Jean-Claude Izzo, 1945 in Marseille geboren, war lange Jahre Journalist. Nachdem er als Chefredakteur der Zeitschrift Viva aus politischen Gründen gefeuert wurde, begann er, Romane zu schreiben. Genauer: Kriminalromane. Ganz in der Tradition des französischen »Néo-Polar« von Jean Amila, Jean-Patrick Manchette oder Didier Daeninckx, also mit starkem politischem Akzent, als Teil einer literarischen Gegenöffentlichkeit. Izzo war schon fünfzig Jahre alt, als sein Erstling Total Cheops sofort ein Bestseller wurde. Nach dem dritten Roman um den »flic banlieu« Fabio Montale, Solea, hat sich Izzo dauerhaft an der Spitze des französischen Kriminalromans etabliert.

Gerade weil die Fabio-Montale-Romane »nur« Kriminalromane sein wollen, sind sie mehr oder anderes als »nur« Kriminalromane. Ganz unter der Hand. Und deswegen ist es logisch, dass Izzo sich auch außerhalb des Genres bewegt: Mit den Romanen Aldebaran und der Lyrik-Sammlung Loin de tous rivages hat er sich als hochklassiger Gegenwartsautor erwiesen. Izzo, der ein autodidaktischer Schriftsteller ohne Diplome und akademische Titel ist, sieht solche Unterscheidungen gar nicht gern. Zwar versteht er sich selbst »in aller Bescheidenheit« als Schüler von Leonardo Sciascia, findet aber generell, dass »Lesen und Schreiben« die Vereinzelung überwinden und dass man mit Kriminalromanen die »komplexe Wirklichkeit« am besten in den Griff bekommen kann.

Von Izzo wurde gesagt, er sei »Marseiller durch und durch. Das heißt: halb Italiener, halb Spanier mit arabischem Blut und Oliven von beiden Seiten«. Wie also sollte so jemand seine Stadt beschreiben wollen, ohne die Grundsubsistenz, das Essen, zu erwähnen? Denn nirgends schlägt sich die Mischung der Völker und Kulturen so deutlich erfahrbar nieder wie im Kochtopf. Man nennt das heutzutage gerne »crossover«. Aber weil Izzo wirklich etwas vom Essen und von der Wirklichkeit versteht, also von Berufs und der Kunst wegen ganz genau hinguckt, enttäuscht er sofort diesen lieb gewordenen Topos und gab Le Monde diplomatique folgende Ketzereien zu Protokoll:

»Ganz ohne Romantik war – und bleibt – Marseille der Ort, an dem sich die Exilierten der Welt begegnen. In den meisten Restaurants isst man folglich einfach und für wenig Geld. Die Gerichte sind mit einem treuen Festhalten am Ursprung zubereitet. Die Küche erneuert sich nicht, sie mischt sich nicht, sie bleibt bestehen. Essen verbindet mit der Heimat. Sich an den Tisch zu setzen, im Restaurant oder zu Hause, mit der Familie oder mit Freunden, das bedeutet, an die Erinnerung, an die Vergangenheit anzuknüpfen. Und wenn sich solch ein Kreis öffnet – Marseille ist eine offene Tür –, dann darum, um mit einer hübschen Portion Stolz zur Teilnahme an der Schönheit einzuladen, die dem Ort eignet, von dem man herkommt.«

Im Januar 2000 ist Jean-Claude Izzo gestorben.

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