Keine Helden, kein Happy End – das wäre die wohl kürzeste Definition von Noir, die aber wichtige Bestandteile des Genres außen vorlässt und Bücher mit einschließen würde, die kein Noir sind. Doch was steckt hinter diesem Wort, das seit einigen Jahren wieder häufiger verwendet wird? Fast scheint es, als sei noir mittlerweile weniger ein Genre oder ein Stilmittel (das wäre eine andere Diskussion) als es vielmehr ein Etikett und Werbemittel. Die ohnehin schwer zu fassende Definition des Wortes ist dadurch noch vager geworden, noch schwammiger als sie jemals war. Mit einem Blick auf die Entwicklung des Noir lassen sich jedoch Handlungselemente, Sujets und stilistische Mittel finden, aus denen sich einige Grundeigenschaften von Noir ableiten lassen.

Die Entstehung des Noir
Bei kaum einer literarischen Gattung, einem Genre oder einer Stilrichtung lässt sich eine klare Entwicklungslinie finden – und so auch bei dem Noir. In ihm finden sich Spuren der gothic novels, von Edgar Allen Poe und Sir Arthur Conan Doyle, vor allem vom Expressionismus und Existenzialismus, der Pulp-Magazine sowie Hammetts und Chandlers hardboiled-Stil. Aus der gothic novel stammen die düsteren, zerstörerischen Züge, Edgar Allen Poe schrieb mit dem „Untergang des Hauses Usher“ eine der ersten Geschichten mit Noir-Zügen und sogar in Sir Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes lassen sich trotz seines überlegenen Intellektes mit seiner Kokainsucht und tragischen Exzentrik bereits Ansätze eines Noir-Protagonisten finden. Der Expressionismus greift die Angst der Menschen infolge der Industrialisierung, Verstädterung und Massengesellschaft auf und drückt sie mit neuen Techniken aus – so ist der expressionistische deutsche Film der 1920er Jahre stilbildend für den film noir gewesen. In der Literatur sind es die Romane u.a. von Franz Kafka, die die Unsicherheit und Ohnmacht der Menschen widerspiegeln, und diese Themen werden in der Noir-Literatur auch verhandelt.

In den 1920er Jahren beginnt in den USA dann der Erfolg der Pulp-Magazine, in denen die Autoren in der Sprache der Straße, der Verlierer, Arbeiter, Gangster und Geschäftemacher deren Welt realistisch darstellen. Und so erscheint im Black-Mask-Magazine von November 1927 bis Februar 1928 eine Fortsetzungsgeschichte unter dem Titel „The Cleansing of Poisonville“, die im folgenden Jahr von Alfred A. Knopf unter dem Titel „Red Harvest“ („Rote Ernte“) als Buch veröffentlicht wird. Darin schickt Dashiell Hammett den Privatdetektiv „The Continental Op“ in die amerikanische Kleinstadt Personville, von den Bürgern Poisonville genannt, um einen Auftrag des örtlichen Zeitungsherausgebers zu übernehmen. Ehe er jedoch erfährt, worin dieser Auftrag besteht, wird der Auftraggeber ermordet. Daraufhin beginnt The Op zu ermitteln und deckt nach und nach einen Sumpf an Korruption und anderen Taten auf. Am Schluss steht dann keine Gerechtigkeit, sondern die Erkenntnis, dass am Ende jedes Verbrechens der Anfang des nächsten steht.

Im Gegensatz zu AutorInnen wie Agatha Christie ist das Verbrechen für Hammett kein Rätsel, sondern er besinnt er sich auf die Moral bzw. deren Abwesenheit und nutzt das Verbrechen zur moralischen Analyse. Hammett glaubt nicht mehr an Gerechtigkeit, sondern wird zum „Chronisten der Düsternis der Städte“ (Martin Compart, Noir 2000). Dabei ist die „Sprache Bedeutungsträger und gleichberechtigt gegenüber Plots und Figuren“ (Thomas Wörtche, Bestseller) und mit der „höchst kunstvollen Benutzung „un“-literarischer Sprache“ haben Autoren wie Hammett und auch Chester Himes „Suberversion nicht nur gegen den Themenkanon der „Hochliteratur“ betrieben, sondern solche Sujets (wie Korruption, Straßengewalt und all die Schmutzigkeiten des Alltags) erst sichtbar und literaturfähig gemacht.“

Düsternis definiert die Weltsicht im Noir, sie ist die Verbindung zum Existenziellen. „Im Noir-Roman fällt die Menschheit in einer Bar oder in der Dunkelheit dem Wahnsinn anheim. Er schildert Männer und Frauen, deren Lebensumstände sie zu weit getrieben haben, Menschen, deren Dasein verbogen und entstellt ist. (…) Sein Ziel besteht darin, Menschen dem miesen psychischen Wetter vor ihrer Haustür auszusetzen, wo alles und jeder von einem erbarmungslosen Regen aufgeweicht worden ist, der sich aus den Seelen der Menschen dort draußen ergießt. Es gibt ihn, damit Menschen begreifen, was Verzweiflung – die kleinen, dunklen Räume der Existenz, in denen alle Ausgänge vergittert, zugemauert sind – wirklich ist.“ (Derek Raymond, Die verdeckten Dateien) Daher erzählt James Malahan Cain in „The Postman Always Rings Twice“ von Menschen, die von ihren Bedürfnissen ins Verderben getrieben werden. Sie kämpfen, aber für sie gibt es keine Erlösung. Es gibt kein gut und böse mehr, kein schwarz und weiß, sondern die Welt besteht aus „Variationen der Dunkelheit“ (Dieter Paul Rudolph, Schwarz). „Mit Cain auf der einen Seite und Hammett und Chandler auf der anderen trennen sich die beiden wichtigsten Strömungen der Noir-Literatur.“ (Martin Compart) Hammett und Chandler teilen die existenzialistische Weltsicht, wenngleich Chandler sie durch die „moralische Dimension einer Erlöserfigur“ filtert. Für Cain und nachfolgende Autoren gibt es hingegen keine Erlösung mehr.

Die Düsterheit der Existenz, das Erkennen von Moral bzw. deren Abwesenheit und die Einsicht, dass es keine Erlösung – kein glückliches Ende – gibt, machen somit den Noir aus. Er konfrontiert die Leser mit dem „smell of fear“ (Raymond Chandler).

Motive, Themen, Stile
Aus dieser zugrunde liegenden Weltsicht lassen sich Themen und Handlungselemente ableiten. Oft geht es um die zerstörerische Kraft der Macht, die Bedeutungslosigkeit und Absurdität der Existenz, die Korrumpierung des öffentlichen Lebens, um Unordnung, Missbehagen, Unzufriedenheit. Die Protagonisten sind häufig Einzelgänger und soziale Außenseiter. Sogar wenn die Hauptfigur gut ist, ist sie zynisch und glaubt, dass die Gesellschaft korrupt sei, sie aber der Gerechtigkeit Genüge tun kann. Extreme sind die Norm – und weder das Gute noch die Gerechtigkeit werden zwangsläufig siegen. Meist wird ein Verbrechen begangen, oft steckt dahinter eine Obsession, und wird dadurch eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt, die häufig im Tod endet.

Das Verbrechen an sich ist jedoch zweitrangig, stattdessen geht es um das soziale und moralische Klima der Zeit. Deshalb ist „nicht jeder Kriminalroman ist ein Noir-Roman und nicht jeder Noir-Roman ist ein Kriminalroman“ (Martin Compart). Aber der Noir-Roman nutzt hauptsächlich die Strukturen des Kriminalromans, weil sie ihm ermöglichen, „düstere Charaktere am Rande der Gesellschaft zu beschreiben, in die Schattenseiten einzutauchen, wo die Regeln des Systems zusammenbrechen oder äußerst fragil sind, wo der Überlebenskampf zu zivilisatorischen Brüchen führt.“ (Martin Compart)

roman noir – Eine kurze Abgrenzung
Noir ist in den USA und in Frankreich nicht gleichbedeutend. Der französische roman noir ist – vereinfacht gesagt – das, was in den USA unter hardboiled verstanden wird, sicher auch die Bücher von Jim Thompson, Cornell Woolrich und David Goodis, die mit Gallimards „Serie Noire“ nach Frankreich kamen. Im roman noir gibt es üblicherweise einen Ermittler, im American Noir in den USA will die Hauptfigur meist das Verbrechen oder die Situation nicht aufklären, sondern ist auf andere Weise – beispielsweise als Täter oder Opfer – daran beteiligt. Diese Unterschiede tragen mit dazu bei, dass es – wie zuletzt Gunter Blank in seinem Nachwort zu Nic Pizzolattos „Galveston“ bemerkte – zwar keine Definition von Noir gebe, aber einen „Corpus an Klassikern, die das Universum des Noir bevölkern, und ein über Jahrzehnte gewachsenes Bewusstsein bei Lesern und Kritikern, was dem Genre zuzuordnen ist und was nicht.“

AbschlieĂźend
Noir lässt sich daher somit nicht mit einem Satz definieren, hier ist vielmehr Jean-Patrick Manchette anzuführen, der sagte: „Wichtig ist die Frage des Stils im Noir-Roman. Durch die behavioristische Schreibweise werden permanent Lügen aufgedeckt.“ In der Schwierigkeit einer klaren Erklärung liegt indes auch ein Großteil der Faszination für Noir begründet. Er ist ein „growing concept“ (George Tuttle), ein Genre, eine Stilrichtung, die sich beständig weiterentwickelt und verändert. Wichtig bleibt dabei nur eines: Nur weil es in einem Buch regnet, keine Helden und kein Happy End gibt, ist es noch lange nicht ein Noir.

Sonja Hartl (c) 09/2014

zur Übersicht zurück