Die Welt in Graham Greenes Romanen ist voller Treuelosigkeit, Gier und Betrug, sie ist damit wie geschaffen für den Film noir. Tatsächlich spielt sein Werk sowohl in den USA als auch in England eine wichtige Rolle im Film noir. Auf seiner Geschichte basiert „The Green Cockatoo“ (1937, William Cameron Menzies), der u.a. von Robert Murphy als erster britischer Film noir bezeichnet wird. Seine Romane waren die Grundlage von Frank Tuttles einflussreichem „This Gun for Hire“ (1942), Fritz Langs „Ministry of Fear“ (1944), Shumlins „Confidential Agent“ (1945) und natürlich Carol Reeds „The Third Man“ (1949). Als werknächste Greene-Adaption gilt indes „Brighton Rock“ (1947), da in diesem Film die für ihn typische Verbindung aus Bedrohlichkeit, Schuld und soziale Ungleichheit zum Tragen kommt. Zudem ist „Brighton Rock“, zu dem Greene das Drehbuch schrieb, die einzige Adaption seiner Kriminalgeschichten, die seine religiöse Symbolik aufgreift.

Erzählt wird die Geschichte des 17-jährigen Pinkie, der nach dem Tod seines Bosses Kite der neue Anführer einer Bande von Schutzgelderpressern in Brighton wird. Eines Tages bekommt er die Gelegenheit, aus Rache für Kites Tod den Zeitungsreporter Fred Hale zu ermorden. Die Polizei glaubt an eine natürliche Ursache für Freds Ableben und legt den Fall zu den Akten. Aber die resolute Ida, die kurz vor Freds Tod seine Bekanntschaft gemacht hat, zweifelt an dieser Version und will die Wahrheit herausfinden. Die größte Schwachstelle des Alibis von Pinkies Bande ist die naive Kellnerin Rose, deshalb will Pinkie sie zunächst mit einer Heirat, später einen vermeintlichen Selbstmord-Pakt zum Schweigen bringen.

Graham Greene wusste, dass im Film Bild und Bewegung („picture and movement“) wichtig sind, das gesprochene Wort oft erst an zweiter Stelle kommt. Während er viele Hollywood-Filme als zu seicht empfand, verehrte er die französischen Filme – insbesondere „Pepe le moko“ – für ihre Poesie und ihren Realismus. Zudem schätzte er, wie die Franzosen Kriminalgeschichten auf poetische Weise für eine größere Realitätsnähe und Sozialkritik nutzten, und erhoffte sich eine ähnliche Neuerung für den britischen Film, die in Richtung „blood melodrama“ (zit. nach Naremore, „More than night“) gehen sollte. Hierfür greift er auf die britische Tradition des Rachedramas zurück. In „Brighton Rock“ gibt es zwei Figuren, die Rache fordern: Pinkie will den Tod seines Mentors rächen, zudem fordert er Genugtuung für das Leben, das er führt. Ida handelt hingegen aus einem Sinn für Gerechtigkeit heraus: Sie will einen Mord rächen, indem sie ihn aufdeckt und den Täter dingfest macht. Dabei entspricht Ida der typischen Figur eines Rätselromans, Greene kontrastiert aber im Roman und insbesondere mit dem Ende ihre einfachen Auffassungen von Gut und Böse mit wesentlich komplexeren Konzepten.

Diese Rachegeschichten werden in „Brighton Rock“ mit den Motiven des ‚gejagten Mannes’ und der Verfolgungen durch die Stadt verbunden. Nachdem Pinkie von Freds Anwesenheit in Brighton zu Beginn des Films erfährt, schließt sich die erste Verfolgung durch die Hauptstraßen von Brighton an. Durch die weiten Einstellungen und schnellen Schnitte werden damit die Örtlichkeiten eingeführt, an denen die folgende Handlung stattfinden wird. Durch Hotels und Cafés gelangt man in ein enges Gasthaus und schließlich zurück zum Pier des Seebades, der bei Tag Vergnügungsmeile und bei Nacht ein Ort des Verlangens und der Rache ist. Brighton ist schon in Graham Greenes Roman keine freudvolle Stadt, es ist ein Ort der Hoffnungslosen und Gefallenen. Aus Angst vor möglichen Einbrüchen im Tourismus wurde die Handlung im Film ‚historisiert’, so dass sie vor dem Zweiten Weltkrieg spielt. Darin zeigt sich auch, dass Graham Greene 1947 in der britischen Filmindustrie größere Kontrolle über den Film hatte als bei seinen amerikanischen Adaptionen, so dass er einen größeren Sozialrealismus in „Brighton Rock“ sicherstellen konnte.

Seit 1946 wird vom britischen Film zudem die Bösartigkeit, Ambivalenz und Fremdheit des amerikanischen Film noir aufgegriffen. Deutlich wird dies in „Brighton Rock“ insbesondere durch Pinkie, der desillusioniert und böse ist. Für ihn ist das Leben „jail. It’s not knowing where to get some money. Worms and cataract, cancer. You hear ‚em shrieking from the upper window – children being born. It’s dying slowly.“ Er ist – wie die harte Zuckerstange, nach der der Film benannt ist – nicht zu brechen. Im Roman wird sein Charakter, werden seine Verwirrung, Hass und Dunkelheit insbesondere durch sein Innenleben sowie die damit zusammenhängenden psychologischen und religiösen Subtexte deutlich. Graham Greenes Pinkie verkörpert all das Böse. Im Film greift Richard Attenboroughs Schauspiel seine Unveränderlichkeit auf: In seinem Gesicht bewegt sich kaum ein Muskel, vielmehr starrt er bei allem, was er tut. Sein Pinkie besitzt keinerlei Unschuld mehr, obwohl er doch erst 17 Jahre alt ist. Es gibt anfangs keinen Hinweis, dass Pinkie überhaupt ein Herz besitzt, niemals scheint er zu zweifeln. Doch je näher ihm Ida kommt, je mehr Zeit er mit Rose verbringt, desto fiebriger werden er und seine Handlungen. Seine Verkommenheit wird durch die naive Rose kontrastiert, ihr Gutsein und sein Bösesein erscheinen als komplementär. Sie glauben an den Himmel und die Hölle. Doch während Rose vor allem aus dem Bestreben heraus handelt, in den Himmel zu gelangen, glaubt sich Pinkie bereits verdammt.

Diese Gegensätze zwischen Gut und Böse, zwischen Roses religiöser und Idas weltlicher Moral, zwischen dem bunten und dunklen Brighton werden von Kameramann Harry Waxman bravourös herausgearbeitet. Die Schatten auf der Treppe zu Pinkies Zimmer kontrastieren das helle Café, in dem Rose arbeitet. Die sonnige, fröhliche Seeseite, an der es Süßigkeiten zu kaufen und Unterhaltung gibt, steht im Gegensatz zu den dunklen Gassen. Diese Orte sind verbunden durch den Pier, der sowohl Schauplatz von Morden als auch touristischen Vergnügungen ist. (In der Neuverfilmung von Rowan Joffe wird dieser Widerspruch durch die Verlagerung der Handlung in die 1960er Jahre zu Zeiten der Brighton Riots sogar noch herausgestellt.) Sobald Pinkie in dem bunten Treiben am Meer auftaucht, wird der Stil grüblerischer, klaustrophobischer, so dass sogar vergnügte Touristen zu einem bedrohlichen Hintergrund werden. Zwei verstörende Szenen finden an eigentlich unterhaltsamen Orten statt: Pinkie ermordet Fred in einer Geisterbahn, später werden er und sein Komplize Spicer auf einer Rennbahn angegriffen. Wenn Pinkie die Schallplatte für Rose aufnimmt, wird die Grausamkeit dieser Szene durch die Inszenierung untermauert: Pinkie steht in einer Kabine, sagt seine Worte in das Aufnahmegerät. Im Hintergrund ist Rose zu sehen, die Pinkie nicht hören kann, sondern lediglich durch eine Scheibe in die Kabine voller Hoffnung und Zuversicht blickt. Sie hört nicht, dass er sagt, „What you want me to say is I love you. Here is the truth. I hate you, you little slut. You make me sick.“ Tatsächlich wird sie es – anders als im Buch – im Film vermutlich niemals erfahren. Denn nachdem Pinkie versucht hat, die Platte zu zerbrechen, hat sie einen Sprung, so dass sie in der zynischen Schlusseinstelling nach dem „I love you“ hängen bleibt und es beständig wiederholt.

„Brighton Rock“ ist 1947 in den Kinos angelaufen, im selben Jahr wie „They Made Me A Fugitive“, „It Always Rains On Sunday“ und „Odd Man Out“. Er verbindet Aufnahmen vor Ort und im Studio, das Rachedrama mit einer Verfolgungsjagd und Gangstergeschichte, die Kostüme und das Produktionsdesign erinnern an das französische Kino der 1930er Jahre und die Warner Gangsterfilme aus dieser Zeit (tatsächlich war der amerikanische Titel von „Brighton Rock“ auch „Young Scarface“). Damit weist er in die Richtung, in die folgende britischen Noir-Filme gehen werden – und gilt noch heute als einer ihrer wichtigsten Vertreter.

Sonja Hartl (c) 12/2015

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