Geht es um den besten Film noir, landen zuverlässig zwei Filme auf den vorderen Rängen: „Double Indemnity“ (dt. „Frau ohne Gewissen“) (1944) und „Out of the Past“ (dt. „Goldenes Gift“ (1947). Beide Filme vereinen mit einem tragischen Helden, einer verführerischen femme fatale und einer verschachtelten narrativen Struktur die Kernelemente des Film noirs. Im Vergleich ist „Double Indemnity“ insbesondere in der Erzählhaltung konsequenter: Die story entfaltet sich in Rückblenden, der Film beginnt mit dem langsamen Tod des Protagonisten. Schwer verletzt rettet sich Walter Neff in die Versicherungsagentur, um die Ereignisse in ein Diktaphon zu sprechen, die ihn zum Mörder werden ließen. Dabei gibt Neff schon in den ersten Sätzen das Wesentliche des Films preis: den Täter und das Motiv. Im Folgenden wird nun in Rückblenden, die immer wieder von Sequenzen unterbrochen werden, die Neff im Akt des Erzählens zeigen, der Weg zu seiner tödlichen Verletzung geschildert. Dadurch verlässt der Film die subjektive Perspektive Neffs nur am Anfang und Ende. Sein Geständnis gibt dem Film einen Rahmen, in dem sich die reale Zeit des Geständnisses und die erinnerten Rückblenden aufeinander zu bewegen und sich gegenseitig beeinflussen: Durch das Wissen um den Ausgang der Geschichte entsteht die Erwartung, einen Niedergang zu sehen, der begründet wiederum die Ausgangssituation. Dadurch entsteht zum einen eine Verbindung mit dem Zuschauer: So wie Walter Neff von dem Adressaten seines Geständnisses mit dem Diktaphon verbunden ist, ist er es mit dem Zuschauer durch die Kamera. Zum anderen begründet diese Erzählsituation die Grundstimmung der Hoffnungslosigkeit und des Fatalismus, durch seine Taten in der unmittelbaren Vergangenheit hat der Erzähler Walter Neff hat die Kontrolle über sein Leben verloren und wird sterben.

Dass man seiner Vergangenheit nicht entfliehen kann, ist auch in „Out of the Past“ zentrales Thema. Der Film von Jacques Tourneur basiert auf dem Buch Build My Gallows High von Daniel Mainwairing, der auch das Drehbuch fĂĽr die Verfilmung geschrieben hat. Die Geschichte beginnt, bevor wir den Protagonisten sehen: Joe Stephanos (Paul Valentine) kommt in den kleinen Ort Bridgeport – ein typischer, ländlicher RĂĽckzugsort im klassischen Noir – und sucht den Tankstellenbesitzer Jeff Bailey (Robert Mitchum), dem er eine Botschaft aus einem frĂĽheren Leben bringen soll: Whit Sterling will ihn in seinem Haus am Lake Tahoe sehen will. Daraufhin gesteht Jeff Bailyey seinen Freundin Ann (Virginia Huston), dass er eigentlich Jeff Markham heiĂźt und einst als Privatdetektiv gearbeitet hat. Sie begleitet ihn auf den Weg zu Sterling, auf dem er ihr von seiner Vergangenheit erzählt – und so entfaltet sich ein Teil der story in einer ausfĂĽhrlichen RĂĽckblende: Jeff wurde von Whit einst beauftragt hat, dessen Geliebte Kathie Moffat (Jane Greer) aufzuspĂĽren, die auf ihn geschossen, ihn um 40.000 Dollar erleichtert und verlassen hat. Aber es geht Whit weder um das Geld noch um Rache: „I just want her back. When you see her, you’ll understand better.“. Damit ist in Jeff schon vor dem ersten Treffen eine Erwartung geschĂĽrt, die die Begegnung mit Kathie vollends einlöst: Sie tritt aus dem hellen mexikanischen Sonnenlicht in den dunklen Innenraum einer Bar in Mexiko. Im Voice-Over betont Jeff, dass er in diesem Moment wusste, worum es seinem Auftraggeber eigentlich ging: „And then I saw her, coming out of the sun, and I knew why Whit didn’t care about that forty grand“. In der Dunkelheit nimmt sie Gestalt an, wenn sie später auf Jeff an einem vom Mond beleuchteten Strand trifft, bekommt sie eine fast ätherische Schönheit, die sie unwiderstehlich erscheinen lässt. Jedoch verweisen die Netze an diesem Strand schon darauf, dass sich Jeff ebenfalls in einem verfangen wird. Kathie erweist sich als fast archetypische femme fatale: Zwar flieht sie mit Jeff, aber sie belĂĽgt ihn hinsichtlich des gestohlenen Geldes und ihre Wege trennen sich nach einem Mord.

Bis zum Ende dieser Rückblende läuft der Film schon 40 Minuten – dann setzt sich die Handlung in der erzählerischen Gegenwart fort. Die Vergangenheit ist hier im Gegensatz zu „Double Indemnity“ ein Schatten, der die Gegenwart dominiert. Nur kurz konnte sich Jeff der Illusion eines geregelten Lebens hingeben. Als er bei Whit eintrifft, erfährt er, dass Whit wieder mit Kathie liiert ist. Aber er hat sich nicht nur wieder auf sie eingelassen, nachdem sie ihn bestohlen, betrogen und auf ihn geschossen hat, Whit will auch Jeff wieder engagieren, um einen Deal mit dem Buchhalter Leonard Eals auszuhandeln, der ihn erpresst. Jeff nimmt diesen Auftrag an, obwohl er weiß, dass er eine Falle ist. Er weiß, dass er hereingelegt wird, wenn er das Angebot von Eals Sekretärin Meta Carson zu einem persönlichen Treffen und später zu einem Drink annimmt, damit seine Fingerabdrücke am Tatort sind. Er ahnt, dass es nur vordergründig um ihn und Whit geht, sondern die Frauen das Heft in der Hand haben. Aber Jeff kann nicht von Kathie lassen, obwohl er weiß, dass sie ihn ins Verderben gestürzt hat und wieder stürzen wird; er findet keinen Ausweg, keine Flucht vor der Vergangenheit, weil er noch nicht einmal danach sucht. Vielmehr ist er überzeugt, dass er nun den Preis für vergangene Entscheidungen zu zahlen hat. Dabei ist Kathie wie Phyllis Dietrichson in „Double Indemnity“ eine Frau, die in ihrer Gestalt der Phantasie des Protagonisten entspringt, zugleich jedoch als Filmfigur auf der Leinwand zu sehen ist: Kathie ist sich dessen bewusst: „I never told you I was anything other than I am. You just wanted to imagine I was.“ Und Kathie hindert ihn nicht daran, schließlich geht es ihr in erster Linie um ihre eigenen Begehren.

In „Out of the past“ hintergeht jeder jeden, verheddern sich nach und nach alle in den Netzen, die ausgelegt wurden. Wie „Double Indemnity“ wird somit eine archetypische Geschichte eines Mannes erzählt, der seiner Vergangenheit nicht entkommen kann, jedoch ragen diese Filme aufgrund der Narration, des Drehbuchs, der Besetzung, der Regie, der Inszenierung und der Bildsprache heraus: In „Out of the Past“ ist Kirk Douglas ist großartig als Whit, er ist grausam und bösartig, aber gleichermaßen verführerisch. Jane Greer ist skrupellos und manipulativ, behält aber die Aura der Hilflosigkeit bei, die sie so verführerisch und ihre Gewissenlosigkeit umso schockierender macht. Robert Mitchum ist intelligent, misstrauisch, passiv wie aktiv, und verfängt sich in einem Fatalismus, mit dem er seine Fehler und Schwächen erkennt, sie aber nicht vermeiden kann. Diese Rolle wurde seine bekannteste Performance, sie machte ihn bei RKO zum einträglichsten Star. Jacques Tourneur inszeniert den Film langsam, dass sich die zentrale Liebesgeschichte entfalten kann und glaubwürdig ist. Und Nicholas Musuracas Kameraarbeit und Lichtsetzung verleiht dem Film eine fast traumähnliche Qualität, die zudem Jeffs Voice-Over-Narration unterstützt. Musucara war zu dieser Zeit für sein mood lighting bekannt, er war der Kameramann bei „Stranger on the Third Floor“ und entwickelte zusammen mit Val Lewton bei RKO mit seinem low-key-Stil und suggestiven Chiaroscuro einen Stil, der als „RKO-Expressionismus“ gesehen wurde und den frühen Film noir bestimmte. Musucaras Bilder geben der damals 22-jährigen Greer diese überwältigende, begehrenswerte Schönheit, die zugleich in der Dunkelheit verankert ist. „I never saw her in the daytime. We seemed to live by night. What was left of the day went away like a pack of cigarettes you smoked.“

Sonja Hartl (c) 06/2016

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