„Something Wicked This Way Comes“ heißt einer der großen amerikanischen Kleinstadtstadtromane von Ray Bradbury – der Jahrmarkt kommt in die Stadt, dabei ein tätowierter Mann und somit das Grauen. „Gauklersommer“ ist der glücklich gewählte deutsche Titel von Joe R. Lansdales Bradbury-Hommage, in der das Grauen mit dem Jahrmarkt in die Städte kommt und ein tätowierter Mann auch.

Thema von Lansdales Roman ist – wen wundert’s? – einmal mehr die Verheerungen einer Kleinstadt, das Offenlegen der „vielen unschönen Dinge, die unter der Oberfläche krabbeln und zappeln wie hungrige Würmer in verdorbenem Fleisch“.

Lansdale-Leser kennen Camp Rapture schon aus „Kahlschlag“, als in den 1930ern eine beherzte und bewaffnete Frau sich zum Ordnungshüter ernannte und in der Schlangengrube aufräumte. Zwei Generationen später kommt ihr Enkel, der traumatisierte Irak-Kriegsveteran Cason Statler, der in Houston als pulitzerverdächtiger Journalist über sich selbst und die Frau seines Chefredakteurs gestolpert war, zum Lokalblatt, um seine biografischen Wunden zu lecken und endlich mit dem Saufen aufzuhören.

Und natürlich – wen wundert’s? – stolpert er in eine ungelöste Geschichte: Die blendend schöne Caroline ist verschwunden, man hält sie für tot. Eine DVD taucht auf, um Cason Statlers Bruder Jimmy zu erpressen: Der ist Geschichtsprofessor, Überflieger und ein anständiger Bürger von Camp Rapture, was für sein Rumvögeln mit eben jener Caroline kein Hindernis ist. Cason muss seinen Bruder aus dem Schlamassel holen und damit geht die Büchse der Pandora auf. Denn das Böse ist in der Stadt, sogar ganz nahe an Statler dran …

Lansdale erzählt seinen country noir wie immer mit großer Verve, mit einem weiten Blick für die realpolitischen Grundlagen der geschilderten Welt, für die Absurditäten des Lebens. In diesem Buch geht es neben dem Post 9/11-Trauma der Amis und den üblichen politisch sinnvollen Anti-Bush-Statements um den tiefen Rassismus, in dem sich schwarz und weiß gemütlich eingerichtet haben. Lansdale baut eine satirische Geschichte über einen weißen und einen schwarzen Hassprediger ein, die sich gegenseitig bedingen und die beide nicht ganz unverdiente Opfer diabolischer Machenschaften werden. Es geht sonst noch um family values und Fundamentalismen und um die Möglichkeiten für üble Gauklertricks, die einem solchen Nährboden entspringen. Dass man dennoch gerne mal in Ost-Texas (wo Lansdale enthusiastisch gerne in Nacogdoches lebt) vorbeischauen möchte, ist trotz dieser grimmigen Konstellation der deutlich spürbaren Zuneigung des Autors zu seinen Schauplätzen und den sehr menschlichen Menschlein, die seine Figuren allesamt sind, zu verdanken.

Horror, noir
Aber man muss schon ein bisschen vorsichtig sein, wo man Lansdale in einem Spannungsfeld von, sagen wir [[William Faulkner]], [[Ray Bradbury]], [[Stephen King]] und [[E. Annie Proulx]], positionieren möchte.
Lansdale ist ein Genre-Autor, der zwischen horror und noir hin und her oszilliert. Er ist, pointiert gesagt, ein brillanter Trashautor. „Gauklersommer“ funktioniert völlig voraussagbar – wer das Böse ist, ist klar und genremässig noir-definiert und damit Klischee pur; viele Figuren, wie etwa Casons neue Freundin Belinda sind so nett, dass sie jedem Lektoratsgeschwätz über „Figurenzeichnung“ Hohn sprechen. Lansdales Hang zum literarischen slashen kommt zur immerhin dezenten Entfaltung, das house of horror ist da und das stille Grab mit lebendigem Inhalt auch. Im Galopp der Handlung bleiben ein paar Stränge liegen und werden nur hastig am Ende wieder notdürftig eingesammelt und die Freude an krachend derber Vulgärsprache wird so ziemlich unterschiedslos an allen Figuren (was interessieren da groß Soziolekte?) ausgetobt. Zudem strotzt das Buch vor (vor)pubertärer Freude an analen Scherzen.

Genre!!!
Lansdale schert sich einen feuchten Kehricht um die Werte „guter Literatur“ und darin liegt sein Charme. Alleine für Vignetten wie die Skizze eines völlig inkompetenten Sheriffs, der alles andere lieber wäre als das, ist der Roman jeden Cent wert. Aber so ist das mit Figuren aus dem Typenarsenal: Entweder ist der Dorf-Sheriff inkompetent oder aber stockschlau (wie z. B. Mario Balzic aus der Feder von K.C. Constantine – viel Bewegungsraum hat man nicht da nicht, will man nicht gleich „das Genre sprengen“ oder wir die üblichen Sprüche dazu auch heißen mögen. Diesen engen Platz aber nutzt Lansdale grandios aus.

„Gauklersommer“ ist nichts anderes als ein kleiner Roman über eine miese, fiese, irre und serialkillende Bonnie-&-Clyde-Variante. Irgendwelche Überhöhungen, symbolisch, metaphorisch, allegorisch, sind wahrlich nicht Lansdales Ding. Davor und vor schicken Exegesen schützt glücklicherweise der hohe Trash-Faktor. Lansdale bringt den Unterschied zwischen U und E ganz präzise auf den Punkt: U muss nichts wollen, muss die Welt nicht erklären, braucht keinen zwei- bis vierfachen Schriftsinn, sondern muss nur in einem plausiblen Raum/Zeit-Rahmen spielen. So geht intelligente, gar witzige populare culture.

Seriös?

Die Ironie dabei jedoch ist, dass solches wahrhaft „populäre Erzählen“ (weil es tief in den populärkulturellen Traditionen verankert ist) in einem Winzverlag für ein „elitäres“ Fan-Publikum, den Hütern der Heiligen Flamme namens „Distinktionsgewinn“, erscheinen muss, während die banalen bis prätentiösen Belanglosigkeiten von [[Jan Costin Wagner]] bis [[Nele Neuhaus]], als „Genre“ getarnt, die breiten Lesermassen erreichen.

Aber nicht alles entscheiden die Paratexte – egal, was man draufschreibt und wie man ihn im Markt platzieren möchte: Lansdale zum „seriösen“ Gegenwartsautor zu machen wäre genauso verbogen, wie aus Nele Neuhaus – oder wem auch immer aus diesem Segment – eine seriöse Genre-Autorin.

Und natĂĽrlich ist Lansdale ein grandioser Schriftsteller, irgendwo zwischen Horror und Noir.

(c) Thomas Wörtche, 20101 (CulturMag)

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