Inmitten früher Films noirs wie „The Maltese Falcon“, „Double Indemnity“ und „Murder, My Sweet“ wird allzu oft ein Film übersehen, der nicht nur einen Prototypen des Films noirs, sondern des Kriminalfilms im Allgemeinen geschaffen hat: Frank Tuttles „This Gun for Hire“ ist einer der ersten Filme, die einen Auftragskiller als Protagonisten haben.

„This Gun for Hire“ ist Adaption des Romans „A Gun for Sale“ von Graham Greene. In dem Roman erhält der Profikiller Raven den Auftrag, einen Minister zu töten, um einen Krieg zu provozieren, durch den seine Auftraggeber reich werden wollen. Jedoch hintergehen sie Raven, indem sie ihn mit falschen Banknoten bezahlen und dadurch zu einem gesuchten Mann machen. In der Paramount-Verfilmung wird nun die Handlung von England in die USA verlagert, die Bösewichte gehören einer fünften Kolonne der Nazis an. In beiden Versionen arbeitet Raven für den Höchstbietenden, ist professionell und kaltblütig. Jedoch ist seine Figur moralisch und physisch weit weniger abstoßend als im Buch. Im Hollywood des Jahres 1942 ist schon ein Auftragskiller als Titelfigur bemerkenswert, zudem ist er der erste hit man, der psychologisch ausgestaltet wird. Als Erklärung für sein Verhalten haben die Drehbuchautoren Albert Maltz und W.R. Burnett eine schlimme Kindheit ersinnt, in der Raven von einer bösen Tante misshandelt wurde. Sie hat ihm mit einem Bügeleisen die linke Hand zerschlagen, die in dem deutschen Titel fälschlicherweise als „Narbenhand“ bezeichnet wird (im Roman verunstaltet ihn eine Hasenspalte) – und seither übt er gemäß küchenpsychologischen Weisheiten Rache für diese Misshandlungen: Er tötet, um seine Verkrüpplung zu vergessen. Hier zeigt sich der Einfluss eines simplen Verständnisses Freuds, zudem sehnt sich Raven nach psychoanalytischer Heilung, er sagt, dass er jede Nacht träume und von einem Arzt gelesen habe, dem man seine Träume erzählen könne, damit man sie nicht mehr träumen müsse.

Schon in der Einstiegssequenz wird daher deutlich, dass der stoische Raven nicht nur schlechte Seiten hat: Er ist in seinem Zimmer, als eine kleine Katze an sein Fenster kommt, er öffnet es und füttert sie. Als ein Zimmermädchen hinzukommt, das die Katze verscheuchen will, greift er die junge Frau an. Raven hat somit ein Herz für Katzen, auch verschont er ein wehrloses Kind, das ihn auf dem Weg zu dem Zimmer gesehen hat, in dem er seinen Mord begeht wird. Damit werden seine psychopathischen Züge ausgeglichen, zumal er später an dem versehentlichen Tod einer anderen Katze weitaus mehr zu knabbern hat als den anderen Morden an Menschen. Hinzu kommt, dass er durch die Bekanntschaft mit der singenden und zaubernden Entertainerin Ellen Graham noch an seine patriotischen Pflichten erinnert wird: „This war is everybody’s business, yours, too.“ Und er sich in sie verliebt. Daher ist es nur folgerichtig, dass sich Raven am Ende opfert, damit Ellen, die Welt und die US-Nation gerettet werden können – er verhindert, dass den Japanern eine Formel für Giftgas in die Hände fällt

Somit ist in „This Gun for Hire“ wie „Ministry of Fear“ oder „Cornered“ der Weltkrieg sehr präsent. Dieser Hintergrund ermöglicht einen Freiraum bei der Zensur, innerhalb dessen Ravens Figur ausgestaltet werden kann. Hinzu kommt das Schauspiel von Alan Ladd. Seine reduzierte Spielweise fügt sich hervorragend in den Charakter ein, anfangs ist sein Gesichtsausdruck stoisch, verzieht er nur sein Gesicht, als er den Abzug betätigt. Dann ziehen sich seine Mundwinkel leicht nach oben, zeigt sich der Anflug eines Lächelns, das der sadistische Mörder im Angesicht des Opfers empfindet. Doch durch die Bekanntschaft mit Ellen kommen mehr Nuancen hinzu. (Tatsächlich machte „This Gun for Hire“ aus Alan Ladd und Veronica Lake ein Traumpaar in Hollywood.) Raven ist nicht wirklich böse, aber natürlich auch kein guter Mensch. Er ist zögerlich, beherrscht von den Dämonen seiner Vergangenheit und zum Untergang verdammt. Das macht ihn zum perfekten Noir-Antihelden, unterscheidet ihn zudem deutlich von den Gangstern früherer Filme, die in „Little Caesar“ (1931), „The Public Enemy“ (1931) und „Scarface“ (1932) dem Aufstiegsgedanken verbunden waren. Jedoch ist er noch etwas positiver gezeichnet als beispielsweise Cody Jarrett (James Cagney) in „White Heat“ (1949, Raoul Walsh). Wenngleich Raymond Chandler über Alan Ladd gesagt haben soll, er sei„a small boy’s idea of a tough guy“, bringt Ladd gerade mit seiner starren Mimik und dem ruhigen, emotionslosen Sprechen ausreichen Rätselhaftigkeit zu dieser Figur des Auftragskiller. Ladd schließt hiermit an das Spiel Jean Gabins in den französischen Kriminalfilmen der 1930er Jahre an, in denen er Coolness, der verwundbaren Nihilismus und verletzliche Männlichkeit verkörperte. Sie sind Männer, die vom Leben betrogen wurden.

Es ist dieser unterkühlte Habitus, der für den Auftragskiller prototypisch geworden ist. Laut Borde/Chaumeton führte „This Gun for Hire“ den „angelic killer“ (zit. nach Naremore, More than Night) als Figur ein; sie zitieren Baudelaire, der folgende Zeilen für ihn geschrieben haben könnte: „Je te frapperai sans colère / Et sans haine, comme un boucher“. (Hieran erinnern auch die Killer der anderen Greene-Verfilmungen „Brighton Rock“ und „The Third Man“). Daher ist Raven der Vorgänger für Alain Delon in „Le Samouraï“ (Jean-Pierre Melville, 1967), Jean Reno in „Léon“ (Luc Besson, 1994) und Forest Whitaker in „Ghost Dog: Way of the Samurai“ (Jim Jarmusch, 1999). Während in „Le Samouraï“ gewissermaßen der psychologische Unterbau der Figur durch Existentialismus ersetzt wurde, zeigt Tom Cruise in „Collateral“ (2004, Michael Mann) Züge von Raven: Profikiller Vincent ist psychologisch beschädigt, in der Kindheit traumatisiert und unternimmt einen Rachefeldzug gegen die Gesellschaft. Dabei verkörpert der Taxifahrer Max (Jamie Foxx), der ihn von Mord zu Mord fährt, das Gegenteil: Er hat die Fähigkeit zur Liebe, Freundschaft und Zärtlichkeit. Letztlich triumphiert Max, weil er die Staatsanwältin retten kann und Vincent tötet. In Erinnerung bleibt aber wie bei „This Gun for Hire“ die Stille im Tod von Max: Er stirbt ruhig auf dem Sitz in einer U-Bahn.

Zugleich weist Raven als Weiterentwicklung der Gangsterfigur der 1930er Jahre auf die vielen gebrochenen Helden des Film noir hin: sie sind weder eindeutig gut, noch böse und haben – wie Raven – auch keine moralischen Kompasse, an denen sie ihr Handeln ausrichten können. Damit weist „This Gun for Hire“ schon auf die Welt des Film noir hin: Sie ist desolat, gefangen in einem Alptraum, aus dem es kein Erwachen gibt. Die Gesellschaft ist korrupt und profitgierig, das Individuum wird rücksichtslos ausgebeutet. Exemplarisch stehen hierfür Ravens Auftraggeber: Der Nachtclubbesitzer Willard Gates, der jede Frau begehrt, und der Industrielle Alvon Brewster, grotesk überzeichnete Karikatur eines wahnsinnigen Industriellen, gewissermaßen ein Vorgänger des Dr. Strangelove, ein Nachfahre des Dr. Mabuse. In dieser Welt ist Raven die nicht zu kontrollierende Komponente. Deshalb ist „This Gun for Hire“ nicht nur ein oftmals unterschätzter, einflussreicher Kriminalfilm, sondern er verbindet Gangsterfilm und Poetischen Realismus und überführt sie in den Film noir.

Sonja Hartl (c) 04/2016

zur Übersicht zurück