Die Romane des amerikanischen Autors Jim Thompson sind ein eigenes Genre. Der Heyne-Verlag wagt sich an einige sperrige FrĂŒhwerke des Schriftstellers, die bisher noch nicht ĂŒbersetzt wurden.

Bevor Deputy Sheriff Lou Ford einen jugendlichen Kleinkriminellen seelenruhig mit dessen GĂŒrtel in einer GefĂ€ngniszelle erhĂ€ngt, um einen Mord zu verschleiern, den der GesetzeshĂŒter selbst begangen hat, erklĂ€rt er seinem Opfer den Lauf der Dinge: „Wir leben in einer verkehrten Welt, weißt du. Die Polizisten spielen die Gangsterrollen, und die Gangster sorgen fĂŒr Recht und Ordnung. Die Politiker halten Predigten und die Prediger machen in Politik. Die Steuereinnehmer wirtschaften in die eigene Tasche. (
) Es ist eine verkehrte Welt, und ich fĂŒrchte, so bleibt sie auch. Und ich will dir auch sagen, warum. Weil kein Mensch, fast kein Mensch, sich daran stĂ¶ĂŸt.“ Ignorantia, GleichgĂŒltigkeit, die man in der Renaissance noch mitsamt anderen Lastern aus dem Garten der Tugend (wie auf dem berĂŒhmten allegorischen GemĂ€lde von Andrea Mantegna zu sehen) treiben wollte, wird in den USA der McCarthy-Zeit zynische Zeitdiagnose, zeigt die humanistische Wertewelt in TrĂŒmmern und dient als Freibrief fĂŒr so ziemliche alles Scheußliche, Niedrige und Gemeine. Lou Ford, die Hauptfigur von Jim Thompsons Roman »Der Mörder in mir«, ist einer der berĂŒhmtesten Psychopathen der Literaturgeschichte und Thompsons Gesamtwerk hĂ€tte dem Philosophen der „negativen GefĂŒhlsreaktionen“, Aurel Kolnai, als Katalog fĂŒr eine Systematik des WiderwĂ€rtigen dienen können.

Jim-Thompson-Romane, so konstatierte bei aller Bewunderung Jean-Patrick Manchette, seien „weil er eine Art Irrer war, (
) ein einziger Wirrwarr von Phantasmen“ und keineswegs, wie immer gerne behauptet gesellschaftskritisch, sondern „völlig daneben, was historische und gesellschaftliche BemĂŒhungen betrifft.“

Der französischen Kritiker und Autor Alfred Eibel, der ihn 1970 wĂ€hrend eines kurzen Aufenthalts in Paris getroffen hatte, schrieb, Thompson habe „
.das zerknittert furchige Gesicht eines alten Schauspielers, wie Rudolf Platte, wie ein ermĂŒdeter Fisch, wie jemand, den das Leben von A bis Z reingelegt hat, weil er selbst nicht bescheißen kann.“ Die Biographie bestĂ€tigt den Eindruck. James Myers Thompson, spĂ€ter Jim Thompson, wuchs im Westen der USA auf. Geboren 1907, wurde er von seinen Eltern durch die Staaten Texas, Nebraska und Oklahoma geschleppt, immer auf der Suche nach Verdienstmöglichkeiten. Der Vater, man wĂŒrde sagen: ein schrĂ€ger Vogel, verdiente viel Geld im ÖlgeschĂ€ft, verlor wieder alles, verdingte sich neben anderen Jobs auch als US-Marshall. Aus dieser Zeit rĂŒhrte das Bonmot von Jim Thompson, er sei im GefĂ€ngnis geboren. Die Familie hauste gerade in einer Dienstwohnung ĂŒber dem Zellentrakt einer Polizeistation. Vermutlich hĂ€tte er sich auch ĂŒber das hartnĂ€ckige GerĂŒcht amĂŒsiert, er sei 1977 aus Armut verhungert. Was insofern richtig ist, als dass der moribunde, nicht gerade reich gewordene Thompson keine Nahrung mehr aufnehmen mochte.

Sein Vater sollte fĂŒr Thompsons Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man findet ihn in einer Reihe von Romanen in den verschiedensten Rollen wenig schmeichelhaft portrĂ€tiert. Thompsons eigenes Leben folgte dem Muster des Auf und Ab, seine Jugend-Autobiographie »Bad Boy« sowie die erdrĂŒckend materialreiche Biographie von Roberto Polito (»Savage Art«) zeichnen die Stationen nach.

Noch mehr Aufschluss gibt im Zuge einer kleinen Thompson-Reihe im Heyne-Verlag sein erstmals auf Deutsch erschienener Roman-Erstling »Jetzt und auf Erden« (1942), in dem Thompson semi-autobiographisch als „Jimmie Dillon“ von seinem Autorenleben erzĂ€hlt und von seiner TĂ€tigkeit im „Federal Writers Project“, einer Art Fördermaßnahme fĂŒr Schriftsteller im Zuge des New Deals wĂ€hrend der Großen Depression der 1930er Jahre, die unter anderen Saul Bellow, Zora Neale Hurston oder Nelson Algren als Sprungbrett diente. Thompson kam immer wieder der Alkohol in die Quere, weniger eine sehr kurzfristige Mitgliedschaft in der amerikanischen Kommunistischen Partei. »Jetzt auf Erden« ist die Geschichte eines Mannes, der sich durchschlagen muss, tyrannisiert von einer grĂ€sslichen Familie, vor allem von den Frauen der Clans. Aber auch die Geschichte eines Mannes, der sich zu viel gefallen lĂ€sst, der notfalls lĂ€chelt und seinen Frust auf eher neurotische Weise verarbeitet. »Jetzt und auf Erden« ist noch kein „typischer“ Thompson-Roman voller Gewalteruptionen, sondern eine eher beklemmende Studie ĂŒber die Lage der arbeitenden Klasse in den USA des Kriegsbooms.

Dieser Jimmie „Dilly“ Dillon ist ein noch einigermaßen friedlicher Prototyp von Thompsons spĂ€teren Figuren, die er vor allem in den Jahren von 1952 bis 1954 in zwölf Romanen entwickeln sollte. Die UmstĂ€nde waren Thompson einmal wirklich gĂŒnstig: Die sogenannten Paperback Originals kamen auf, die bezahlbare Literatur fĂŒr eine breite Öffentlichkeit möglich machten (und damit die Pulps, die billigen Heftchen unterschiedlicher QualitĂ€t, verdrĂ€ngten). Ein Verlag, Lions Books, der eine neue Programmlinie entwickeln wollte, tauchte auf. Und damit der kompetente Lektor Arnold Hano, der den nicht einfachen und immer wieder im Suff abstĂŒrzenden Thompson zu handhaben wusste. All das addierte sich zu einer dichten, kreativen Phase, in der Thompson die meisten seiner wichtigen Romane schrieb.

Lou Ford, der mörderische Deputy ist misogyn, weil er von seinem Mutterersatz, der HaushĂ€lterin, als Kind sexuell belĂ€stigt wurde. Dazu ein Sadist und Killer mit ödipaler Vaterfixierung, der seinen mentalen Verfall akribisch beobachtet. Andere Figuren ticken Ă€hnlich, sind zudem krank, impotent, versehrt. Im Fall von »In die finstere Nacht« (1953, jetzt auf Deutsch) ist es ein kleinwĂŒchsiger Killer mit Kindheitstrauma, der allmĂ€hlich wahnsinnig wird, wĂ€hrend er seinen sexuellen Obsession in small town America nachgeht und den Tod herbei halluziniert.

Wichtig ist letzterer Roman, weil Thompson mit formalen Experimenten aufwartet, die ihn neben der inhaltlichen RigorositÀt zu einem Bindeglied zwischen PopulÀrer Kultur und Avantgarde machte, wie es der belgische Kritiker Luc Sante auf den Punkt brachte.

Thompson lĂ€sst seinen Profi-Killer Carl Bigelow die Kontrolle verlieren, indem er ihn peu Ă  peu als ErzĂ€hlinstanz demontiert, die auf den eigenen Tod zustrebt und diesen Tod wider jede Dichtungslogik in der ersten Person erzĂ€hlt. Dazu benutzt Thompson Phantasmen, die aus den Bildwelten eines Hieronymus Bosch stammen könnten. Eine Farm, auf der inmitten wilder Ziegen Vaginas angebaut werden, flicht Thompson genauso selbstverstĂ€ndlich in seine Prosa ein wie er den Kleinstadt-Cop Ford William Wordsworth zitieren lĂ€sst oder sich ĂŒber „George Saul Patre, the inventor of Essentialism“ lustig macht. Selbst eine Art literarische split screen benutzt Thompson: In »Ein Satansweib« sind die letzten Seiten aus zwei BewusstseinszustĂ€nden des irre gewordenen Anti-Helden Dolly Dillon zusammenmontiert. Der hatte aus SchwĂ€che, Habgier, Geilheit und einem zutiefst gestörten VerhĂ€ltnis zu Frauen angefangen, Leute umzubringen und Geld zu rauben, bis ihm und seiner leicht retardierten Freundin (kein Sex, aber eine ungute Fixierung) ein noch widerlicheres Individuum alles geraubte Geld abnimmt.

Sam Peckinpah, der aus den ersten beiden Dritteln von »Getaway« 1972 einen erfolgreichen Gangster-Film mit Steve McQueen, Ali McGraw und Al Lettieri machte (und so fĂŒr Thompsons Revival in den 1970er Jahren sorgte), inszeniert am Anfang die Gleichzeitigkeit von Handlung analog durch split screen, wĂ€hrend die französische Verfilmung von »Ein Satansweib« von Alain Corneau das Irrewerden den SchauspielkĂŒnsten von Patrick Dewaere ĂŒberlĂ€sst. Wobei gerade Corneaus Film, der programmatisch »SĂ©rie Noir« (1979) heißt, die AffinitĂ€t von Thompson und der literarischen Avantgarde sichtbar macht. Corneau ist ein Regisseur, der mit „Genre“ eigenwillig avanciert umgeht, die Adaption und die Dialoge stammen von Georges Perec, einem der literarischen masterminds des 20. Jahrhunderts. Jim Thompson liefert fĂŒr solche Konzepte die idealen Vorlagen, weil seine Geschichten „nicht echt sind und schon gar nicht authentisch, aber in sich plausibel durch die Mise en forme„, eben den film noir, wie Norbert Grob beobachtete.

Auch ein anderer Avantgardist interessierte sich fĂŒr Thompson: Stanley Kubrick, der fand, dass niemand so ĂŒberzeugend aus dem Hirn eines Psychopathen schreiben könne wie Thompson, engagierte ihn als Drehbuchautor fĂŒr »The Killing« und fĂŒr »Pfade zum Ruhm«, doch die Kooperation endete im Fiasko. Thompson fĂŒhlte sich um seine Anteile betrogen und verwickelte sich in frustrierende, aussichtslose Rechtsstreite. Nein, er war kein Mann, der weiß, wie man selber bescheißt.

Kubricks Interesse indes war logisch. Thompson und seine Themen – ganz die Palette der Schwarzen Romantik, neu kontextualisiert im lĂ€ndlichen Amerika – wurzeln mit ihren Topoi und Motiven der sexuellen und gewalttĂ€tigen GrenzĂŒberschreitungen, den gespaltenen Persönlichkeiten, der Ver- und Entfremdung tief im europĂ€ischen 19. und frĂŒhen 20. Jahrhundert, wie ja Kubricks Werk sich ebenso aus diesen Quellen speist.

Am besten hatte vermutlich Bernard Tavernier mit seiner Verfilmung von »Pop 1280« als »Der Saustall« (1981) verstanden, wie „universal“ Thompsons Geschichten ĂŒber die bösartigen Seiten von homo sapiens sind: Er konnte ohne Probleme die Handlung und auch den religiös-wahnhaften, sexuell obsessiven, rassistischen und brutalen Dorfpolizisten Nick Corey ins frankophone Afrika der Kolonialzeit verlegen. Überdies hatte Tavernier bei diesem Film auch ein GespĂŒr fĂŒr den Dreck und das Eklig-Verkommene von Thompsons Szenarien, nicht nur symbolisch-psychologisch, sondern ganz buchstĂ€blich.

Es ist mutig von Heyne, auch »Blind vor Wut« erstmals zu ĂŒbersetzen. Thompson versucht in diesem gescheiterten SpĂ€twerk noch einmal alle seine Themen zu bĂŒndeln und in die Gegenwart der 1970er Jahre zu platzieren. Heraus kommt ein monströses Machwerk ĂŒber einen schwarzen jungen Mann mit weißer Mutter, fĂŒr ihn die „einzige“ Frau. Weil sie aber eine Hure ist, beginnt er sie zu erniedrigen und zu quĂ€len, so wie er auch mit kaltem Hass auf seine Hautfarbe und Herkunft alle Menschen um sich herum terrorisiert, weil er sich fĂŒr Jesus hĂ€lt. Das ist leider noch nicht einmal Ă€sthetisch radikal wie etwa der finale Exzess in dem Fragment »Plan B« von Chester Himes, dessen Werk ansonsten manche Parallelen mit dem von Thompson aufweist. Thompson, der aus einer unplausiblen „schwarzen“ Perspektive erzĂ€hlt, gerĂ€t der als großer Wurf gedachte letzte Roman bloß zu einer gewaltpornographischen und redundanten BrachiallĂŒmmelei.

Obwohl – selbst dieses Debakel zeigt ihn als Schriftsteller der Grenzverletzungen auf vielen Ebenen. Auch formal: er hat keine reinen Gangsterromane geschrieben, keine urbanen noir-EtĂŒden, keine country noirs und keine Psychothriller, im Grunde fast nichts, was irgendeinem Sub-Genre voll und ganz angehören wĂŒrde. Thompson-Romane sind ein eigenes Genre.

(c) Thomas Wörtche, 2012 (ZEIT Krimi Spezial, 31.10.2012)

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