Manchmal könnte man den Eindruck haben, es gebe zwei US-amerikanische Literaturen. Die der klangvollen Namen wie Philip Roth, John Updike, & Co, die im Geschmack und im diskursiven Feld der europÀischen Gegenwartsliteratur schreiben. Elmore Leonards Sozialisation passt schon nicht in dieses Muster: 1925 in New Orleans geboren, ist seine Basis das wenig literaturnotorische Detroit, Motor City. Army und Werbung, dann eher writer denn author, vor allem Verfasser von grimmigen Western, in denen allerdings zu wenig Landschaft, zu wenig Liebe und Romantik vorkamen, statt dessen eher unschöner Realismus.

Und es gibt eine amerikanische Literatur, die wir hier kaum kennen: Donald Westlake, Lawrence Block, George V. Higgins und neben anderen eben: Elmore Leonard. Ihnen haftet der Ruch an, „Genre“- Literatur, Thriller zu schreiben, „Krimis“ gar. Aber bis auf die Tatsache, dass Gewalt und KriminalitĂ€t in ihren amerikanischen Alltagspanoramen zentrale Rollen spielen, ist es schwer, Belege fĂŒr Genre-Standardisierungen zu finden. Die USA dieser Art von Literatur befindet sich außerhalb der Wahrnehmungs-Parameter des globalen Kulturbetriebs und ihre Hauptfiguren sind nicht vornehmlich Professoren, Stadtneurotiker und andere Intellektuelle, sondern Handwerker, Stewardessen oder Melonenfarmer. Die SchauplĂ€tze sind Malls und Arbeiterviertel, Motels und Diners; keine Vernissagen, kein New England Ambiente; eher Inner Cities denn Suburbia. Elmore Leonard gehört zu den detailgenauen Chronisten dieser „anderen“ Vereinigten Staaten von Amerika und ihrer Alltagskultur.

Manchmal könnte man sogar den Eindruck haben, es gebe zwei Elmore Leonards: Den einen u.a. von Quentin Tarantino hochgeschĂ€tzten Lieferanten von Filmstoffen: »Hombre« und »Valdez is coming«, »Mr Majestic«, »Get Shorty«, »Out oft Sight«, »Jackie Brown«, »Be cool« – ein berĂŒhmter Titel jagt den anderen. Richtig daran ist, dass etwa Tarantinos Figuren viel von Leonards Geschöpfen gelernt haben: vor allem das andauernde Reden und Plappern ĂŒber Gott, die Welt und die Popkultur.

Zu diesem Elmore-Leonard-Bild passt die Vorstellung, er schreibe schnelle, lakonische, trickreich geplottete Thriller, die an schicken Orten wie Miami (»LaBrava«, Glitz«), Los Angeles, (»Get Shorty«, »Be cool«) Ruanda (»Pagan Babies«) oder wie im neusten Roman, »Djibouti« am Horn von Afrika spielen und die bevölkert werden von smarten, harten Jungs und schönen, aufregenden, moralisch leicht fragwĂŒrdigen Frauen: Cops and robbers, Gangster gegen Gangster und wer legt wen aufs Kreuz?

Das alles ist zweifelsohne richtig. Aber ein zweiter Elmore Leonard kommt zum Vorschein, wenn man seine Romane ohne den Filter der Schlagzeilen und SprĂŒche wie den vom „besten Krimi-Autor“ aller Zeiten, genauer anschaut. TatsĂ€chlich stimmt Leonards in etlichen Interviews selbst formulierte Erkenntnis, dass ihn Plots nicht sonderlich interessieren, sondern vornehmlich seine Figuren. Kaum einer der Romane lebt von einem besonders ausgetĂŒftelten, x-mal gedrehten und getwisteten Plot. Es geht – Ausnahmen bestĂ€tigen die Regel – meistens darum, dass irgendwelche Leute Geld haben, das andere gerne hĂ€tten, so wie der aktuelle Roman, »Road Dogs« es wieder vergnĂŒglich beweist. Sechs Millionen sind besser vier, auch wenn man dafĂŒr Leute umbringen muss. Mindere Autoren als Leonard inszenieren solche Geschichten als raffinierte, kalkulierte Spiele. Dutch (wie Leonard bei seinen Fans heißt) begnĂŒgt sich mit der kompakt dargestellten, sehr realitĂ€tstĂŒchtigen Einsicht in das Wesen von homo sapiens in Zeiten des Hochkapitalismus.

Komplizierte, an den Haaren beigezogene PapierkalkĂŒle kommen in seiner flĂŒssigen, dialogdominierten Prosa, die ein Thesaurus von genial montierter Alltagssprache und Soziolekten ist, nicht vor. Die Kontingenz der Welt pfuscht dazwischen, Dinge gehen schief. Und das Leonard’sche Personal besteht nicht aus masterminds, Superschurken oder Hochleistungssportler, die alle Hindernisse des Lebens mit Bravour und unverrutschter Frisur ĂŒberstehen. Selbst Jack Foley, der Gentleman-BankrĂ€uber, den wir seit »Out of Sight« kennen und dem George Clooney in Steven Soderberghs Verfilmung sein Gesicht gegeben hat, und den wir in »Road Dogs« (neben anderen Bekannten aus dem Leonard-Universum) wieder treffen, ist vor Pleiten, Pech und Pannen nicht gefeit. Schließlich soll er gerade eine dreißigjĂ€hrige GefĂ€ngnisstrafe absitzen. Und es ist ein typisch Leonard’scher Sarkasmus, wenn Cundo Rey, der striptanzende und mörderische Marielito-Gangster aus »La Brava«, der dort erschossen wurde, in »Road Dogs« mit den Worten: „Eigentlich bin ich tot, aber hier bin ich nun mal“ wieder auftaucht.

Das ist aber nicht nur ein schöner Gag, sondern auch ein Hinweis, dass bei aller Realismus-Fiktion Leonard-Romane Literatur sind. Nur eben welche, deren LiterarizitÀt ohne viel selbstreferentielles Getöse das ErzÀhlen bestimmt.

So erklĂ€ren sich auch die vielen Subtexte aller Romanen. Da kann es um Film-, Fotographie und Architektur-Geschichte gehen wie »La Brava«. Oder um eine Geschichte der desillusionierten „68er“ in »Freaky Deaky« und gleichzeitig eine Skizze der militanten Linken in den USA. Dort gekoppelt wie alle Detroit-Romane mit einer prĂ€zisen Stadtgeschichte, die die Schicksale von HĂ€usern, Straßen und Stadtteilen beilĂ€ufig, aber illustrativ mitlaufen lĂ€sst. Das gilt auch fĂŒr Miami, zu dessen literarischen „Stadtschreibern“ sich Leonard neben Schwergewichten wie u.a. Charles Willeford, Carl Hiaasen, James W. Hall, Thomas Sanchez, Thomas McGuane oder neuerdings Nick Stone gesellt. Seine Florida/Miami-Romane wie »Gold Coast«, »La Brava«, »Stick« oder »Riding the Rap« haben erheblich zum Image des Miami von heute beigetragen.

Elmore Leonards Platz in der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur ist also eindeutig nicht auszumachen. Er kann ganze Felder fĂŒr sich beanspruchen. Die Kategorien, in die seine Werke gehören könnten, sind kaum zu definieren. Mit ihnen verhĂ€lt es sich wie mit seinen Figuren, die, ob Mann oder Frau, kaum je Klischee sind. Deswegen auch nicht gut und nicht böse, sondern meistens im Graubereich moralischer AuthentizitĂ€t. Deswegen herrscht bei Leonard keine regelhafte noir-Misogynie. Bei ihm können böse Frauen in die Luft fliegen oder davonkommen. Dass sie sexuell autonom sind und den Kerlen oft ĂŒberlegen, wird ihnen bei Leonard nicht automatisch zum (Todes-)Urteil. Und manch potentieller Schurke bekommt im Laufe eines Romans plötzlich eine ganz andere moralische Ausrichtung. Selbst die Formel, dass jeder jeden immer und unbedingt hereinlegen will, wird nicht erfĂŒllt. Dass so etwas nicht passieren muss, und dass genau daraus Tragik entstehen kann – auch das zeigt etwa »Road Dogs« sehr eindrĂŒcklich. Man darf sich bei Leonard auf gar nichts verlassen, noch nicht einmal auf die eigene Leseerfahrung, die wir doch alle zu haben glauben.

Nichts ist, wie man glaubt, dass es ist – aber dieser Grundsatz ist der Garant fĂŒr grosse Literatur.

© Thomas Wörtche, MÀrz 2010 (Krimi-Magazin, Eichborn)

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