrucksmöglichkeit, der einzige Weg, der Wahrheit über sich selbst zu entgehen.

Im zweiten Teil, „Die Suche nach Tony Veitch“, versucht Laidlaw herauszufinden, warum sein Spitzel Eck Adamson sterben musste. Aufgrund der letzten Worte des alkoholkranken Obdachlosen ist er überzeugt, dass Eck ermordet wurde, aber seine Kollegen werden die Tat nicht untersuchen. Für Laidlaw hingegen verdient jedes Mordopfer eine ernsthafte Ermittlung und einen würdigen Abschied, Gerechtigkeit ist – sofern es sie gibt – ein Konzept, das für jeden Menschen gilt. Als er dann eine Verbindung zu dem Tod eines Gangsters und dem Verschwinden eines Studenten gefunden zu haben glaubt, zeigt sich, dass Taten nicht isoliert stattfinden, sondern mit Entscheidungen und Entwicklungen zusammenhängen.

In „Fremde Treue“ gibt es anfangs noch nicht einmal mehr einen Fall, sondern nur Laidlaws Wunsch nach der Wahrheit: Er will herausfinden, was geschehen ist, bevor sein Bruder eines Nachts betrunken vor ein Auto gelaufen ist. Dessen Tod stürzt ihn in düstere Grübeleien über Sterblichkeit und das eigene Leben, denen er nur zu entkommen scheint, wenn er eine Bedeutung in dem Tod des einen und Leben des anderen findet.

Die Macht des Zweifels
Zu Jack Laidlaws herausragenden Eigenschaften gehört seine Empathie. Er fühlt sich in die Not des Mörders einer jungen Frau ebenso ein wie in die des Vaters, er vollzieht die Sorge eines kleinen Gauners nach, der seiner Mutter nicht die volle Wahrheit über sein verkorkstes Leben zumuten will. Allein in seinem Privatleben geht ihm diese Fähigkeit mitunter verloren, hier reagiert er mit Rückzug in seine innere Düsternis, in die ihm letztlich weder Frau noch Freundin folgen können – oder wollen.

Vor allem ist Jack Laidlaw jedoch ein melancholischer Zweifler. „Zweifel ist für mich die fruchtbarste Emotion in der Welt, Sicherheit zerstört alles. Deshalb ist Laidlaw ein selbstzweifelnder Mann, und dieser Zweifel dehnt sich auf uns aus“, erzählt William McIlvanney im Gespräch. Deshalb sind Laidlaws Zweifel auch kein Etikett oder eine Masche, sondern sie spiegeln sich in ihm, seinen Handlungen und Nachforschungen wider. „Für mich und Laidlaw sind Zweifel und Verbrechen Wege, die Gesellschaft durch Infragestellen zu erforschen.“

Laidlaw hadert mit den moralischen und gesellschaftlichen Implikationen der Zeit, er ist inmitten der depressiven und egozentrischen Ermittler gängiger Kriminalliteratur ein äußerst eigenständiger Charakter. „Zu viele Detektivromane sind einfach nur ein Puzzle, in dem der Detektiv der Gute und der Verbrecher der Böse ist. Beim Lesen sollen dann alle Rätsel und Fragen gelöst werden. Aber es geht nicht darum, wer etwas getan hat, sondern warum er es getan hat und was es über die Gesellschaft aussagt“, betont McIlvanney. Deshalb hadert Laidlaw mit den Menschen – und zwar gleichermaßen mit den Reichen wie den Armen. Ihre Leben sind gleichermaßen von Gewalt bestimmt, die einen nutzen Gewalt um ihre Macht zu demonstrieren, für die anderen ist es mitunter der einzige Weg sich auszudrücken. Deshalb sind die Romane zugleich auch Abhandlungen über das Menschsein, deshalb gibt es in „Fremde Treue“ einen Mann, der gleichermaßen ein liebevoller Familienvater und teuflischer Verbrecher ist. Denn die Welt ist nicht einfach, sie steckt voller Dualität. Und es sind – für Laidlaw wie für McIlvanney – die falschen Sicherheiten, die die Menschen zerstören.

Mit Laidlaw erzählt McIlvanney daher mit sehr genauem Gespür von den Menschen in Glasgow, von ihren Problemen und ihrer Gegenwart. Dabei offenbaren Laidlaws Schlussfolgerungen auch weit über 30 Jahre nach der Erstveröffentlichung von „Laidlaw“ ungebrochene Aktualität. Die Probleme haben sich kaum geändert: Es geht um Arbeitslosigkeit, Armut und Angst vor dem Unbekannten. McIlvanney zeigt, dass (gute) Kriminalgeschichten immer auch die Gesellschaft erforschen, bei ihm sind sie gleichermaßen Kriminalroman wie Sozialstudie. Als Laidlaw nach einem Besuch in einem vornehmen Restaurant feststellt, dass er dort inmitten der Wohlhabenden und am Tisch eines demonstrativ glücklichen Paares nicht gerne gewesen sei, fällt ihm eine Formulierung ein, die ihm den Grund zu verstehen hilft: „Kultivierte Verarmung. Wenn man so niveauvoll ist, dass man die Erfahrungen der Mehrheit wie Abfall aus dem eigenen Leben entfernt.“ Diese Diagnose aus dem Jahr 1991trifft heute weiterhin zu – und es sind Überlegungen und Sätze wie dieser, die aus Laidlaw einen so unwiderstehlichen Zweifler werden lassen.

Sonja Hartl (c) 10/2015

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