In unserer Reihe beantworten Schriftsteller_innen, Übersetzer_innen und Verleger_innen die Frage „Was ist noir?“. Der folgende Beitrag stammt von Dominique Manotti und wurde von Iris Konopik aus dem Französischen übersetzt.

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Der Kriminalroman im neunzehnten und der Roman noir im zwanzigsten Jahrhundert gehen beide aus der industriellen Revolution hervor und aus dem exponentiellen Wachstum der Industriestädte seit dem 19. Jahrhundert. Nur ein Beispiel: Chicago, bei seiner Gründung 1833 ein paar hundert Einwohner, zwei Millionen und mehr in den 1880er Jahren. Wimmelnde, vielschichtige, undurchschaubare Städte. Um von ihnen zu erzählen, muss man neue literarische Formen finden, und eine solche wird der Kriminalroman, später der Roman noir. Die beiden Romanformen tragen starke gemeinsame Züge: Beide wählen das Verbrechen als Analyseinstrument, als Skalpell, um die Individuen und die gesellschaftlichen Gruppen, die in den Städten wimmeln, zu tranchieren, ihr Innerstes bloßzulegen. Beide setzen darauf, dass die Wahrheit einer Gesellschaft sich an ihren Rändern enthüllt. Man kann also sagen, dass sie vom gleichen Standpunkt ausgehen. Aber danach ist ihr Blick sehr verschieden.

Die Kriminalliteratur beginnt mit einem Verbrechen, einer Störung, einem Bruch in der gesellschaftlichen Ordnung. Das Verbrechen löst eine Ermittlung aus, die von ganz unterschiedlichen Figuren durchgeführt werden kann: Polizisten, Privatpersonen, Anwälte, Journalisten. Man erinnert sich sogar an eine gewisse alte Dame … Die Ermittlung schließt mit der Entdeckung des Unruhestifters und mit seiner Bestrafung in der einen oder anderen Form. In diesem Schema stellt das Verbrechen eine Anomalie dar, am Ende des Buches wird der Verbrecher entlarvt und bestraft, die Ordnung wird wiederhergestellt. Die Perspektive ist die des Ermittlers, mit dem sich zu identifizieren der Leser animiert wird. Zu Beginn hat er Angst, am Ende ist er beruhigt. Alles ist gut. Der Thriller, der derzeit Erfolge feiert, funktioniert nicht grundlegend anders, nur dass die Perspektive die des potenziellen Opfers ist, einer fortwährend bedrohten Figur, also hat der Leser noch größere Angst – und es ist ein wohliges Gefühl, sich spielerisch Angst machen zu lassen, wenn man weiß, dass am Ende der Erzählung alles wieder in die gewohnte Ordnung kommen wird.

Beim »Noir« (oder jedenfalls bei einer führenden Strömung innerhalb des Noir) ist der Blick ein grundlegend anderer. Das Augenmerk richtet sich auf ein Geflecht sozialer Beziehungen in einem Viertel oder einer Stadt (der Autor wählt sein Feld), dessen Komplexität und Stabilität durch das Verbrechen offenbar wird. Das Verbrechen ist nicht mehr das Werk eines einzelnen Übeltäters, der ausfindig gemacht und isoliert werden kann – das Verbrechen ist ein Rädchen in der gesellschaftlichen Maschinerie und der Verbrecher einer der Akteure, die sie in Gang halten. Die kriminelle Gewalt ist ein Rädchen zur Aufrechterhaltung der Ordnung. Es gibt am Ende des Romans also keinerlei »Wiederherstellung der Ordnung«, da das Verbrechen Bestandteil der Ordnung ist. Romans noirs gehen in der Regel schlecht aus.

Der Kriminalroman entsteht im 19. Jahrhundert in drei Ländern, in denen die industrielle Revolution und der Einfluss der Aufklärung voranschreiten – England, USA, Frankreich –, in einem Klima des Optimismus, des Fortschrittsglaubens. Der Roman noir entsteht im 20. Jahrhundert in den USA, inmitten der Krise von 1929 und zur Hochzeit der Prohibition. Die Epoche des Optimismus und des Glaubens an grenzenlosen Fortschritt ist längst vergangen. Dashiell Hammett schildert in Rote Ernte oder Der gläserne Schlüssel, wie sich ganze Städte in der Hand organisierter Gangsterbanden befinden. Der Roman noir erlebt seit den 1980er Jahren und dem Sieg des Neoliberalismus eine neue Blüte – mit James Ellroy in den USA, aber auch in vielen anderen Ländern, beispielsweise Italien mit dem fantastischen Romanzo Criminale von Giancarlo De Cataldo, in dem eine Gang jugendlicher Kleinkrimineller aus dem römischen Viertel Magliana gedeiht, sich entwickelt und nur deshalb zu Fall kommt, weil die Mafia, mit der zu verbünden sie sich bemüht haben, es so beschließt.

In dieser gesamten Literaturgattung ist die Stadt die Hauptfigur. Poisonville bei Hammett, Los Angeles bei Ellroy, Rom bei De Cataldo, Baltimore in der Fernsehserie The Wire. Und all die anderen. Das ist kein Zufall, es ist ein organisches Verbindungsglied, denn die Noir-Literatur interessiert sich sehr viel mehr für Menschen in Gesellschaft – ihre Handlungen, die Resonanz ihrer Handlungen, dafür, wie sie im Strom der sozialen Interaktionen mitschwimmen oder darin untergehen – als für ihre mutmaßlichen individuellen psychologischen Motivationen. Und die Stadt ist der Ort, an dem sich die Bevölkerung konzentriert, wo sich Milieus und Netzwerke übereinanderschichten, ein Ort, der vielfältige Chancen bietet und zugleich die Möglichkeit, sich zu schützen, in die Anonymität zurückzukehren. Sie ist außerdem der Ort, an dem die »legalen« Mächte leibhaftig werden, mit denen die kriminellen Netzwerke in ständiger Verhandlung stehen. Und in diesem brodelnden »melting pot« färbt die Moral der kriminellen Ränder auf die herrschenden Klassen ab.

Im jüngsten Zeitabschnitt, dem, in dem wir heute leben, übt die Moral der kriminellen Ränder starken Einfluss auf die Moral der herrschenden Klasse aus. In Wirtschaftskreisen, in der Finanzwelt ist der Begriff der »Legalität« ganz und gar relativ, flexibel, in den Industrieländern mittels Heeren von Anwälten und Buchhaltern leicht zu umgehen. In den anderen Ländern ist das kriminelle Verhalten der Geschäftswelt oft sehr viel unverblümter und brutaler. Weit vergnüglicher: die ausschweifenden Partys mit Alkohol, Drogen, Mädchen, Glücksspiel als Bestandteil des Lebens krimineller Banden, eine ganze Kultur des Adrenalins und der Macht, in der die Party als Marker der Zugehörigkeit zu einer Welt jenseits der Norm und des Banalen fungiert, wo alles erlaubt ist – diese ausschweifenden Partys greifen um sich. Ein beachtlicher Teil unserer gesellschaftlichen Eliten betreibt sie munter. Schon lange gibt es keinen Abschluss eines Waffengeschäfts mehr ohne die Ausrichtung einer Party mit Huren (umgetauft in Escort Girls), und die Gepflogenheit hat sich auf andere Zweige des Geschäftslebens ausgeweitet. Diese Sorte Party gehört zum Alltag von Brokern. Und die Nachrichten führen uns vor Augen, dass auch viele Politiker sie feiern. Als würde die Moral der kriminellen Banden direkt auf unsere Eliten abfärben, die nach denselben Gefühlen des Adrenalins, der Normüberschreitung, der Straflosigkeit streben.

In dieser Hinsicht ist Scorseses Film The Wolf of Wall Street eindrucksvoll. Dreiundzwanzig Jahre nach Goodfellas, einem seiner Meisterwerke, erzählt Scorsese nochmals die exakt gleiche Geschichte, wobei er sie in ein anderes Milieu versetzt. In Goodfellas träumt ein junger Chancenloser davon, es mit allen Mitteln zu etwas zu bringen, sich aus der anonymen und öden Masse zu lösen, indem er als Gangster Aufnahme in eine Mafiafamilie findet. Er schafft es, lebt auf großem Fuß, dann folgen Verrat und Rückfall in ein gewöhnliches Leben. In The Wolf of Wall Street die gleiche Laufbahn, die gleichen Motivationen, die gleichen kriminellen Mittel, aber in diesem Fall spielt die Geschichte unter den Brokern der Wall Street, und die Partys sind noch weit abgedrehter, weil keine »Familie« existiert, die sie regulieren könnte.
Der Roman noir ist der Roman unserer Zeit.

Dominique Manotti (c) 2015

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